Vor dem Spielen stand für Sinan Akdag das Staunen. Weil der Eishockeyprofi bei der WM-Auftaktbegegnung der Deutschen noch nicht zum Einsatz kam, schlenderte der Nationalmannschafts-Neuling ein wenig in den Katakomben der Stockholmer Globe Arena umher, als er sich plötzlich einem wahren Riesen gegenübersah.
Mit seinen 1,91 Meter ist Jewgeni Malkin zwar gerade einmal zwei Zentimeter größer als Akdag. Trotzdem schaute der Deutsche zum russischen Superstar des NHL-Klubs Pittsburgh Penguins empor und fühlte sich „wie ein kleines Mädchen, das einen Popstar sieht“. Hätte Malkin aber gewusst, wer ihn so anstarrte, wäre er wohl selbst ins Staunen geraten. Ein deutscher Spieler mit türkischen Wurzeln bei einer Eishockey-WM? Ja, Sinan Akdag ist eine kleine Attraktion unter all den Kufenkünstlern, die derzeit in Schweden und Finnland ihre Kreise ziehen.
Als Kind von Einwanderern aus Ankara wurde der 22-Jährige in Rosenheim geboren, und weil es von seinem Elternhaus nur ein paar Meter waren zum Kathrein-Stadion, schnürte Akdag alsbald seine Schlittschuhe.
Mit vier stand er das erste Mal auf dem Eis, mit fünf nahm er einen Eishockeyschläger zur Hand, und so begann eine Karriere, deren vorläufige Höhepunkte das Länderspieldebüt im vergangenen Dezember und die WM-Teilnahme nur fünf Monate später markieren. Wie „ein kleines Märchen“ erscheine ihm sein Aufstieg in die große Eishockeywelt, sagt Akdag.
„Ich freue mich über jede Minute, die ich spiele“
Weil die Geschichte so schön ist, wird der Eishockeyprofi in letzter Zeit ständig mit einem Landsmann verglichen, der ein Jahr früher geboren wurde und gleichfalls als Nachfahre türkischer Einwanderer zu einem deutschen Nationalspieler von Format heranwuchs.
Sinan Akdag ist aber zu bescheiden, um sich mit Mesut Özil vergleichen zu lassen. „Özil ist Weltklasse und spielt in einem Weltklasseverein“, sagt der Eishockeyprofi über den Fußballstar aus Gelsenkirchen, der es zu Real Madrid geschafft hat: „Im Gegensatz zu ihm stehe ich erst am Anfang und freue mich über jede Minute, die ich spiele.“
In der Eishockeywelt angekommen fühlt sich der Verteidiger, der in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) bei den Krefelder Pinguinen sein Geld verdient, noch längst nicht. Von Bundestrainer Jakob Kölliker als einer der letzten beiden Spieler für die WM nominiert, bekommt Sinan Akdag weniger Eiszeiten als seine erfahrenen Kollegen.
Am Samstag, als die deutsche Auswahl nach Toren von Thomas Greilinger (38. Minute) und Philip Gogulla (49.) Dänemark 2:1 besiegte und sich die Chance auf den Viertelfinaleinzug wahrte, musste er sogar auf der Tribüne Platz nehmen. Seine WM-Teilnahme habe er sich „dank seiner akribischen Arbeit und seinem großen Willen“ verdient, sagt Kölliker. Am Sonntag (20.15 Uhr) geht es für das deutsche Team gegen Norwegen weiter.
Der Unterschied zum DEL-Niveau ist hoch
Bei seiner enttäuschend verlaufenen Premiere gegen Lettland (2:3) stand Akdag knapp 14 Minuten auf dem Eis, bei den folgenden Niederlagen gegen Russland (0:2) und Schweden (2:5) jeweils zwischen fünf und sechs Minuten. „Wenn du so wenig spielst, ist es schwierig, sich gut zu zeigen“, sagt Akdag, der in Krefeld als Stammkraft bis zu zwanzig Minuten auf dem Eis kurvt, doch in der Nationalmannschaft nur sporadisch zu Einsätzen kommt.
Der Unterschied zum DEL-Niveau sei eben enorm groß, so Akdags Turniereindrücke: „Man unterschätzt das ein bisschen. Man muss den Puck schnell spielen, und wenn man den Kopf unten hat, bekommt man sofort einen brutalen Check.“
Den deutschen Kader durchzieht zwar seit Jahren ein Hauch von Multikulti. Während aber Spieler wie der in Kasachstan geborene Torhüter Dimitrij Kotschnew oder die eingebürgerten Kanadier Kevin Lavallée und John Tripp aus mehr oder weniger großen Eishockeynationen stammen, liegen Akdags Wurzeln in einem Staat, der als Entwicklungsland gilt.
790 Eishockeyspieler gibt es in der Türkei, darunter gerade einmal 310 erwachsene Männer, denen landesweit acht Eishallen zur Verfügung stehen.
„Ein Spiel gegen die Türkei wäre schon komisch“
Das Nationalteam pendelt seit Jahren zwischen dritter und vierter Klasse, vor drei Wochen gelang vor heimischer Kulisse in Erzurum gerade wieder der Aufstieg - nach Siegen gegen Luxemburg, Nordkorea, Irland, Griechenland und die Mongolei. Ein wenig verfolge er die Entwicklung im Land seiner Eltern, sagt Sinan Akdag.
Ein Länderspiel gegen die Türkei wäre für ihn zwar ein „besonderes Duell“, erscheint aber so gut wie ausgeschlossen. Die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes will zu den acht besten der Welt gehören, die Türkei nimmt in der Weltrangliste Platz 37 ein. „Es wäre schon komisch, wenn es mal zu einem Aufeinandertreffen kommen sollte“, sagt der Verteidiger.
Ein Anliegen Akdags ist es, seinen Sport für türkischstämmige deutsche Jugendliche attraktiver zu machen. Er wolle den Jungen nahebringen, nicht nur zum Fußball zu gehen, sondern „dass Eishockey cool ist“.
Für ein wenig Aufmerksamkeit hat Akdag schon gesorgt. Nach einem Länderspiel neulich in Ravensburg sei ein türkischer Vater mit seinen zwei Söhnen auf ihn zugekommen. Und die haben zu Sinan Akdag aufgeschaut wie er selbst zu Jewgeni Malkin.