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Siegertypen 2012: Birgit Kober „London hat mir neues Leben geschenkt“

 ·  Zwei Paralympics-Goldmedaillen gewann Birgit Kober in London. Im F.A.Z.-Interview bemängelt sie die oft schwierigen Trainingsbedingungen für Behindertensportler und kritisiert die geplante Veränderung der Startklassen bei den Spielen.

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© picture alliance / dpa Besser geht’s nicht: Bei ihren ersten Paralympics gewann Birgit Kober zwei Goldmedaillen

Ein Fehler und die Folgen Die 41 Jahre alte Birgit Kober gewann bei den Paralympics in London Gold im Kugelstoßen und im Speerwurf in der Startklasse F34 - jeweils mit Weltrekord. Mit 17 Jahren erlitt sie einen Hörschaden, mit 18 erkrankte sie an Epilepsie. Bei einer Behandlung 2008 im Münchner Klinikum Rechts der Isar erhielt sie über zehn Stunden eine Infusion mit einem Anti-Epileptikum in stark erhöhter Dosierung.

Der Fehler, sagt sie, hätte tödliche Folgen haben können, wurde aber gerade noch rechtzeitig bemerkt. Seitdem ist sie wegen Ataxie - einer Störung der Bewegungskoordination - auf den Rollstuhl angewiesen, weshalb sie gegen das Klinikum prozessiert und Schadensersatz beansprucht. Im November wurde sie zur Behindertensportlerin des Jahres gewählt.

In London haben Sie bei Ihren ersten Paralympics gleich zwei Goldmedaillen gewonnen. Was war das für ein Erlebnis?

London habe ich mir nicht so vorzustellen gewagt. Für mich war es der ganz große Traum. 2008 habe ich die Paralympics noch im Fernsehen gesehen. Da habe ich überhaupt erst mitgekriegt, dass es Leute gibt, die im Rollstuhl im Sitzen werfen. Das war für mich der Anstoß, wieder mit der Leichtathletik anzufangen. Nicht, um irgendwann Gold zu gewinnen. Sondern um überhaupt wieder Sport zu machen. Um aus meinem Loch rauszukommen. Die Paralympics 2008 waren schon bedeutend. Aber es war kein Vergleich zu dem, wie es jetzt war. London stand den Olympischen Spielen in keiner Weise nach.

Was war das Besondere für Sie?

Es war einfach nie so eine Mitleidsnummer nach dem Motto: Oh, das habt ihr aber fein gemacht. Es war Wertschätzung pur. Wenn man durch den Olympiapark gegangen ist, wollten ständig Leute Fotos mit einem machen. Da ist man dann schon mal für eine halbe Stunde festgesteckt. Einmal hat mir jemand auf die Schultern geklopft und gesagt: „You killed them all!“ Das war ein Wurf-Trainer der normalen Olympiamannschaft der Engländer. Der hat mir dann ein Shirt seines Teams mitgegeben und hat gesagt, ich soll es meinem Trainer mitbringen - er habe es sich verdient. Es gab viele solcher Sachen, die einfach toll waren.

Wie sind Sie mit der Kulisse, mit den Erwartungen zurechtgekommen?

Ich bin drei Tage später nach London angereist, weil ich wegen meiner Epilepsie nicht an der Eröffnungsfeier teilnehmen sollte. Und dann saß ich zu Hause vor dem Fernseher und habe mitgekriegt, wie Leute versagen, die vorher immer gut waren, die an der Atmosphäre im Stadion zerbrechen. Ich will nicht sagen, dass das Angst gemacht hat. Aber Ehrfurcht war es schon. Später haben die Leute dann gesagt: Du warst so ruhig. Ich habe gezittert auf meinem Stuhl!

Haben Sie die Atmosphäre als einschüchternd empfunden?

Es legt sich plötzlich eine Riesenlast auf einen. Und dann kam dazu, dass man mit einer Spastik schneller erschrickt als andere, da zucken bei mir alle vier Extremitäten. Ich habe dann das Hörgerät rausgenommen, um mit der Geräuschkulisse besser zurechtzukommen. Andererseits war es aber auch phantastisch: Das Speerwerfen war der letzte Wettkampf an dem Abend. Ich saß auf meinem Hocker und wurde eingeklatscht wie ein Weitspringer bei einem großen Wettkampf. Ich habe ja mit elf Jahren schon Leichtathletik gemacht. Und das ist etwas, wovon man immer träumt. Als ich dann Weltrekord geworfen habe, 27,03 Meter, brandete das ganze Stadion auf - und ich wusste, das ist nur für mich, weil ja nichts anderes mehr läuft. Grandios!

Sie haben 2008 wieder mit dem Sport angefangen - wie ist das für Sie gelaufen?

