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Siegertypen 2012: Maximilian Müller „Ein Team lebt auch von Angst“

 ·  Mit der Hockey-Nationalmannschaft gewann Maximilian Müller Olympia-Gold. Nun spricht der Kapitän im F.A.Z.-Interview über ein Traumschiff ohne Bierbänke, seltsame Prämienregelungen und das Leben in der Natur - als Jäger.

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© firo Sportphoto Eine Erfolgsmannschaft - samt Ersatzspielern: Die deutschen Hockeyspieler halten zusammen, auch nach dem Goldrausch von London

Was hat Sie mehr geärgert: dass es auf dem Boulevard hieß, das Hockeyteam habe bei der Feier auf der MS Deutschland das Schiff mehr oder weniger versenkt - oder dass es von der Sporthilfe nur Prämien für die 16 eingesetzten Spieler, nicht aber für die Ersatzspieler gab?

Diese aufgebauschte Geschichte über unsere Feier auf dem Schiff hat mich total geärgert, weil es scheinbar alles war, was von unserem Olympiasieg übriggeblieben ist, und diese Geschichte hatte nichts mit der Realität zu tun. Und bei der Prämienzahlung ärgert mich die Tatsache an sich. Es ist ja nicht nur die Sporthilfe, die nur die 16 Spieler sieht. Man bekommt ja auch das Silberne Lorbeerblatt verliehen - aber nur die 16 Spieler, ohne die zwei Jungs, die sich am meisten quälen mussten in London, weil sie drei Wochen mit einer Matratze am Boden im Besprechungszimmer gepennt haben, die aber voll mitziehen mussten und keine schlechte Stimmung verbreiten konnten, im Gegenteil. Sie hätten jederzeit einspringen müssen und sind ein Teil des Teams, und bei allen Einladungen danach muss man sagen: Die Jungs kommen aber mit. Dann gibt es fadenscheinige Argumente wie die Kosten. Beim Silbernen Lorbeerblatt? Was hätte das mehr gekostet?

Waren die Schlagzeilen wegen der Schäden auf dem Schiff imageschädigend?

Wir haben es verpasst, im ersten Moment was zu sagen, in der gewohnt netten lockeren Art. Zumindest für die, die es lesen wollten, die anderen hätten ja eh geglaubt, wir hätten was kaputtgehauen. Jetzt sprechen einen die Leute im Spaß an und sagen, wäre schon gut, wenn der Laden das überlebt, wir haben danach noch Veranstaltungen. Das nervt, weil irgendetwas gelesen und alles geglaubt wird. Meine Oma hat mich beispielsweise angesprochen, wir hätten da ja Bierbänke- und tische zerschlagen. Da habe ich gesagt: Oma, wo stand denn das? Überleg doch mal, das war das Traumschiff. Glaubst du, die haben da Bierbänke? Die Geschichte hat uns in ein total falsches Licht gerückt.

Sie hatten vor Olympia auch eine andere delikate Aufgabe - mit den Spielern zu reden, die aus dem Kader gestrichen worden waren. Wie schwer ist das?

Ich habe mit den meisten auch danach noch einmal gesprochen, denn wenn es dann auch noch mit Gold klappt, wird es natürlich noch mal schlimmer. Aber wir brauchen diesen großen Kader, denn wenn wir von vornherein nur 16 Spieler gewesen wären, hätten wir nichts gewonnen, gar nichts. Ein Team lebt davon, dass sich jeder pusht, dass man auch mal Angst hat, überhaupt mitfahren zu dürfen, weil die anderen so gut sind.

Selbst so ein Rückkehrer wie der ehemalige Kapitän Timo Wess hat erzählt, er habe zwischendurch gezweifelt, ob er es wieder ins Team schaffe ...

Bei uns ist ja selbst vor einem Olympia-Finale die Stimmung immer noch richtig locker, aber selbst diese extrem coolen Jungs, die fangen vor einer Nominierung das Zittern an. Bei den letzten Spielen davor tun mir immer die Zuschauer leid - die denken sicher: Und die wollen Olympiasieger werden? Die treffen ja gar nichts! Da will keiner einen Fehler machen, und so sieht es dann auch aus.

Wieso kann sich das Hockeyteam in den entscheidenden Spielen so extrem steigern? 2008 standen Sie in der Gruppenphase vor dem Ausscheiden und wurden Olympiasieger, und auch in London war es zwischendurch holprig, aber das Halbfinale gegen Australien war dann eines der besten Länderspiele überhaupt.

