06.08.2010 · Was will ein „reifes“ Team wie die Boston Celtics mit einem 38 Jahre alten Superstar von einst? Immerhin hat Shaquille O‘Neal noch einen hohen Unterhaltungswert. Und ihn treibt der Ehrgeiz, seinen Intimfeind Kobe Bryant einzuholen.
Von Jürgen Kalwa, New YorkAuf dem langen Weg in die Finalserie hat Doc Rivers, der Trainer der Boston Celtics, in der vergangenen Saison eine erstaunliche Geduld gezeigt. Seine Mannschaft mit ihren Stammkräften Paul Pierce, Kevin Garnett und Ray Allen offenbarte nämlich mehr als einmal erstaunliche Schwächen. Aber am Ende hätte nicht viel gefehlt und die drei zwischen 32 und 34 Jahren und damit bereits ziemlich alten Herren wären zum zweiten Mal binnen Kürze NBA-Meister geworden.
Die NBA mit ihren 82 Begegnungen in der regulären Spielzeit und den vier Runden langen Play-offs laugt jeden restlos aus. Aber Chefmanager Danny Ainge, der selbst in seinen letzten Jahren als Spieler bei den Celtics erlebt hatte, wie alten Basketball-Profis angesichts solcher Strapazen langsam der Strom ausgeht, hat offensichtlich eine Schwäche für Spieler mit Erfahrung. Nachdem er einst mit jungen Basketball-Talenten vergeblich auf das Prinzip Hoffnung gesetzt hatte, veränderte er seine Strategie. „Das wichtigste an dem Job“, sagte er, sei „möglichst sofort zu gewinnen“.
Das ist leichter gesagt als getan. Aber der 51-jährige Ainge, einst ein Multi-Talent, der zwei Jahre lange als Baseball-Profi in der obersten amerikanischen Liga den Knüppel schwang, fand die richtige Mischung. 2008 gewann der Traditionsklub zum 17. Mal den Titel. Eine Auffrischungskur tut Boston durchaus not. Aber Ainge bleibt seinem Kurs treu. Sonst hätte er nicht in dieser Woche den 38-jährigen Shaquille O’Neal verpflichtet. Die Celtics wirken damit endgültig wie das Seniorenheim der Liga.
Das Problem: Der einst überragende Center der Liga, der mit den Los Angeles Lakers und den Miami Heat viermal das Championat gewann und mit den Orlando Magic einmal die Finalserie erreichte, ist nur noch ein Schatten seines baumlangen Selbst. Aber an Aufhören mag er nicht denken. Und so erwog er, als den Sommer über keine nennenswerten Angebote von amerikanischen Klubs eintrafen, sogar einen Wechsel nach Europa.
Der Ehrgeiz, mit Bryant gleich zu ziehen
Ob das Arrangement in Boston für beide Seiten aufgeht, ist schwer zu sagen. Zumindest was das clowneske Entertainment betrifft, dürfte man in der fanatischen Sportstadt Boston damit einen „Winner“ eingekauft haben. Denn der Mann, der in bislang 18 Jahren in der Liga die Rekordsumme von 290 Millionen Dollar kassiert hat und an seinem letzten Arbeitsplatz in Cleveland mit 20 Millionen noch immer fürstlich entlohnt wurde, ist ein ergiebiger Sprücheklopfer. Wer an seinem Leistungsvermögen zweifelt, wie am Donnerstag ein amerikanischer Fernsehjournalist, muss damit rechnen, dass er via Twitter gleich zu einem Boxkampf herausgefordert wird („zeig der Welt, ob irgendetwas hinter deinem Gerede steckt“). Er weiß um seine Stellung in der Welt der amerikanischen Sportgrößen. Drei Millionen Leser verfolgen seine Kurzkommentare im Internet.
Finanziell gab es für O’Neal in Boston nicht viel zu holen. Alles was ihm Manager Ainge im Rahmen des komplizierten Tarifsystems der NBA bieten konnte, war ein Salär von 1,4 Millionen Dollar für die Saison. O’Neals Motivation mag auf einen simplen Umstand zurückzuführen sein: Im Wettbewerb mit seinem ehemaligen Mannschaftskollegen Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers, dem er in einer tiefsitzenden Intimfeindschaft verbunden ist, liegt er seit Juni scheinbar hoffnungslos zurück. Bryant hat fünfmal die Meisterschaft gewonnen, er selbst nur viermal.
Leistungswerte im Sinkflug
Die Celtics, die sich parallel für das Spiel unter dem Korb noch mit einem weiteren O’Neal verstärkt haben – dem 31-jährigen Jermaine O’Neal – , bieten dem approbierten Freizeit-Polizisten eine realistische Chance, zumindest gleichzuziehen. Der Mann mit der tiefen tonlosen Stimme hatte schon in der Vergangenheit oft genug betont: „Stell dir einen Mann vor, der seinen Sohn in die Hall of Fame mitnimmt“, sagte er vor zwei Jahren bei seinem Wechsel zu den Phoenix Suns und sponn die imaginäre Unterhaltung zwischen den beiden mit der Frage des Zöglings weiter, wer denn die meisten Titel errungen habe. Der Vater würde sagen: „Bill Russell mit elf. Dann kommt Michael Jordan mit sechs.“ O’Neal ließ keinen Zweifel, dass er in einem Atemzug mit Jordan genannt werden wollte.
Der Wunsch dürfte jedoch nur wahr werden, wenn seine neuen Nebenleute den entscheidenden Teil der Arbeit leisten. Shaquille O’Neals Leistungswerte sind mit steigendem Alter ständig gesunken. Vor allem seine Treffgenauigkeit hat nachgelassen. Und das nicht nur an der Freiwurflinie, wo seine Wurfschwäche schon immer legendär war. So war er in dem beweglichen Spiel der Cleveland Cavaliers nicht halb so wertvoll wie der überragende LeBron James.
Die Buchmacher in Las Vegas signalisieren denn auch, dass der Auftritt des ehemaligen Rappers Shaquille O’Neal im traditionellen grünen Bostoner Trikot nichts an den Quoten ändert. Seine Ankunft wurde auch gar nicht mehr in großen Lettern angekündigt. Beim Boston Globe schimmerte sogar Skepsis durch: „Er hat bisher bei den meisten Mannschaften einigen Ärger hinterlassen, denn er besitzt die Neigung, sich mit seinen Mannschaftskollegen anzulegen und sich irgendwann die Sympathien zu verscherzen.“ Es sei denn, der Riese offenbart eine völlig neue Qualität: die Milde eines Großvaters.