Home
http://www.faz.net/-gub-10cj9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Skateboard-Ikone Tony Hawk Das Jugend-Idol und sein Imperium

03.10.2008 ·  Tony Hawk hat das Skateboarden neu erfunden. Für einen Trick nahm er 17 Jahre Knochenbrüche und Prellungen in Kauf, nun ist er ein Superstar - und einer der bestverdienenden Sportler Amerikas. Seine Firmen setzen im Jahr 300 Millionen Dollar um.

Von Michael Eder
Artikel Bilder (15) Lesermeinungen (0)

Wenn ein Fünfzigjähriger auf die merkwürdige Idee kommt, einen Jugendroman zu schreiben, sind Missverständnisse nicht ausgeschlossen, selbst wenn der Autor Nick Hornby heißt. Der Engländer, nach „Fever Pitch“ und „High Fidelity“ ein formidabler Bestseller, hatte sich in den kahlen Kopf gesetzt, „Slam“ zu schreiben, die Geschichte eines Sechzehnjährigen, der im pubertären Irrgarten Rat bei einem Sporthelden sucht, dessen Konterfei als Poster über seinem Bett hängt.

Dieses Idol sollte Thierry Henry sein, der französische Fußball-Weltmeister, die größte Nummer damals im Arsenal-Team. Bevor Hornby die ersten Zeilen schrieb, recherchierte er in der Jugendszene - und entdeckte Erstaunliches: Kein halbwegs cooler Junge interessierte sich für Arsenal und Henry, und auch die Zahlen wiesen in eine andere Richtung. Der durchschnittliche Zuschauer in englischen Fußballstadien ist 43 Jahre alt - ein Jugendthema sieht anders aus, Henry war eine glatte Fehlbesetzung.

Keiner über 40, aber jeder unter 35 kennt Hawk

Eine andere Sportart musste her, ein anderer Star, ein anderes Poster musste an die Wand. Hornbys Wahl fiel auf den amerikanischen Skateboarder Tony Hawk. „Keiner über 40 hat je von ihm gehört“, sagt Hornby, „aber jeder unter 35 kennt ihn.“ Und so ist Tony Hawk für „Slam“ geworden, was er für Millionen Jugendliche ist: ein Idol, eine Sportikone.

Hossegor in Südfrankreich. Ein angenehmer Abend im September, der noch warme Atlantik glänzt im letzten Sonnenlicht, und alle warten auf Tony Hawk. Sein Sponsor Quiksilver hat eine Pressekonferenz organisiert, und der Auftrieb ist gewaltig. Morgen wird Hawk auf dem Place des Landais ein paar Meter vom Strand in einer vier Meter hohen Halfpipe seine Skateboard-Show aufführen, mit der er in den Vereinigten Staaten gerade eine ausverkaufte Tour hinter sich gebracht hat.

„Ich war der Albtraum meiner Eltern“

Die Leute haben sich feingemacht, vor allem die Frauen, und irgendwann biegt ein dürrer Mann um die Ecke, austrainiert, 1,90 Meter groß, vierzig Jahre alt und müde, sehr müde. Tony Hawk trägt Jeans, T-Shirt, Skaterschuhe Größe 47. Von San Diego nach Hossegor hart an der französisch-baskischen Grenze - das ist ein weiter Weg. Hawk war ewig unterwegs, und nun erlebt die erwartungsfrohe Gesellschaft einen todmüden, gleichwohl überzeugenden Helden. Höflich, freundlich und geduldig lässt er das Programm der Schaulustigen und Honoratioren über sich ergehen, so lange, bis man ihn endlich ins Hotel und ins Bett entlässt.

Tony Hawk ist 1968 als Sohn eines ehemaligen amerikanischen Bomberpiloten in San Diego geboren. „Ich war der Albtraum meiner Eltern“, sagt er. Er galt als schwer erziehbar und kam früh in psychologische Betreuung. Der Albtraum war zu Ende, als sein Bruder ihm ein Skateboard schenkte. Tony Hawk war acht damals, und von diesem Tag an hatte er seine Leidenschaft gefunden.

1999 der Urknall: Hawk steht den „900“

Sein Vater, als Offizier nicht gerade auf einen Sport erpicht, in dem sich hauptsächlich Freaks und Outlaws herumtrieben, erkannte das ungeheure Talent seines Sohnes für das Skateboarden und unterstützte ihn nach Kräften. Mit 14 war Tony Hawk Profi, mit 16 war er der weltbeste Fahrer, mit 17 kaufte er sein erstes Haus, mit 18 die erste Villa, in einem nicht enden wollenden kreativen Rausch erfand er fast hundert neue Figuren und Tricks. Und dann starb das Skateboarden. Anfang der Neunziger war es von den Straßen und aus den Parks verschwunden und mit ihm Tony Hawk. „Ich glaubte, es sei zu Ende.“

Doch nach Jahren der Depression ging es wieder aufwärts mit dem Skateboarden, und Mitte der Neunziger waren die coolen Jungs bei den Sponsoren wieder en vogue, und wieder war Hawk der Beste. Und dann kam es zum Urknall: 1999 bei den X-Games in San Francisco stand Hawk in der Halfpipe zum ersten Mal einen sogenannten „900“, einen Sprung mit zweieinhalbfacher Drehung. Hawk hatte siebzehn Jahre an diesem Trick gearbeitet, zahllose Knochenbrüche, Prellungen und üble Verletzungen inklusive (siehe: Tony Hawks 900 bei den X-Games).

