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Sexueller Missbrauch : Der Traum von Olympia wird zum Albtraum

Missbrauch im Sport ist kein Einzelphänomen Bild: REUTERS

Sexueller Missbrauch im Sport ist kein Einzelphänomen: Knapp ein Drittel aller Sportlerinnen soll schon einmal belästigt worden sein. Die Lebensgeschichte der irischen Schwimmerin Karen Leach zwingt zum Handeln.

          „Seit ich elf Jahre alt war, ging ich jeden Abend ins Bett, in der Hoffnung, dass ich es schaffen würde, zu schlafen. Aber noch mehr wünschte ich mir, dass, wenn ich einschlafen könnte, ich nie mehr aufwachen würde. Alles, was ich wollte, war sterben.“ Karen Leach war mittlerweile siebzehn Jahre alt, als der Schwimmtrainer, der sich an ihr und mindestens siebzehn anderen minderjährigen Mädchen verging, aufflog und verhaftet wurde. Fünfundzwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Doch die 42 Jahre alten Irin ist immer noch nicht frei.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Mit dem Finger fährt sie die Zeilen ihres Manuskriptes entlang, als sie auf einer Konferenz in Berlin spricht. Der Sport, der sich als Produzent von Vorbildern versteht, bringt auch das Gegenteil hervor. „Man muss Kinder davor schützen, dass sie ein Leben haben wie meines“, sagt Karen Leach. Im Sport dürfe es nicht allein um Siege und Medaillen gehen; begabte und unbegabte Kinder hätten das selbe Recht auf Freude und Glück. „Wir dürfen niemandem die Macht geben, Kindern ihre Kindheit zu stehlen“, ruft sie.

          „A dead girl walking“

          Das Unglück von Karen Leach war, dass sie eine talentierte Schwimmerin war. Derry O’Rourke, irischer Nationaltrainer bei den Olympischen Spielen von Moskau 1980, bot ihren Eltern an, sie in seinem Dubliner Klub King’s Hospital zu trainieren. Als der Traum von Olympia begann, endete ihre Lebenslust, sie hatte sogar das Gefühl: ihr Leben. Blanke Angst habe sie beherrscht, da hatte der Mann sie noch nicht einmal angefasst. Dann begann der sexuelle Missbrauch: in der Kabine, im Trainerzimmer, im Trainingslager, auf Wettkampfreisen. „Mein Geist starb, er verließ meinen Körper“, erinnert sie sich: „I was a dead girl walking.“

          Warum sie mit niemandem darüber sprach? Nicht mit ihrer Mutter, die sie zu nachtschlafender Zeit weckte, damit sie vor der Schule zwei Stunden trainieren konnte, nicht mit ihrem Vater, der sie zur Schwimmhalle fuhr? „Er erpresste mich mit meinem Traum von Olympia und meiner Liebe zum Sport“, sagt sie über ihren Peiniger. So sehr vergrub und verkapselte sie den Horror, den sie nicht wahr haben wollte, dass sie nicht einmal mit den anderen Mädchen sprach, von denen sie hätte ahnen können, dass auch sie Opfer des Trainers waren. Die Schule, der Verband, Eltern ignorierten, wenn ein Kind zaghaft von Belästigung sprach: „Der Trainer war Gott.“ Selbst die Entlassung O’Rourkes als Nationalcoach scheint der Vertuschung gedient zu haben. Er sei unrechtmäßig als Fernsehkommentator aufgetreten, hieß es; Nachfolger wurde ein anderer Pädophiler, George Gibney. 1992 in Barcelona waren beide im Einsatz.

          Der Plan vom eigenen Selbstmord

          Der Körper von Karen Leach gab auf. Sie konnte nicht mehr trainieren, sie fiel aus allen Mannschaften. Mit Alkohol versuchte sie, sich zu betäuben. Sie scheiterte. „Ich war neunzehn“, sagt sie, „und ich wünschte mir nur den Tod.“ Ein Jahrzehnt verbrachte sie damit, in geschlossenen Abteilungen ihren Selbstmord zu planen und immer neu zu versuchen - bis sie im Fernsehen einen Mann darüber sprechen sah, wie er von Priestern missbraucht worden war. Der irische Kirchenskandal und die Haltung seiner stärksten Opfer gaben ihr den Mut, die Dämonen zu bekämpfen. „Was er kann“, sagte sie sich, „kann ich auch, eines Tages.“

          1998 wurde ihr Trainer verhaftet. „Als ich in einem Gerichtssaal in Dublin stand, wurde ein Mann namens Derry O’Rourke aufgefordert aufzustehen“, erinnert sich Karen Leach. „Mir war schlecht. Dann mein Name. Eine Liste verschiedener Jahre und verschiedener Dinge, die dieser Mann mir angetan hatte. ,Wie plädieren Sie?’, wurde er gefragt, ,schuldig oder nicht schuldig?’ ,Schuldig’, sagte er. Als die Kraft meinen Körper verließ und ich gegen die Wand sank, versuchte mein Bruder sein Bestes, mich zu stützen. Ich hatte meine Antwort bekommen. Mein Gott, es ist wahr, es ist wahr, es ist alles wahr. Es war kein böser Traum. Und sie glauben mir. Derry O‘Rourke missbrauchte mich, als ich ein kleines Mädchen war.“

          Ein Drittel aller Sportlerinnen belästigt

          O’Rourke wurde in diesem und einem weiteren Verfahren zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt; nach neun wurde er entlassen. Ungeheuerliche Zustände im Schwimmverband kamen ans Licht. Der Manager wurde wegen Mordes verurteilt, Nationaltrainer Gibney entging einer Missbrauchs-Anklage wegen Verjährung - und arbeitete im Ausland weiter. Der Verband wurde aufgelöst. „Meinen Eltern brach es das Herz“, sagt Karen Leach. Die Mutter bat um Verzeihung, dass sie ihre Tochter einem Kriminellen anvertraut hatte. Vier Tage später rief ein Polizist an. Im Grand Canal von Dublin sei eine Leiche gefunden worden. Die ihrer Mutter. „Missbrauch zerstört Leben“, sagt Karen Leach in Berlin. „Missbrauch tötet.“

          Als die Europäische Union Forschungsprojekte zur Bekämpfung von Gewalt und Intoleranz im Sport ausschrieb, erhielt sie 49 Bewerbungen, bei denen es um Fußballfans ging. Eine Arbeit über sexuelle Belästigung und Missbrauch war gar nicht vorgesehen. Doch auch der Fall O’Rourke hat den Sport alarmiert. Knapp hundert Fachleute aus ganz Europa kamen zusammen, als die Deutsche Sportjugend in der vergangenen Woche nach Berlin einlud, um Beispiele für Prävention vorzustellen. Studien, die dem Thema eine Datenbasis verschaffen, auf der Fortschritt messbar ist, fehlen. Nur so viel: Mehr oder weniger ein Drittel aller Sportlerinnen in Norwegen, Tschechien und Griechenland haben nach Erhebungen der Norwegerin Kari Fasting sexuelle Belästigung erfahren. So blieb es bei der Erwiderung der Britin Celia Brackenridge auf den Bericht von Karen Leach: „Du bist nicht allein, obwohl du dich allein fühlst“, sagte sie. „Deine Geschichte habe ich von verschiedenen Sportlerinnen immer wieder gehört.“

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