Das hat mehrere Gründe. Es gibt zwei Trainingsphilosophien. Deutschland trainiert auf Regenerationsfähigkeit, will schnell wieder zur Ursprungsverfassung zurückfinden, um möglichst lange in so einem Turnier Leistung bringen zu können. Unser Training und Denken ist nicht auf die ersten zwei, drei Turnierspiele angelegt. Aber ab Spiel fünf oder sechs, wenn es entscheidend wird, sind wir körperlich fast noch so frisch wie am Anfang. Andere Nationen versuchen, solange es geht so schnell wie möglich laufen zu können. Wenn du auf Australien in der Vorbereitung triffst, hast du eigentlich keine Chance. Die spielen drei Klassen schneller, aber es ist noch nicht die Zeit, in der wir ernsthaft gegen die spielen müssen. Diese Zeit kommt erst im Halbfinale, und dann denkst du plötzlich: Was ist denn los? Die spielen bis dahin fünf Spiele mit Vollgas ihr Pressing und gewinnen mitunter 9:0. Die ganze Mentalität unseres Teams ist auf die letzten Spiele ausgelegt.

Braucht die Mannschaft dieses Kribbeln der besonderen Momente?

Auf jeden Fall. Wenn du schon zwei Wochen lang jeden Tag so getan hast, als sei heute das Finale, was willst du dann im Finale noch machen, was noch sagen? Auch der Bundestrainer fokussiert das so. Da werden noch nicht alle Register im ersten Gruppenspiel gezogen. Wenn er merkt, da läuft was schief, wird alles mobilisiert.

Noch einmal zurück zu Spiel sechs - das Halbfinale. Viele behaupten, noch nie ein besseres Spiel gesehen zu haben, und das gegen den Weltmeister Australien.

Ich habe noch nie eine so glasklar angekündigte Leistung gesehen. Wenn mich vorher jemand angerufen hätte, wäre der Tipp klar gewesen: Setz alles auf uns: Haus, Hof, Familie, Kinder, alles. Wie die Mannschaft aufgetreten ist, war einmalig, ganz anders als vorher. Für einige Spieler war der Knackpunkt die Partie zuvor gegen Neuseeland, als wir aus einem 1:5 ein 5:5 gemacht haben. Da habe ich wegen meiner Fingerquetschung nicht gespielt, deswegen war es für mich die Besprechung auf das Spiel gegen Australien, weil wir taktisch so gut eingestellt waren, weil wir was Neues ausprobiert haben. Das ist auch so eine Geschichte, im Olympia-Halbfinale den Mut haben, was zu spielen, was man vorher nicht so hundertprozentig gespielt hat. Aber da waren sich alle einig, das ist es, so schlagen wir die.

Hätten Sie zur Pause auch Haus und Hof verwettet? Sie lagen 1:2 zurück ...

Es gibt Spiele, da schaut man nicht auf die Anzeigetafel, weil es einem wurscht ist, wie es gerade steht. Wir waren uns sicher, wir haben die im Griff. Du kannst ja gegen Australien auch ganz anders zurücklegen. Wenn die pressen und pressen, ist es das Schlimmste, wenn du am Anfang Fehler machst, denn mit jedem Ballverlust steigt die Chance, dass es immer schlechter wird. Das war ja nicht der Fall, die sind ja gar nicht an den Ball gekommen, die haben ihre Tore irgendwie glücklich geschossen. Das beeinträchtigt dich nicht - schlimmer wäre es, wenn wir uns vornehmen, wir spielen über rechts, da ist eine Schwachstelle, und liefern dort die Bälle ab. Dann bricht dein Plan zusammen, aber was wir uns vorgenommen haben, hat einwandfrei geklappt. Und die zweite Halbzeit war dann begeisternd.

Wie vermeidet man dann den Spannungsverlust, wenn die Hälfte des Teams denkt: Super, Silber haben wir sicher?

Das sagen aber doch alle, nicht nur die Hälfte. Weil es einfach so ist. Ein Halbfinale zu gewinnen ist fast noch erlösender als ein Sieg im Finale. Jeder will doch eine Medaille, dafür hast du dich gequält, und die hast du jetzt sicher. Und das Gefühl ist auch genau richtig. Das Schöne an Olympischen Spielen ist ja, dass du zwei Tage Zeit hast. Du kannst also mit dir und der Welt erst einmal richtig zufrieden sein, aber dann kommt der Tag des Finales, und dann sagt sich jeder: Lass uns nicht so dumm sein und jetzt Schluss machen. Dann beginnen diese Motivationstricks, und wir haben uns ganz stark eingeredet, dass Holland in diesem Turnier noch keine Krise zu überstehen hatte. Also kriegen die eine im Finale.

Läuft auch der Bundestrainer in der Turnier-Endphase zur Höchstform auf?