Seitdem hat Hawk keinen ernsthaften Wettkampf mehr bestritten

„Der Schmerz zeigt dir beim Skaten deine Grenze“, sagt er. Siebzehn Jahre hatte er diese Grenze Stück für Stück hinausgeschoben, so lange, bis er den „900“ stand, und von diesem Tag im Sommer 1999 an hat er nie wieder einen ernsthaften Wettkampf bestritten; das Limit, das Menschenmögliche schien ihm erreicht. Bis heute ist es nur zwei anderen Skateboardern gelungen, einen „900“ zu stehen.

Es ist wieder Abend geworden in Hossegor, und Tony Hawk hat ausgeschlafen. Die Halfpipe steht, und die Leute von der Security haben ein Problem. Der Place des Landais ist voller Menschen, Absperrgitter müssen aufgestellt, die Zugänge geschlossen werden. Hossegor hat 3000 Einwohner, Ende September sind kaum noch Touristen da, doch als Tony Hawk zum ersten Mal durch die Halfpipe saust, sind mehr als 7000 Zuschauer da, darunter viele Kinder und Jugendliche; wer keinen Einlass mehr fand, sitzt unten am Strand.

Hawk ist ein Superstar - und einer der bestverdienendsten Sportler

Die große Party hat begonnen, und jedesmal, wenn Hawk oder einer der anderen Fahrer die vier Meter hohe Leiter auf die Rampe hinaufsteigt, muss er, halb Sportler, halb Popstar, Autogramme schreiben, auf Fotos, Schuhe, Hemden, blanke Haut, muss er die Fans abklatschen, bis die Hände schmerzen.

Ja, sagt Hawk, dieser „900“ damals habe vieles, fast alles verändert. Noch im selben Jahr erschien das Videospiel „Tony Hawk Pro Skater“, das ihn in der Jugendszene weltweit bekanntmachte. Heute ist Hawk in den Vereinigten Staaten ein Superstar - und einer der bestverdienenden Sportler. Allein mit seiner Bekleidungslinie setzt er 150 Millionen Dollar im Jahr um, daneben führt er ein Unternehmen, das Skateboards produziert, leitet eine Stiftung, die Skateparks in Städten mit schwieriger Soziallage finanziert, tourt mit seiner perfekt vermarkteten Show durchs Land, hat eine eigene Radioshow und ist im Fernsehen bei ESPN und MTV präsent.

Achterbahnen tragen seinen Namen

In großen Vergnügungsparks rotieren spektakuläre Achterbahnen, die seinen Namen tragen - und nebenbei verdient er Millionen mit mittlerweile dreizehn Videospielen, die weltweit zu den erfolgreichsten Actionspielen gehören. Allein vom Premierenspiel gibt es mehr als fünf Millionen Kopien; insgesamt dürften bislang zwischen 35 und 40 Millionen Spiele der Hawk-Serie verkauft worden sein.

Hawks Vertrag mit dem Spielehersteller Activision läuft bis 2015. Als der 1998 geschlossene Kontrakt 2002 verlängert wurde, bekam Hawk als Vorschuss 20 Millionen Dollar, außerdem einen Privatjet zur freien Verfügung. Den Jahresumsatz des Hawk-Imperiums bezifferte das „Forbes“-Magazin schon 2003 auf rund 300 Millionen Dollar - mittlerweile dürfte er erheblich höher liegen.

„Olympia braucht uns - wir brauchen Olympia nicht“

Dass Skateboarden, was technische Tricks und Coolnessfaktor betrifft, heute als Leitsport sowohl für Surfen wie auch für Snowboarden gilt, ist Hawks Verdienst. Und dass es ein riesiges Geschäft geworden ist, ebenso. Skateboarden hat sich in den Vereinigten Staaten längst vom Underground- zum Mainstreamsport entwickelt: Etwa zehn Millionen Jugendliche üben sich regelmäßig auf dem kleinen Brett, das sind mehr als jene, die organisiert Baseball spielen.

Der vom Skateboarden generierte Marktwert für Ausrüstung und Lifestyleprodukte in den Vereinigten Staaten wird auf acht Milliarden Dollar geschätzt. Längst haben die Olympier ein Auge auf die Skateboarder geworfen, was Hawk zurückhaltend kommentiert: „Skateboarden ist nicht nur jung und frisch, sondern hat in den Vereinigten Staaten mittlerweile eine öffentliche Aufmerksamkeit, die viele olympische Sportarten nicht haben. Olympia braucht uns - wir brauchen Olympia nicht.“

„Etwas Ungewöhnliches tun und damit am Ende Erfolg haben“

Daheim in Kalifornien besitzt Hawk, Vater von vier Kindern, ein legendenumwobenes Anwesen inmitten einer mächtigen Skateranlage mit Pipes, Rampen und allem, wovon Skateboardfahrer träumen. Als der Frankfurter Skateboardprofi Sascha Müller einmal in Hawks Bürokomplex vorbeischauen durfte, kam er aus dem Staunen nicht heraus. Links die Büros der Bekleidungslinie, rechts die Büros der Boardfirma, daneben ein Radiostudio und in der Mitte eine riesige Halfpipe, in der der Meister seine Pausen zu verbringen pflegt.

Die Show in Hossegor ist zu Ende, ein rauschender Erfolg, auf dem Place des Landais sorgt eine Rap-Band noch für Stimmung, während dreißig Meter Luftlinie entfernt Tony Hawk im Hotel de la Plage in einem Nebenraum sitzt und mit den anderen Fahrern als einer unter vielen auf sein Essen wartet. Was hält er von Hornbys Buch? „Es ist eine Ehre für mich, dort aufzutauchen und als positiver Einfluss wahrgenommen zu werden.“ Fühlt er sich als Jugendidol? „Nein“, sagt er, „ich will nur in einer einzigen Beziehung ein Vorbild sein: darin, dass man etwas völlig Ungewöhnliches tun und damit am Ende Erfolg haben kann.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1957, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr