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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Siegertypen 2012: Alfred Gislason Der Dornenmann von Knattspyrnufélag

 ·  Alfred Gislason züchtet vom Aussterben bedrohte Rosenarten - und er bereitet den THW Kiel auf jedes Spiel vor, als sei es ein WM-Finale. So hat der erfolgreichste deutsche Handballverein alles gewonnen, was es zu gewinnen gab.

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© dpa Er kann nie ganz loslassen: Alfred Gislason

Die Sehnsucht wird immer stärker, das Verlangen nach der Heimat und den Wurzeln. Alfred Gislason ist 53 Jahre alt und sagt: „Mit dem Alter merke ich es: Ich denke mehr an die Insel.“ An Island und an das Städtchen Akureyri, in dem er geboren wurde, 50 Kilometer südlich des Nördlichen Polarkreises. Gislason ist ein kantiger, robuster Mann. Man glaubt, ihm das isländische Wesen ansehen zu können: die Fähigkeit, sich mit bodenständiger Vehemenz in rauhem Klima behaupten zu können, die Natur zu lieben und mit ihr zu kämpfen. Gislason erzählt von dieser außergewöhnlichen Landschaft, von ihrer Schönheit und ihrer Schroffheit.

Von Gewässern, in denen es sich zu angeln lohnt, nach Forellen oder Lachsen. „Ich habe das zehn Jahre nicht mehr geschafft.“ Er, einer der erfolgreichsten Handballtrainer der Welt, beschreibt Menschen, die ihren Alltag meistern auf Island. Die mit dem Ruderboot auf einem See sind bei stürmischem Wetter und alle Kraft aufwenden müssen, um das Ufer wieder zu erreichen. Er weiß, was ein solches Leben bedeutet, was es heißt, es anzunehmen und zu gestalten, mit unerbittlicher Härte gegen sich selbst. „Da zählt eine Meisterschaft gar nichts“, sagt Gislason, der so etwas ist wie der „Alfred I“ von Kiel, der führenden Handball-Metropole Deutschlands.

Er ist gut aufgehoben in diesem Handball-Kosmos, ist ein Meister seines Fachs, längst hoch dekoriert mit nationalen und internationalen Meriten. Und nicht abgeneigt, vielleicht eines Tages sogar Bundestrainer zu werden. „Ich sage nicht, dass ich mich nicht irgendwann dafür interessieren würde.“ Und er könnte doch ohne weiteres eintauchen in andere Welten, das wäre überhaupt kein Problem. Er würde sich dort keinesfalls langweilen mit seinem breiten Spektrum an Neigungen, es gäbe viel zu tun für Gislason, den Vielseitigen.

Es ist ja nicht nur Island mit all seinen Reizen, nicht nur die Liebe zur Insel. Gislason besitzt ein Anwesen in der Nähe von Magdeburg, wo er mal als Trainer gearbeitet hatte. Er züchtet dort Rosen, seltene, fast vom Aussterben bedrohte Arten. Er macht das sehr akribisch. So wie er Taktiken für seine Mannschaft austüftelt, wie er sie auf ein Spiel vorbereitet, ob in der Bundesliga oder in der Champions League, jedes Mal mit einer Intensität, „als wäre es ein WM-Finale“.

„Ich kenne fast jede Sporthalle in Europa“

Es ist ein anstrengender Job, die Ansprüche sind schließlich hoch beim THW Kiel, ähnlich wie beim deutschen Fußball-Rekordmeister Bayern München. Zum Siegen verdammt sozusagen: Das ist Gislasons Los. „Es ist unwahrscheinlich bindend“, sagt er, „man kann kaum als normaler Mensch leben.“ Der Familienvater, dessen drei Kinder in Akureyri leben, spricht von einem Verlust an Lebensqualität. Kiel und der Handball lassen wenig Raum für private Unternehmungen, für die Entschleunigung, für den Dornenmann.

Er spüre im Garten, sagt Gislason, „wie die Zeit langsamer läuft“. Aber er ist ja fast ständig unterwegs, immer auf Tour, um den Ruhm des THW Kiel zu mehren, „ich kenne fast jede Sporthalle in Europa“. Er würde gerne anders reisen, Land und Leute bewusster wahrnehmen, Geschichte entdecken als Historiker, vor allem im Osten Europas. Gislason hat ein Faible für diese Region, er findet ihr Wachsen, ihre Entwicklung ungemein spannend. Immerhin lässt sich das auch durch Literatur nachempfinden, ein bisschen wenigstens.