In Bayern war das schwierig. Dort gab es keinen Verein, für den ich als Leichtathletin im Rollstuhl starten konnte. Und wenn Sie keinen Verein haben, kriegen Sie keinen Startpass. Es gibt hier unten in der Leichtathletik einfach wenig Struktur. Nachdem ich zwei Monate Klinken geputzt habe, habe ich zwei große deutsche Vereine angeschrieben, einen in Berlin und Bayer Leverkusen. Aus Berlin habe ich eine Absage bekommen. In Leverkusen hieß es, mittrainieren wäre schwierig, weil man die Trainingsprogramme umstellen müsste. Aber sie lassen mich starten mit der Bedingung, dass ich weiter in Bayern trainiere. Für mich kann ich mir nichts Besseres vorstellen. Aber ich möchte trotzdem versuchen, dass sich hier unten was ändert. Da ist so viel Potential, das brachliegt, so viele Jugendliche. Die müssen keine Leistungssportler werden. Sie müssen nur das Recht haben, mit dem Sport anfangen zu dürfen.

Was macht es so schwierig?

Es gibt sehr viel Unsicherheit. Verbände und Vereine wissen gar nicht, wie sie damit umgehen sollen. Viele fürchten Kosten, die auf sie zukommen könnten. In meinem Fall hatten Trainer sogar Angst, dass sie womöglich ihre Trainerlizenz verlieren könnten, wenn sie mit mir arbeiten - Schwachsinn! In Wirklichkeit wäre es gar nicht so schwer, dass man was hinkriegt, gerade in der Leichtathletik.

Was müsste passieren?

Es geht gar nicht so sehr ums Geld. Es müssten halt Strukturen aufgebrochen werden. Das betrifft vor allem die Zusammenarbeit mit Vereinen, in denen nichtbehinderte Athleten starten. Auf Dauer ist das der einzige Weg. In Nordrhein-Westfalen sieht man ja, dass es geht. Dort werden Erfolge von Behinderten und Nichtbehinderten auf Augenhöhe gesehen. Auch in Berlin oder in Brandenburg funktioniert es ganz gut. Aber woanders, gerade in ländlichen Gebieten, ist es immer noch schwer. Und wenn man jetzt den Schwung von London nicht nutzt ...

Empfinden Sie das so?

Gerade in der Leichtathletik sucht man sich immer diese Themen, die sowieso schon so aufgequollen sind. Ob die Prothesenläufer mit den normalen Läufern zusammen antreten sollen - damit hat man sich viel beschäftigt. Es schaut dann jeder viel auf sich, und wie er sein Ding noch besser voranbringen kann, nicht auf die Grundstruktur.

Die Prothesenläufer standen sehr im Mittelpunkt, auch wegen Oscar Pistorius. In gewisser Weise kann man sagen, dass es diejenigen sind, die sich von den „normalen“ Athleten am wenigsten unterscheiden. Die schwerer Behinderten bekommen diese Aufmerksamkeit nicht. Empfinden Sie das als ungerecht?

Ich würde mir schon wünschen, dass das gerechter verteilt wäre. Ich habe Freunde, die machen Boccia. Das ist eine Heidenleistung, auch wenn es nicht so aussieht. Und auch in der Leichtathletik, wird es für die schwerer Behinderten schwieriger. Für Rio 2016 sollen die Startklassen neu definiert werden, und da werden einige Klassen einfach wegfallen.

Das Internationale Paralympische Komitee will die Leichtathletik für das Publikum transparenter machen: Die sogenannten kombinierten Klassen, in denen Athleten mit unterschiedlichen Behinderungen starten, sollen getrennt werden, damit auch das komplizierte Punktsystem wegfallen kann. Um das Programm nicht noch größer zu machen, müssten dann andere Klassen eben wegfallen. Ist das der falsche Weg?

Das Wohl der Zuschauer sollte dem der Athleten nachstehen. Dann muss man es eben einmal mehr erklären. Man kann nicht plötzlich ganze Gruppen wegfallen lassen, das ist absoluter Mist. Zumal es dann meistens die sind, die schwerer behindert sind. Ich möchte die dabei haben!

Gehen die Paralympics insgesamt in die falsche Richtung?

Ich möchte auch immer besser werden. Aber wenn es nur noch um den Leistungsgedanken geht und auf Neid und Missgunst hinausläuft, und Leute auch im Behindertensport anfangen zu dopen - ich weiß nicht. Es geht vielleicht nicht in die falsche Richtung, aber man muss den Anfängen wehren. Und wenn man das Programm kappt zugunsten von medialen Zielen, dann wäre das so ein Anfang.

Sie haben in diesem Jahr neben dem sportlichen Kampf auch einen juristischen geführt: die Klage gegen das Klinikum Rechts der Isar. Welcher war die größere Herausforderung?

Es gab im November den ersten Verhandlungstag seit fünf Jahren. Für mich war das ein Meilenstein. Aber weil die juristische Auseinandersetzung schon so lange geht, war sie auch in den anderen Jahren schon sehr präsent. Insofern möchte ich sie nicht als größte Herausforderung sehen, da möchte ich klar London hinsetzen. Ich hatte das Ziel, nach London zu kommen, und dieses Ziel hat mir neues Leben geschenkt. Das ist nicht kitschig und pathetisch gemeint, das ist wirklich so gewesen.

Das Gespräch führte Christian Kamp.

Quelle: F.A.Z.
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