Nicht nur Markus Weise, sein ganzes Team. Wenn du alles zum zweiten Male siehst, ist es ja nicht mehr so toll wie beim ersten Mal. Wenn er rumschreit in der Halbzeit, geht das nicht in jedem Spiel, sonst gehst du zur Pause und denkst, na, jetzt schreit er wieder. Wenn er vorher einen tollen Film zusammenschneidet, funktioniert das auch nicht immer. Das geht nicht sieben Mal am Stück. Wenn du also noch einmal was drauflegen kannst, irgendetwas machst, was noch nicht alle wissen oder womit nicht alle rechnen, da kommst du auf die bizarrsten Ideen, aber das sorgt für neuen Input.

Sie haben da imaginäre Artikel über den Ausgang eines Spiels geschrieben oder mit Handpuppen Geschichten erzählt. Auf so etwas muss man sich einlassen können - hilft es, intelligente Spieler zu haben?

Ich finde, das Hinterfragen der Spieler ist so wichtig. Das ist erst einmal unangenehm für einen Trainer, wenn er etwas unbedingt machen will und fünf Spieler hat, die fragen: Warum machen wir das denn jetzt? Das habe ich doch in der Uni gelernt, dass das trainingsmethodisch überhaupt keinen Sinn ergibt, das jetzt noch zu machen. Aber so bekommst du Mannschaften, die sich auch mit Themen beschäftigen, bevor du was als Trainer gesagt hast. Bei uns sind Videobesprechungen ganz anders, da steht nicht immer vorne der Trainer und hält einen Monolog. Da werden auch gemeinsam Lösungen gesucht, wichtig ist nur, dass wir am Ende auf einen Nenner kommen. Das ist eine große Stärke von uns. Im vergangenen Jahr waren wir Teil eines Forschungsprojektes einer Uni, die haben Besprechungen aufgezeichnet, weil es sie so interessiert hat, dass sich bei uns so viele einbringen und in der Halbzeit auch mal Spieler was sagen und die Taktiktafel in der Hand haben. Wenn du aber Spieler hast, die das können - warum sollst du das als Trainer nicht nutzen?

Markus Weise will kreative Spieler, die auch Freiraum auf dem Platz für eigene Entscheidungen haben. Das klingt toll, aber auch nach viel Verantwortung.

Natürlich musst du das lernen, vor allem, wenn du vorher immer gesagt bekommen hast, was du tun sollst. Als junger Mann ist es ja einfach, wenn du in eine Mannschaft oder eine Firma kommst und dir gesagt wird: Du hast diese fünf Aufgaben, erledige das, danke. Du kannst dich auf einfache Sachen konzentrieren. Aber insgesamt kann auf Dauer nie mehr entstehen als die Idee des Trainers. Wenn die nicht aufgeht, kommst du nicht über die Schwelle dieser Idee. Wir sind anders abgesichert mit unserem System, wir entwickeln vieles gemeinsam. Im Fußball wird im Misserfolg der Trainer abgesägt, aber vielleicht ist der gar nicht so wichtig, wenn du eine Reihe von Spielern hast, die mehr als 250 Spiele haben und sich einbringen könnten. Vielleicht ist die Aufgabe des modernen Trainers, das alles als Moderator zusammen zu führen. Und vielleicht ist der moderne Trainer einer solchen Mannschaft nicht der, der die Schachfiguren bewegt, sondern der, der sie mitbringt. Ein Trainer muss seine Spieler genau kennen und immer einschätzen, wann Diskussionen zielführend sind. Und Markus kann das bei uns ganz genau.

Wieso sind Hockeyspieler so vernünftig? Gibt es nie Probleme, oder hören wir nur nicht davon, weil keiner fragt?

Wenn du wochenlang mit 25 Spielern auf Lehrgängen bist, ist es natürlich nicht so, dass die auch alle auf deiner Hochzeit eingeladen wären. Es hat ja niemand 25 beste Freunde. Aber die Ebene stimmt, und es sind alles interessante Typen, das ist vielleicht das Wichtigste. Wenn ich mich mit Philipp Zeller oder sonstwem unterhalte, dann hat der auch was zu erzählen. Ich kann den alles fragen, wir können über die Uni reden, über alles mögliche Private. Ich kann den aber auch fragen, was er vom politischen Umsturz in Syrien hält - dazu kann er auch was sagen. Wenn du mit vielen Leuten lange zusammen bist und nichts von denen weißt, dann wirst du einfach nicht so eine Gruppe, wie wir sie sind. Wir wechseln auch bei jedem Lehrgang die Zimmerbelegungen. Weil es möglich ist, und weil jeder jeden gut kennenlernen soll. Da ist schon eine gewisse Freundschaft. Zum Geburtstag würde ich die alle einladen.

