17.06.2009 · Ausgebremst von der Wirtschaftskrise und von eigenen Fehlern, kämpfen die Hightech-Segler darum, an die einstige Aufbruchstimmung anzuknüpfen. Doch die vielleicht wichtigste Frage der Segelbranche bleibt: Kommt der America's Cup in Schwung?
Von Michael AshelmErst knallt die Crew von Bouwe Bekking mit dem Boot auf einen Felsen und sinkt fast, dann liefern sich zwei andere Rennyachten in der Nacht zum Dienstag vor Stockholm ein schwer umkämpftes Wendeduell um den Gewinn der vorletzten Etappe. Zum Ende hin bietet die Dramaturgie beim Volvo Ocean Race noch einige Höhepunkte ganz nach dem Geschmack der Organisatoren, die in schwierigen Zeiten abhängig sind von spektakulären Szenen. Hightech-Segeln, eine Zeitlang vielversprechender Neuling auf dem globalen Sportmarkt, steckt im Flautenloch - getroffen von der Wirtschaftskrise und eigenen Fehlern.
Strahlende Sieger haben Seltenheitswert. Eine dieser Ausnahmen ist derzeit der Brasilianer Torben Grael, einer der gewieftesten Skipper. Er gewann am Dienstag durch den dritten Platz seiner „Ericsson 4“ vorzeitig die Regatta um die Welt. Ikonen wie er, die von Eignern und Sponsoren mit Millionen entlohnt werden, sind die Hoffnung der Branche. Der Spitzname des an Land sehr smart erscheinenden Nachfahren dänischer Auswanderer ist „Turbine“ - auf dem Wasser treibt Grael seine Crews zu Höchstleistungen an. „Wir brauchen mehr solche Gesichter“, sagt Knut Frostad. Der Norweger ist selbst viermal um die Welt gesegelt, war bei Olympia und soll als Chef des Ocean Race für neue Perspektiven sorgen. Kein einfacher Job: Durch die Rezession sind die Möglichkeiten begrenzt, auf den Budgets liegt ein ungeheurer Druck.
Selbstgemachte Krise im America's Cup
Weit weg ist man von der Aufbruchstimmung vor zwei, drei Jahren, als sich durch die Rückkehr des America's Cup nach Europa, des wichtigsten und glamourösesten Wettbewerbs im Regattakalender, der Segelsport zu neuer Popularität außerhalb seiner Nische aufschwang. Die Branche orientierte sich selbstbewusst an anderen globalen Erfolgsmodellen im Sport, wie der Formel 1, mit eigenen Werten. „Dynamik, Technik, Teamsport, Natur - das alles zusammen ist ziemlich sexy, finde ich“, sagte damals der Schweizer Milliardär Ernesto Bertarelli und prophezeite goldene Jahre.
Heute versinkt der America's Cup im Skandal, ein juristischer Streit zwischen Bertarelli als Titelträger mit „Alinghi“ und dem Syndikat des amerikanischen Software-Tycoons Larry Ellison legt Entwicklungen seit anderthalb Jahren lahm. Segler, Bootsbauer, Designer, Techniker wurden arbeitslos und warten seither auf das Ende der selbstgemachten Krise. Begleitet wird das Desaster vom ökonomischen Abschwung.
Schon nach einer Saison musste Deutschlands Segelikone Jochen Schümann im vergangenen Jahr das Projekt „Platoon“ abblasen, weil Audi als Sponsor absprang und der Eigner aus Hamburg nicht allein das finanzielle Risiko von mehreren Millionen Euro tragen wollte. Das Team war selbst schon eine Ersatzkampagne für das zuvor aufgelöste deutsche America's-Cup-Team des Internetunternehmers Ralph Dommermuth. Doch unermüdlich und voller Energie kämpft Schümann auf vielen Feldern um Anschluss, tat in diesem Jahr zumindest für sich und einige andere deutsche Segler eine Kooperation mit dem neuen Schweizer Team „Marazzi Sailing“ auf. „Es hilft ja nichts: Wir müssen uns zeigen und weiterarbeiten. Ich gebe doch jetzt nicht auf. Irgendwann werden die Zeiten wieder besser“, sagt Schümann.
Der Wettbewerbsdruck steigt, das fördert Innovationen
Vergangene Woche segelte er vor Sardinien eine Regatta für Superreiche - als professioneller Begleiter. Sein Kollege Tim Kröger, der 2007 für Südafrika am America's Cup teilnahm und dann zum „Team Germany“ gestoßen ist, geht nun eine ganz andere Herausforderung an und macht sich unabhängig von den Unwägbarkeiten. Mit seinem Partner Johannes Polgar will er im Starboot zu den Olympischen Spielen - die finden nämlich in jedem Fall statt, 2012 in London. Nebenher hält er Vorträge vor Managern. „Die Segelszene in Deutschland ist derzeit ziemlich eingedampft“, sagt Kröger. Es gibt nur noch wenige, die die Fahne hochhalten und Geld verdienen können für ihren Lebensunterhalt. Einziger deutscher Segler beim Ocean Race ist der Kieler Michael Müller auf dem gesponserten Puma-Boot (siehe auch: Ocean-Race-Segler Michael Müller: Vater geworden, aus der Koje gefallen).
Als „angespannt“ beschreibt Mirko Gröschner von Jacaranda Marketing die Lage. Die Agentur hat sich auf das Segeln spezialisiert. Aber Gröschner ist auch „hoffnungsvoll“. Er glaubt, dass die Krise eine Menge positiver Entwicklungen nach sich ziehen wird, die der Branche im nächsten Aufschwung zugutekommen könnten. Der relativ unbekannte Audi Med Cup vor Südeuropas Küsten, an dem derzeit auch Schümann sporadisch teilnimmt, zieht durch den Stillstand beim America's Cup die besten Matchracer der Welt an und ist eine zwar kleine, aber qualitativ hochwertige Serie. Die einzelnen Regattaformate vom Vendée Globe der Einhandsegler bis zum Hightech-Wettstreit der besten Crews beim Volvo Ocean Race arbeiten noch mehr als zuvor am eigenen Profil. Der Wettbewerbsdruck steigt, das fördert Innovationen.
Die wichtigste Frage: Kommt der America's Cup in Schwung
Unlängst beim Zwischenstopp in Galway (Irland) erklärte Frostad, wie das Ocean Race besser als die anderen großen Regatten werden will: Die Kosten pro Team sollen auf rund 15 Millionen Euro gedrückt werden, mehr Crews, junge Segler und Frauen eine Chance bekommen, wie bei Olympia soll ein Ausrichterwettbewerb zwischen Häfen entstehen. Auch Hamburg und Kiel bewerben sich als Station für die Weltumseglung 2011/2012. Alicante hat schon durch Steuergeldzuwendungen den Zuschlag bekommen als permanenter Heimathafen. „Wir sind eines der letzten großen Abenteuer und wollen wachsen“, sagt Frostad.
Die vielleicht wichtigste Frage der Segelbranche bleibt: Kommt der America's Cup in Schwung? Optimisten glauben, dass, wenn im Februar nächsten Jahres die beiden Streitparteien per Gerichtsbeschluss auf hyperschnellen Mehrrumpfbooten gegeneinander antreten werden, das alte Fieber wieder grassieren wird. „Dann ist die Faszination wieder da. Der Cup ist nicht kaputtzubekommen“, sagt Gröschner. In der Folge wird sich dann beweisen, ob die in der Spitze überschaubare deutsche Segelgemeinde nach der Krise noch genug Initiativkraft aufzubieten hat.