02.10.2008 · Nachrichten aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Radsports: die „Operacion Puerto“ hat für Dopingarzt Fuentes keine juristischen Konsequenzen. Lance Armstrong hat keine Lust, sein gutes Gewissen zu beweisen. Frank Schleck beteuert seine Unschuld.
Die „Operacion Puerto“ wird zu den Akten gelegt und bleibt für den spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes ohne juristische Konsequenzen. Die spanischen Behörden stellten die Ermittlungen im größten Dopingskandal der Radsport-Geschichte gegen Fuentes als zentrale Figur eines mutmaßlich internationalen Doping-Netzwerkes endgültig ein. Der zuständige Untersuchungsrichter Antonio Serrano konnte dem beschuldigten Fuentes und dessen Helfern auch im zweiten Anlauf keine Straftat nachzuweisen. Er begründete die Einstellung des Ermittlungsverfahrens nach spanischen Presseberichten damit, dass die von Fuentes verabreichten Dosen des Blutdopingmittels EPO den betroffenen Profis keinen gesundheitlichen Schaden zugefügt hätten.
Laut Untersuchungsrichter Antonio Serrano hätten die bisherigen Erkenntnisse keine ausreichenden Anhaltspunkte für weitere Justizaktivitäten oder eine Anklage gegen den Mediziner wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit ergeben. Bei der „Operacion Puerto“ der spanischen Polizei im Zuge der Dopingbekämpfung waren 2006 mehr als 200 Blutbeutel bei Fuentes und einem weiteren Mediziner, José Luis Merino Batres, beschlagnahmt worden.
Erste Einstellung im März 2007
Die Justiz ermittelte gegen Fuentes, den Blutspezialisten Merino Batres, den früheren Liberty-Teamchef Manolo Saiz und fünf weitere Verdächtige. Die Ermittlungen richteten sich nur gegen Sportärzte und Funktionäre, nicht aber gegen die Radprofis. Allerdings wurden mehrere Fahrer von der Tour de France 2006 ausgeschlossen.
Der Richter hatte seine Ermittlungen im März 2007 schon einmal eingestellt. Dagegen erhob jedoch die Staatsanwaltschaft Einspruch. Sie wurde dabei von Spaniens oberster Sportbehörde (CSD), dem Weltverband UCI, der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) unterstützt. Ein Gericht gab dem Einspruch statt und trug dem Richter auf, die Ermittlungen fortzusetzen.
Neues Gutachten, abermalige Einstellung
Wenigstens 50 Radprofis, darunter der zurückgetretene Jan Ullrich, der Ansbacher Jörg Jaksche (siehe: Nach Ablauf der Dopingsperre: Jörg Jaksche kehrt nicht zurück) und Girosieger Ivan Basso (Italien) wurden in den Akten erwähnt. Während Basso und Jaksche geständig waren, bestreitet Ullrich weiter alle Vorwürfe, obwohl gefundene Blutbeutel ihm zweifelsfrei zugeschrieben werden konnten. Die Ermittlungen gegen Fuentes waren im vergangenen Februar zum zweiten Mal aufgenommen worden. Vorausgegangen war ein erfolgreicher Einspruch der Staatsanwaltschaft gegen den ersten Einstellungsbeschluss.
Auf der Grundlage eines neuen Expertengutachtens entschied Serrano nun zum zweiten Mal, die Ermittlungen einzustellen. „Die den Beschuldigten zur Last gelegten Vorwürfe stellten nach der damaligen Rechtslage keine strafbaren Handlungen dar“, entschied der Richter nach Angaben des Sportblatts „Marca“. Gegen die Entscheidung können die Betroffenen innerhalb von drei Tagen Einspruch erheben.
Schleck beteuert seine Unschuld
Doping war bei der Aufdeckung des Skandals kein Straftatbestand, weil Spanien damals kein Anti-Doping-Gesetz hatte. Dem Arzt Fuentes und dessen Helfern hätte allenfalls eine „Schädigung der Gesundheit“ der betroffenen Radprofis zur Last gelegt werden können. Im November 2006 erhielt Spanien ein Anti-Doping-Gesetz, das für dopende Ärzte und Manager Haftstrafen vorsieht. Das Gesetz konnte aber nicht rückwirkend auf die „Operación Puerto“ angewandt werden.
Vor der Luxemburger Anti-Doping-Agentur Alad hat Radprofi Frank Schleck unterdessen seine Unschuld beteuert. Er bleibe dabei, dass er ein „reines Gewissen“ habe, zitierte die Luxemburger Tageszeitung „Tageblatt“ Schleck nach der Anhörung am Mittwochabend. Sein Anwalt Albert Rodesch betonte, „dass Frank Schleck nie gedopt hat, nie eine unerlaubte Methode angewandt hat oder versucht hat, anzuwenden“.