„Fast immer“, sagt Gislason, „habe ich ein Geschichtsbuch in der Sporttasche. Wahrscheinlich lese ich jetzt sogar mehr als früher an der Universität.“ Aber es wird bestimmt noch eine Weile dauern, bis er wirklich zu neuen Horizonten aufbrechen kann. Bis er sich von dem „Hamsterrad“ lösen wird, wie er es selbst nennt, vom Handball also und der ewigen Hatz von einem Spiel zum anderen. „Es gibt schlimmere Berufe“, sagt Gislason ein bisschen kokett, „auch wenn ich mich manchmal frage, wie lange ich noch in dieser Endlosschleife weitermachen will.“

Er hat sich vorgenommen, mit 60 aus der Bundesliga auszusteigen, in sieben Jahren also. Vor ein paar Jahren, sagt er, habe er sich dieses Ziel gesetzt. „Mal sehen, ob ich es schaffe.“ Noch ist Gislason dem Handball eng verbunden, trotz aller Mühen und Entbehrungen, er haftet an diesem Sport, so wie das Harz an den Händen seiner Spieler klebt.

Ungeschlagen, eine ganze Saison lang

Er ist ein Besessener, ein Getriebener, immer noch, Tag und Nacht im Einsatz. Obwohl er doch schon alles gewonnen hat, was es im Vereinshandball überhaupt zu gewinnen gibt. Obwohl er eigentlich längst am Ende angekommen ist. Wie ließe sich schließlich übertreffen, was Gislason mit dem THW Kiel in der Saison 2011/2012 errungen hatte? Meister und Pokalsieger und Champions-League-Sieger, dazu eine einzigartige Dominanz in der Bundesliga: ungeschlagen, eine ganze Saison lang, 68:0 Punkte.

Aber es ist ja nicht so einfach, ein kleines Paradies des Handballs hinter sich zu lassen, sich von Kiel zu trennen, einer Handball-Station mit besonderem Flair, an der Gislason nach einem langen Weg angelangt ist. Er war in Island für Akureyri und für Knattspyrnufélag Reykjavík aktiv, war isländischer Nationalspieler und Nationaltrainer, arbeitete als Handball-Lehrer in Hameln, Magdeburg und Gummersbach, bis er 2008 nach Kiel kam.

Und in der neuen Umgebung an der Förde sofort in schwere Turbulenzen geriet, weil es damals um vermeintliche Korruption im Handball ging, um eine Bestechungsaffäre, um Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Uwe Schwenker, der Gislason in den Norden Deutschlands geholt hatte, der so etwas wie der Uli Hoeneß des Handballs war, schied im Zuge der Untersuchungen als Manager des THW Kiel aus.

Gislason ist immer noch mit Schwenker befreundet, war Trauzeuge, als Schwenker ein zweites Mal heiratete, tauscht sich regelmäßig mit ihm über Handball aus. „Dass er Ahnung von der Materie hat, kann keiner bezweifeln.“ Der Handball-Standort Kiel hatte schwere Erschütterungen erlebt, aber er behielt seine exponierte Rolle in Deutschland und Europa. Handballspiele in Kiel sind Volksfeste, nirgendwo im Lande ist das Publikum treuer als an der Förde. Der THW ist das Maß aller Dinge in der Stadt, er liefert die beste Sport-Show, aufregend und erfolgreich, nicht einmal der Fußball stellt in Kiel eine Konkurrenz dar.

„Es gibt schon einiges, das man besser machen kann“

„Ich denke“, sagt Gislason, „dass der THW Kiel der beste Handballklub der Welt ist.“ Obwohl er doch auch auf manche Mängel hinweist. „Es gibt schon einiges, das man besser machen kann.“ Gislason nennt die Trainingsbedingungen, die etwa in Magdeburg „um Welten“ besser gewesen seien. Es ist noch nicht allzu lange her, dass der Isländer in Kiel die Möglichkeit bekam, den Übungsbetrieb auch auf den Vormittag zu legen.

