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Skateboard-Pionier Titus Dittmann „Die Gesinnung zählt - nicht das Alter“

10.03.2009 ·  Er hat das Skateboard nach Europa gebracht - und mit ihm einen Lebensstil, von dessen Vermarktung er lebt. Obwohl er Skateboarden als erwachsenenuntauglich ansieht, gehört er mit 60 Jahren noch immer zur Szene. Titus Dittmann im Gespräch.

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Titus Dittmann hat das Skateboard nach Europa gebracht - und mit ihm einen Lebensstil, von dessen Vermarktung er in den vergangenen 30 Jahren lebt. Die Titus GmbH wurde zum europäischen Marktführer und hatte zu seinen besten Zeiten mit 20 Tochterfirmen 550 Mitarbeiter und machte 90 Millionen Euro Umsatz. Dittmann ist Verleger, Groß- und Einzelhändler, Mode-Produzent, Eventmanager, Werbeagenturbesitzer. Ein missglückter Börsengang 2001 warf ihn zurück, heute hat sein Unternehmen noch 80 Mitarbeiter und einem Umsatz von rund 40 Millionen Euro.

Herr Dittmann, Sie sind im Dezember 60 Jahre alt geworden und Unternehmer. Wie steht es um Ihr Golfhandicap?

Ich habe ein grottenschlechtes Handicap, das fast 20 Jahre alt ist. Ich lege auch keinen Wert auf das ganze Club-Gehabe, obwohl mir das Golfspielen grundsätzlich Spaß macht. Wenn überhaupt, golfe ich mit Gesinnungsgenossen in meinem Garten oder wo auch immer in freier Wildbahn.

Stehen Sie noch auf dem Skateboard?

Nicht mehr täglich und nicht wie die „New Kids“, sondern gelegentlich und „Oldschool“. Etwas Miniramp, etwas Downhill, ganz selten Slalom, aber ziemlich oft zum Brötchenholen mit dem Longboard.

Wie war das damals, als Sie das Skateboard nach Deutschland gebracht haben?

Ich bin 1977 in Münster das erste Mal mit einem Skateboard konfrontiert worden. Die Kids haben mich probieren lassen. Danach bin ich in die Stadt gespurtet, um mir im Kaufhaus eines dieser bunten Plastikbretter zu kaufen. Das Material war grottenschlecht, aber die Kraft des Skateboardens habe ich als angehender Pädagoge schon deutlich gespürt. Der Virus hatte mich erfasst.

Sie haben Skateboarden als Schulsport eingeführt. Wie ist es dazu gekommen?

Ich war Referendar an einem Münsteraner Gymnasium, einige Schüler erkannten mich von den Skateboardsessions wieder und machten den Vorschlag, eine Sportgruppe für Skateboarder zu gründen. Ich habe mir die Genehmigung vom Schulkollegium besorgt und meine Staatsexamensarbeit über dieses Thema geschrieben.

Wie wurden Sie vom Lehrer zum Unternehmer in Sachen Skateboarden?

Weil meine Schülergruppe gutes Material benötigte, flog ich in den Ferien nach Kalifornien, um mit einigen, durch den Zoll geschmuggelten Profiskateboards zurückzu- kommen. So habe ich es geschafft, meinen Schülern die günstigsten Fabrikpreise ohne Fracht, Zoll und Mehrwertsteuer zu bieten. Das sprach sich schnell herum, und ein paar Jahre später war ich in Europa der Ansprechpartner aller Skateboarder. Das entscheidende Jahr war 1982, ich habe als Lehrer aufgehört, den Beamtenstatus an den Nagel gehängt, den ersten Skateboard-Contest veranstaltet und ein Skateboardmagazin gegründet. Der Contest wurde 24 Jahre lang als Weltmeisterschaft unter dem Namen „Monster Mastership“ ausgetragen und hat alle Skateboardhelden nach Münster gezogen. Das „Monster Skateboard Magazine“ ist heute das zweitälteste Skateboardmagazin der Welt.

War das Skateboard damals ein Sportgerät? Oder schon ein Transportmittel für Lifestyle?

Es wurde von der Erwachsenenwelt als Spielzeug gesehen und von den meisten Jugendlichen als ganz besonderes Sportgerät. Daraus hat sich schnell die stärkste Jugendkultur entwickelt, die jemals aus dem Sportbereich entstanden ist.

Wo orten Sie den kulturellen Aspekt?

Skateboarden hat extrem viele identitäts- und sinnstiftende Elemente und eignet sich ideal als Ausdrucksmittel der Generation, die in einer Orientierungsphase steckt. Beim Skateboarden geht es um Style, Ausdruck, Emotion, Glaubwürdigkeit und Zugehörigkeit.

Was hat ein Skateboardfahrer, was traditionelle Sportler nicht haben?

Weil Skateboarden, aktiv betrieben, relativ erwachsenenuntauglich ist, ist es identitätsstiftend und bildet gerade bei Jugendlichen ein für die Entwicklung notwendiges Selbstwertgefühl samt respektvollem Umgang miteinander.

Warum ist Skateboarden, aktiv betrieben, erwachsenenuntauglich?

Es stellt sehr hohe feinmotorische Anforderungen. Ein Skateboard zu beherrschen ist sehr schwer, es zu schaffen, bringt Glücksgefühle, Selbstbewusstsein und Befriedigung.

Tony Hawk, der Superstar der Szene, sagt, das Entscheidende beim Skateboarden sei, dass man ohne Trainer auskomme, dass man sich durch Mut und Willen immer weiter entwickeln könne, dass es kreativ sei.

