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Sieg beim New-York-Marathon : Mary Keitanys zweite Hälfte

Glücklich im Ziel: Mary Keitany Bild: AFP

Erst brav, dann entfesselt: Die Kenianerin Mary Keitany läuft eine atemraubend schnelle zweite Rennhälfte. So stürmt sie zu ihrem vierten Marathon-Sieg in New York.

          So also sieht ein hübsches Rennen aus, wie es sich Mary Keitany vorstellt: erst gut 21 Kilometer in knapp 76 Minuten joggen und dann die zweite Hälfte der Marathon-Distanz in atemraubenden 66:58 Minuten rennen. In der Summe ergab das am Sonntag den siebten Sieg der 36 Jahre alten Kenianerin bei einem der großen Marathonläufe der Welt. In 2:22:48 Stunden gewann sie zum vierten Mal den New-York-Marathon; in London siegte sie dreimal. Mit ihrem Spurt über die halbe Marathon-Distanz ließ die zweifache Mutter nicht nur die Konkurrenz deutlich hinter sich; 3:14 Minuten Vorsprung hatte sie im Ziel auf Vivian Cheruiyot, die kenianische Siegerin des London-Marathons in diesem Jahr und 5000-Meter-Olympiasiegerin von Rio 2016. Weitere 20 Sekunden später kam die Amerikanerin Shalane Flanagan ins Ziel.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die nur 1,58 Meter große und 44 Kilo schwere Mary Keitany bewies auch, dass sie immer noch ein Schwergewicht im Straßenlauf ist. Zwar hält sie seit April 2017 mit 2:17:01 Stunden den Weltrekord für Frauen-Marathons (die Bestzeit für Rennen mit männlichen Tempomachern hält mit 2:15:25 Stunden die Britin Paula Radcliffe). Auch war sie Weltmeisterin im Halbmarathon und lief Weltrekorde auch auf der halben Strecke wie über 25 Kilometer. Vor zwei Jahren gewann sie in New York ebenfalls mit mehr als drei Minuten Vorsprung. Doch im vergangenen Jahr besiegte Shalane Flanagan sie im Spurt. Und als Mary Keitany in diesem Frühjahr in London die Bestzeit von Paula Radcliffe attackierte und bei großer Hitze die erste Hälfte des Marathons in 67:16 Minuten lief, brach sie auf der zweiten Hälfte ein und wurde in 2:24:27 Stunden Fünfte, mehr als fünf Minuten hinter der Siegerin Cheruiyot. Sie ist bekannt für ihre unvernünftig schnellen Rennhälften. Bei ihrem Marathon-Debüt 2010 in New York lief sie die ersten 21 Kilometer in 67:56 Minuten, dann ging ihr die Energie aus. Sie erkämpfte in 2:29:01 Stunden Platz drei und war sich sicher: „Ich laufe nie wieder einen Marathon.“ Damals war es Unerfahrenheit. War es nun das Alter?

          Vor dem Rennen gab sich Mary Keitany gelassen. Sie habe sich keine Zeit vorgenommen und keine Konkurrentin ins Auge gefasst, sagte sie. Und lief gut eine Stunde lang brav in der Spitzengruppe mit – und rannte, als sie auf der zweiten Hälfte alle Zurückhaltung fahrenließ, so schnell, dass sie in diesem Tempo selbst Läuferinnen besiegt hätte, die erst an der Halbmarathon-Marke ins Rennen gegangen wären. Mit der Zeit ihrer zweiten Marathon-Hälfte würde Mary Keitany in der Halbmarathon-Bestenliste Platz 45 erreichen (in der einstigen Weltrekord-Zeit von 64:55 Minuten ist sie Nummer drei). Den deutschen Rekord hält, zum Vergleich, seit Kyoto 1995 Uta Pippig in 67:58 Minuten. Mary Keitany war am Sonntag, mit 21 Kilometer Anlauf, eine Minute schneller.

          Am Ziel nach einem Lauf der zwei Geschwindigkeiten: Mary Keitany überrollte das Feld.

          Die Äthiopierinnen Rahma Tusa und Netsanet Gudeta, die versuchten, mit der entfesselten Mary Keitany mitzuhalten, zahlten teuer dafür. Gudeta musste aufgeben, Tusa kam als Fünfte (2:27:13) ins Ziel. „Sie wird als eine der größten Marathonläuferinnen in die Geschichte eingehen“, sagte Shalane Flanagan. „Wie sie sich das Rennen einteilen und wie sie ihre Konkurrenz auf den letzten Kilometern zerschmettern kann, ist unglaublich. Sie ist eine Ausnahme-Athletin und eine, die zu feiern ist.“ Dem 17 Jahre alten Streckenrekord von New York hat sich Mary Keitany bis auf 17 Sekunden genähert; keine Läuferin außer der Kenianerin Margaret Okayo war auf dieser Strecke je so schnell. Molly Huddel, in 2:26:44 Stunden Vierte des Rennens, traut ihr sogar den Weltrekord zu.

          Das Rennen der Männer gewann der Äthiopier Lelisa Desisa in 2:05:59 Stunden. Er besiegte seinen Trainingspartner Shura Kitata, der zwei Sekunden nach ihm das Ziel erreichte, und den kenianischen Vorjahressieger Geoffrey Kamworor, der 2:06:26 Stunden brauchte. Der 28-Jährige hat den Boston-Marathon bereits zweimal gewonnen und wurde in New York in den vergangenen vier Jahren einmal Zweiter und zweimal Dritter.

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