Die Kieler gelten noch immer als Krösus der Liga, auch wenn Gislason erwähnt, dass der Sparzwang in der Handball-Bundesliga auch den THW erfasst habe. „Wir merken, dass das Geld nicht mehr so locker sitzt.“ Noch aber sind genügend Mittel vorhanden, um ein exzellent besetztes Team aufzubieten, um Ausnahmekönner wie Torwart Thierry Omeyer, Filip Jicha oder Daniel Narcisse zu beschäftigen. Und um wieder höchsten Ansprüchen zu genügen. In der Champions League allerdings gab es in dieser Saison schon zwei Niederlagen, auch in der Bundesliga verlor der THW im Dezember gleich zweimal - und geht nun nur als Tabellenzweiter in die WM-Pause.

Das Hamsterrad, die Endlosschleife, fast alle drei Tage ein Spiel - eine Tortur, die eine Menge Substanz kostet. Und kaum Gelegenheit bietet, sich zurückzulehnen, einen Erfolg ausgiebig zu genießen. „Er zählt schon nicht mehr in dem Moment, in dem man ihn erreicht hat“, sagt Gislason. „Das ist das Schlimme.“ Aber auch der Ansporn, Neues zu kreieren, das Gesicht einer Mannschaft zu verändern. Das war vor dieser Saison der Fall, und es wird auch im kommenden Jahr so sein.

Der Franzose Omeyer wird Kiel verlassen, vielleicht auch sein Landsmann Narcisse, Kreisläufer Marcus Ahlm zieht es zurück nach Schweden. Wieder ein Umbruch, eine neue Herausforderung, ein kreativer, ein faszinierender Prozess, wie Gislason sagt. Ein frischer Impuls für einen Mann, dessen Ehrgeiz offenbar nicht gelitten hat, obwohl es eine lange Strecke war von Knattspyrnufélag bis Kiel. Gislason zeigt viele Posen am Spielfeldrand, er kann nie stillhalten, er ruft und pfeift und fuchtelt mit den Armen und erweckt den Anschein, als würde er sich selbst den Ball schnappen wollen.

„Ich feiere nie mit der Mannschaft. Ich bin lieber alleine“

Er lebt Handball, weiterhin, will Vorbild sein, „sonst würden die Spieler zurückschalten“. Er strebt nach Perfektion, phasenweise zumindest, versucht, neue Spielzüge auszuhecken. Und die Spieler so zu unterrichten, dass sie auch die Aufgaben ihrer Kollegen auf anderen Positionen im Team verstehen. Gislason geht allerdings gleichzeitig immer auf Distanz zur Mannschaft, will ein Gegenpol zu ihr sein. Nicht zu überschwänglich in guten Zeiten, nicht zu streng bei Schwächeperioden. Das war nicht immer so, der Isländer hat das lernen müssen. Wenn er früher mit einem Team verloren hatte, rechnete er sofort mit den Spielern ab; es waren „Beleidigungsstunden“, wie Gislason sagt.

„Diese Sache habe ich mir komplett abgewöhnt, ich bin oft viel zu weit dabei gegangen.“ Ihm hängt immer noch der Ruf nach, häufig bärbeißig und griesgrämig zu sein, Aussagen wie diese scheinen das zu nähren: „Ich feiere nie mit der Mannschaft. Ich bin lieber alleine.“ Dennoch hatte ihn verblüfft, wie der Franzose Narcisse ihn nach der vergangenen Saison beurteilte: „Von 365 Tagen im Jahr hätte ich 340 Tage schlechte Laune.“ Das, sagt Gislason, habe er nie so empfunden. Und schickt lächelnd hinterher: „Ich bin der Meinung, dass ich der netteste Trainer der Welt bin.“

Einer wie er wird ohnehin vor allem an seinen Titeln gemessen, nicht an seinem Ton. Gislason brachte es dabei auf eine beeindruckende Sammlung, angeblich ohne zu wissen, wie viele Trophäen es insgesamt sind. Seine beste Leistung als Trainer, sagt er, sei auch gar nicht einer der zahlreichen Triumphe gewesen. Sondern das Kunststück, mit einem jungen Magdeburger Team mal Vierter in der Bundesliga geworden zu sein.

Gislason empfand das jedenfalls als herausragend, andere in Magdeburg waren weniger zufrieden: Nie, sagt Gislason, sei er als Trainer stärker kritisiert worden als damals. Er hat, so oder so, auch in Magdeburg seine Spuren hinterlassen. Und die Rosen. Er kommt immer wieder zu ihnen zurück. Auch zu den Fischen in Island, irgendwann. Derzeit schon nach Akureyri, zum Jahreswechsel. Vermutlich aber doch mit Handball im Kopf. Sonst wäre er nicht mehr Alfred Gislason.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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