Dem kann ich zustimmen, es ist aber eine rein sportliche Sicht. Skateboarden ist eine perfekte Synthese aus Leistungsbereitschaft, Kreativitätsanspruch, dem Willen zur Eroberung urbaner Räume und der Adaption dieses Lifestyles. Die ersten drei Elemente bereiten junge Menschen ideal auf die Bedürfnisse unserer Gesellschaft vor. Erfolg im späteren Leben und positiver Nutzen für die gesamte Gesellschaft hängen stark von diesen drei Faktoren ab. Der letzte Punkt bildet die Grundlage meines Geschäftes.

Sollte Skateboarden olympisch werden?

Für mich gehört Skateboarden nicht nach Olympia. Wenn es aber nicht zu verhindern ist, dann sollten wir Skateboarder dafür sorgen, dass wir dort die Entscheidungen treffen und nicht fremdbestimmt werden. Olympia wird dem Grundgedanken des Skateboardens nicht guttun.

Wo fängt der Mainstream an? Und wer zählt überhaupt zu den Skateboardern?

Nehmen wir ein Beispiel aus der Musik: Ist nur der Typ auf der Bühne mit dem Mikro in der Hand ein Hip-Hopper? Oder zählen auch alle begeisterten Zuhörer auf der anderen Seite des Bühnengrabens dazu? Wenn wir alle diejenigen, die den Skateboard-Lifestyle zelebrieren, mit zu den Skateboardern zählen, ohne auf die eigentlich sportliche Leistung mit dem Brett zu schauen, dann ist es schon verdammt Mainstream geworden.

Die Fahrer sind nur eine Randerscheinung?

Ja, die wirklich aktiv fahrenden Skateboarder werden immer eine Randerscheinung bleiben, weil die feinmotorischen Anforderungen einfach extrem hoch sind.

Wenn Skateboarden eine Jugendkultur ist, wie kann man da über 30 noch dazugehören?

Während sich noch vor einigen Jahrzehnten Kulturen und Szenen in Altersgruppen teilen ließen, ist das heute nicht mehr so einfach möglich. Die Mehrheit der Mitglieder sogenannter Jugendszenen sind zwar noch im jugendlichen Alter, aber die gleichartige Gesinnung spielt bei der Zugehörigkeit eine immer wichtigere Rolle. Aus reinen Jugendkulturen sind mehr und mehr ästhetische Gesinnungsgenossenschaften geworden, in denen das Alter nur noch eine zweitrangige Rolle spielt.

„Forever young“ - ist das der Traum, der dahintersteckt?

Die Idee unbegrenzter Jugendlichkeit ist zum gesellschaftlichen Grundkodex geworden und löst den klassischen Reifeprozess ab. Es gibt neue Lebensmuster. Ego, Lifestyle und Lebensgefühl entkoppeln sich von der biologischen Uhr.

Werden Sie mit 60 in der Szene noch akzeptiert? Oder sind Sie der verrückte Opa, der den Absprung nicht geschafft hat? Der Berufsjugendliche?

Der Begriff „Berufsjugendliche“ wird nur von älteren Semestern benutzt, die den Wandel unserer Gesellschaft noch nicht bemerkt haben. Wie gesagt: Die Szene selbst definiert sich immer weniger über das Alter und immer mehr über die Gesinnung. Zugehörigkeit und Akzeptanz werden in erster Linie durch die Glaubwürdigkeit in Bezug auf Lebenseinstellung und Lifestyle geschaffen.

Sind Skateboarder noch Trendsetter? Waren sie es jemals?

Skateboarder waren immer Trendsetter und werden es immer bleiben. Modewellen wie Sneaker, Baggy, Cargo und vieles mehr haben ihren Ursprung in der Skateboardszene. Das liegt daran, dass man ohne Leistungsbereitschaft, Kreativität und einem festen Willen nicht sehr weit kommt auf dem Skateboard. Diese drei Eigenschaften der Skateboarder, gepaart mit dem Bedürfnis, ihre Gesinnung durch Kleidung auszudrücken, führt zum Trendsetting.

Sie nennen Inlineskating eine „Pseudo-Jugendkultur“. Warum?

Weil Inlineskating auf Grund des niedrigen motorischen Anspruchs schnell von der klassisch denkenden Erwachsenenwelt adaptiert werden konnte. Dadurch wurde dem Inlineskaten jegliche Kraft als jugendliches Ausdrucksmittel genommen.

Was ist mit Snowboarden? Der Eindruck ist, dass es Probleme hat, aus seiner pubertären Phase herauszuwachsen. Dagegen wirkt Skateboarden sehr ernsthaft.

Snowboarden ist schlecht vergleichbar mit Skateboarden, weil es weniger homogen ist und aus vielen unterschiedlichen Szenen besteht. Obwohl Snowboarden leicht erlernbar ist, blieb ihm das Adaptionsschicksal des Inlineskatens erspart. Auf der einen Seite hat sich zwar auch eine von der traditionellen Skiwelt stark beeinflusste Szene etabliert, auf der anderen Seite aber gibt es Szenen, die in die ästhetischen Gesinnungsgenossenschaften der Skateboarder passen. Dazwischen gibt es eine ganze Menge Snowboarder, denen es nur um die sportliche Komponente oder um diese besondere Art des Gleitens geht, die aber kein Bedürfnis haben, das Snowboard als Ausdrucksmittel einer Lebenseinstellung oder Gesinnung zu benutzen.

Das Gespräch führte Michael Eder.

Quelle: F.A.S.
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