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Springreiten : Simone Blum und Alice springen zum Weltmeistertitel

Kein Hindernis zu hoch: Alice trägt Simone Blum zur Goldmedaille. Bild: EPA

Die Überraschung von Tryon ist perfekt: Simone Blum hält dem Druck stand und bringt bei ihrer ersten Weltmeisterschaft gemeinsam mit Alice die Führung ins Ziel. Die Goldmedaille ist der perfekte WM-Abschluss für die deutschen Reiter.

          Kein einziger Fehler. Nicht einmal ein Wackler. Und das in fünf Runden, die jedem anderen, der sich in dieses WM-Geläuf wagte, irgendwann den Zahn zogen. Allen. Außer Simone Blum und Alice. Wer dieses Paar vorher noch nicht kannte in der Reiterwelt, der kennt es jetzt. Diese beiden Shooting-Stars waren die einzigen, die bei den Weltreiterspielen alle Hindernisse ohne jedes Problem überwanden: Die coole Bayerin mit ihrem fliegenden Pferd. Es war wohl eine der größten Überraschungen in der jüngeren Geschichte des Springreitens, dass diese 29 Jahre alte Springreiterin aus Zolling, die erst vor zwei Jahren im großen Sport auftauchte und in Tryon ihre erste Weltmeisterschaft bestritten hat, am Sonntag souverän den Titel gewann. „Ich weiß nicht, was der Schlüssel zum Erfolg war“, sagte sie hinterher verdattert. „Ich hatte nicht so viel erwartet.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Doch das war ihre Woche. Auf dem Siegerpodest, als die deutsche Hymne lief, fingen die Tränen bei ihr an zu fließen. Seit Mittwoch hatte sie gewirkt, als könnte nichts sie aus der Ruhe bringen – im Gegensatz zu ihrer Stute Alice, einem hochnervösen Pferd. Die Kombination von beidem ist die Erfolgsformel. „Ich habe keine Wünsche mehr“, sagte sie noch. Auch auf Platz zwei und drei herrschte eitel Freude: Martin Fuchs mit Clooney und Steve Guerdat mit Bianca entschädigten die Schweiz für den unglücklichen Absturz auf den vierten Platz im Nationenpreis vom Freitag.

          „Eine unglaubliche Woche“

          Auch Bundestrainer Otto Becker rang um Fassung. Die deutsche Mannschaft hatte mit ihrer Bronzemedaille schon seine kühnsten Hoffnungen erfüllt. Und nun setzte einer von seinen Neulingen dem Ganzen die Krone auf. Simone Blum ist die erste Frau seit der Kanadierin Gail Greenough 1986 in Aachen, die den Weltmeistertitel im Springreiten gewonnen hat. Und es ist der erste deutsche Einzel-Weltmeistertitel seit Franke Sloothaak 1994 in Den Haag.

          „Für mich war das eine unglaubliche Woche“, sagte er. Natürlich habe man gewusst, dass Simone Blum gute Nerven habe. Und man habe auch um die Klasse der elfjährigen Stute gewusst, die bereit ist, sich für ihre Reiterin zu zerreißen. „Doch trotzdem muss man erst einmal so reiten“, sagte Becker. Den Mann, der ihr vor vier Jahren ihr Schicksalspferd vermittelt hat, den Reiter und Trainer Hans-Günther Goskowitz, wird sie im übrigen nächsten Monat heiraten. „Ihm verdanke ich, dass ich hier bin“, sagte sie. Bald heißt er Hans-Günther Blum.

          Dem Himmel entgegen: Simone Blum ist Weltmeisterin.

          Blums Teamkollege Marcus Ehning hatte im Finale mit seinem Fuchswallach Pret A Tout noch eine theoretische Medaillenchance – doch in der ersten Runde des Sonntags verließ ihn die Fortune. Die zweifache Kombination nach dem Wasser attackierte er zu schwungvoll und es fielen gleich zwei Stangen. Auf Platz 15 war er nicht mehr für die zweite Runde qualifiziert. „Für mich persönlich war am Ende mehr drin, aber es hat nicht sollen sein.“ Laura Klaphake verabschiedete sich mit der Stute Catch me if you can nach der ersten Finalrunde mit Platz 14. Grund war unglücklicher Fehler am letzten Hindernis. Maurice Tebbel mit Don Diarado war als 44. am Schlusstag nicht mehr dabei. Doch die Freude über den Titelgewinn der Kollegin und die Bronzemedaille im Mannschaftswettbewerb konnte all dies nicht trüben.

          Ehning ist jetzt der „Leitfuchs“ der Equipe – passend zu seiner Haarfarbe. Diesen Titel hat ihm die Mannschaft erst am vergangenen Freitag verliehen. Simone Blum lieferte an allen Tagen die glanzvollste Leistung ab. Doch Ehning führte das Quartett an, nicht nur wegen seines perfekten Ritts zum Abschluss des Nationenpreises. Der 44 Jahre alte Westfale brachte seine ganze Erfahrung und Routine für das Team ein. Und das war dringend nötig, denn für alle drei jungen Hüpfer an seiner Seite war die WM Neuland.

          Blum und die beiden 24 Jahre alten Klaphake und Tebbel waren in den vergangenen beiden Jahren sehr schnell aus der zweiten Reihe in diesem traditionsreichen deutschen Erfolgssport aufgestiegen und fanden sich nun plötzlich, immer noch ein bisschen erstaunt, im Kreis der Weltspitze wieder. Wie soll man sich da durchsetzen? Mit Ehnings Hilfe legten sie schon die Reifeprüfung im Nationenpreis erfolgreich ab. Und dazu kommt noch ein wichtiges Detail: Die Olympiaqualifikation für Tokio 2020 ist geschafft.

          Der Bundestrainer ist „super happy“

          Otto Becker, dem nach den Olympischen Spielen von Rio vor zwei Jahren die komplette Mannschaft weggebrochen war, hat mehr als den Neuanfang geschafft. Und die Erleichterung, dass er in allen Punkten recht behalten hat, war ihm deutlich anzumerken. „Ich bin super happy“, sagte er, und es war keine Sportler-Floskel diesmal, sondern kam von ganz innen. „Wenn man bedenkt, dass wir erst letztes Jahr angefangen haben, die Mannschaft aufzubauen mit Leuten, die das Level noch gar nicht hatten.“ Die Ergebnisse seiner Nationenpreis-Mannschaften hatten übers Jahr oft zu wünschen übrig gelassen.

          Aber der Erfolg beim CHIO in Aachen war ein erster Hinweis darauf, dass in Tryon eine Mannschafts-Medaille drin war. Dieselben Reiter mit denselben Pferden holten dort den Sieg. Allerdings waren die WM-Parcours noch einmal deutlich schwerer als die Aufgaben in der Soers. Und doch: Mit insgesamt 22,09 Fehlerpunkten lagen die Deutschen am Ende weniger als einen Hindernisfehler hinter den Vereinigten Staaten und Schweden (20,59), die den WM-Sieg im Stechen unter sich ausmachten. Der Gastgeber gewann knapp.

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