Timo Wess war ihr Vorgänger als Kapitän, hatte sich drei Jahre um den Berufseinstieg gekümmert und kam zurück - und die Mannschaft war Europameister. Hatten Sie keine Bedenken, dass das Gefüge gestört wird?

Es wurde ja von außen versucht, etwas Unruhe reinzubringen. Ich bin mehrfach angesprochen worden, wer denn Kapitän sein würde. Timo und ich haben kurz drüber gesprochen, wir mussten uns dafür nicht an einem neutralen Ort treffen und zwei Tage Wellnessurlaub machen. Wir ticken beide ähnlich, respektieren und mögen uns sehr. Ich habe seine Rückkehr immer positiv gesehen, denn es förderte die Konkurrenz Und es sollten ja auch nicht die besten 16 nominiert werden von denen, die am längsten spielen. Wir beklagen ja, dass bei uns schon die 25-, 26-jährigen am Ende des Studiums aufhören, obwohl sie doch noch spielen könnten und all die Erfahrung haben. Dann dürfen wir auch nicht meckern, wenn einer zurückkommt und sich total wieder eingliedert.

Sie sind jetzt 24 Jahre alt und wollen vielleicht nach der WM 2014 aufhören. Dann wären Sie auch erst knapp 27 Jahre alt.

Ich studiere Sport-Ökonomie und werde 2014 mit dem Masterabschluss fertig sein. Das würde dann aber auch zehn Jahre A-Kader bedeuten, also mehr als ein Drittel meines Lebens, und vielleicht wäre es dann Zeit, aufzuhören. Ich bin wahnsinnig zielorientiert, und wenn ich dann ein Jobangebot bekomme, dann will ich da auch gut sein. Das könnte ich nicht, wenn ich 100 Tage im Jahr mit der Nationalmannschaft unterwegs wäre.

Sie sind schon in jungen Jahren sehr verantwortungsbewusst, haben sogar eine eigene Jagd. Das ist ungewöhnlich...

Es liegt mir, mein eigenes Ding zu machen und Verantwortung übernehmen. Zur Jagd bin ich durch einen Nürnberger Mannschaftskameraden gekommen, und es hat mich gleich begeistert. Ich bin wahnsinnig gerne in der Natur. Ich war gestern draußen, 20 Zentimeter Neuschnee, und habe meine Tiere gefüttert - wie schön ist das denn? Die Städter sehen immer nur das Jagen, aber ich schieße so wenig. Wenn jemand sagt, er kann keine Tiere töte, verstehe ich das total, aber die Jagd ist viel mehr als Schießen.

Müssen Sie sich oft rechtfertigen?

Eigentlich selten. Ich hoffe, dass ich einer der modernen Jäger bin, der fast nur die guten Seiten der Jagd verkörpert. Die meisten Menschen haben eine völlig falsche Vorstellung, was Jäger bedeutet. Es ist interessant als Städter, wie unfassbar schön das da draußen ist, in allen Bereichen. Meine Jagd ist in der Oberpfalz, und die Leute sind so herzlich, das kennt man in der Stadt nicht. Da hilft jeder jedem. Aber Jagen ist total klischeebelastet. Viele Altjäger pflegen das ja auch und tun gerade so, als würde sie lauter verbotene Sachen machen. Ich bin da ganz offen, das ist eine ganz natürliche Sache und nichts Verwerfliches. Wenn du gut jagst, hat das Tier ein schönes Leben gehabt. Ich meine, wir sitzen hier im Café, und die Leute essen ihr Brötchen mit Putenfleisch. Die müsste man eigentlich fragen, seid ihr verrückt, habt ihr schon einmal einen Putenmastbetrieb gesehen? Es gibt Leute, die keifen dich an, weil du Jäger bist - essen aber weiter ihr Wurstbrot. Das passt nicht zusammen. Wir schießen ein Tier, das hat sich sein Leben lang frei bewegt und frei ernährt. Das ist Bio in der reinsten Form.

Wäre als Sportökonom der Deutsche Hockey-Bund nicht ein gutes Betätigungsfeld? Deutschland entdeckt alle vier Jahre, wie toll Hockey ist - und vergisst es dann sofort wieder . . .

Generell wäre der DHB natürlich ein potentieller Arbeitgeber, weil er in das Berufsfeld meines Studiums hineinpasst und es schon Handlungsbedarf geben würde, nachdem aus den vielen Erfolgen der vergangenen Jahre zu wenig herausgezogen wurde. Aber eigentlich sehe ich mein späteres Berufsleben nicht im Hockey verankert. Ich würde nach Möglichkeit entweder die Sportart wechseln oder sportartenübergreifend arbeiten wollen.

Das Gespräch führte Peter Penders.

Quelle: F.A.Z.
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