Bonner Staatsanwaltschaft war auf Überweisung gestoßen
In der Vorwoche wurde berichtet, Schleck soll Kunde des spanischen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes gewesen sein (siehe auch: Doping-Razzia: Dem Radsport drohen neue Erschütterungen). Er könne „nicht präzise sagen, wann eventuell weitere Ermittlungen stattfinden“, teilte Alad-Präsident Robert Schuler mit, ohne Details der etwa 45-minütigen Anhörung preiszugeben.
Laut Alad war die Bonner Staatsanwaltschaft im Rahmen ihrer früheren Ermittlungen gegen Jan Ullrich, Oscar Sevilla und Rudy Pevenage auf eine Überweisung in Höhe von 6691 Euro von Frank Schleck an Fuentes gestoßen. An diesem Donnerstag sollte der 28 Jahre alte Frank Schleck, der bei der Tour de France das Gelbe Trikot getragen hatte, dem Radsport-Weltverband UCI Rede und Antwort stehen.
Anwalt setzt auf französische Proben
Während der WM in Varese hatte im Hotel der Luxemburger Nationalmannschaft in der Nacht zum vergangenen Samstag eine Razzia der italienischen Spezialeinheit Nas im Auftrag der Staatsanwaltschaft Varese stattgefunden, die möglicherweise im Zusammenhang mit den „SZ“-Vorwürfen gegen Schleck stand. „Sein Name wurde im Kontext von Sachen genannt, die nicht bewiesen sind und auch nicht zu beweisen sind“, sagte Schlecks Anwalt Rodesch.
Die Nachuntersuchungen der Blutwerte von zehn diesjährigen Tour-Teilnehmern, die derzeit im Labor Chatenay-Malabry vorgenommen werden, sollen ebenfalls Schlecks Unschuld beweisen. „Wir hoffen, dass bald die Analysen der Französischen Anti-Doping-Agentur da sind. Wir warten darauf, um sagen zu können: 'Seht ihr. Wir hatten recht. Wir haben nichts mit diesem Epo-Cera-Problem zu tun'“, sagte Rodesch.
Armstrong lehnt neue Untersuchung ab
Derweil will Lance Armstrong sich bei seinen Comeback-Bemühungen nicht von den Schatten der Vergangenheit stören lassen. Der Amerikaner lehnte das Angebot der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD einer nachträglichen Analyse seiner Urinproben von der Tour de France 1999 kategorisch ab. „2005 haben Untersuchungen ergeben, dass mit den Urinproben aus 1998 und 1999 nicht sachgemäß umgegangen worden ist. Es gibt außerdem nichts, was für 1999 von Bedeutung sein könnte“, begründete der Tour-Rekordsieger seine Position. Der Vorschlag von AFLD-Präsident Pierre Bordry sei daher ein „fundamentaler Fehlschlag“, sagte Armstrong.
Armstrong sollte „gutes Gewissen“ beweisen können
Die AFLD hatte am Mittwoch zur Klärung der anhaltenden Doping-Verdächtigungen gegen den 37 Jahre alten Armstrong offeriert, dass wenigstens fünf eingelagerte Urinproben des Texaners von 1999 nachträglich noch auf Spuren von Epo untersucht werden könnten. Durch seine Zustimmung könne Armstrong, so hieß es in einer AFLD-Mitteilung, „sein gutes Gewissen beweisen“. Bei ihrem Angebot wies die AFLD außerdem darauf hin, dass Armstrong selbst im Falle eines Epo-Nachweises in den Proben aufgrund der achtjährigen Verjährungsfrist für Dopingvergehen keine Konsequenzen zu fürchten hätte (siehe auch: Lance Armstrong: Franzosen drängen auf neue Untersuchung alter Proben).
Gegen Armstrong waren 2005 nach seinem Rücktritt schwere Doping-Anschuldigungen erhoben worden. Die französische Sportzeitung „L'Equipe“ hatte dem siebenmaligen Tour-Sieger Epo-Doping in sechs Fällen vorgeworfen und sich dabei auf die Auswertung tiefgefrorener Proben von 1999 berufen.
Ricco zwei Jahre gesperrt
In Italien hat das Nationale Olympische Komitee Coni den des Dopings überführten Radprofi Riccardo Ricco für zwei Jahre gesperrt. Der 24 Jahre alte Ricco war während der Tour de France des Dopings mit dem Epo-Präparat Cera überführt und nach seinem Geständnis seit dem 31. Juli für alle Wettkämpfe gesperrt worden. Ricco hatte bei der Frankreich-Rundfahrt zwei Etappen gewonnen, wobei ihm eine Dopingkontrolle nach seinem Sieg auf dem vierten Teilstück zum Verhängnis wurde.
Der Kletterspezialist hatte zunächst die Einnahme verbotener Substanzen geleugnet, später aber in einer Anhörung durch das Coni eingeräumt, gedopt zu haben. „Ich bin sehr enttäuscht, denn ich hätte auf mehr Verständnis gehofft“, sagte der Italiener, der auf eine mildere Strafe spekuliert hatte: „Aber ich habe etwas falsch gemacht, und deshalb ist es richtig, dass ich dafür bezahle.“ Sein Anwalt kündigte an, dass er mit seinem Mandanten den Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne erwäge.