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Segelkunstfliegen Tanzen in der Luft

 ·  Die Welt steht auf dem Kopf: David Friedrich fliegt als jüngster Deutscher in der Weltspitze der Segelkunstflieger mit. Dabei hatte er früher sogar richtige Flugangst.

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© Zeitflügel Segelfliegen als Kunst: Hohe Anforderungen an Körper und Geist

Wenn David Friedrichs Welt mal wieder auf dem Kopf steht, hat der junge Bad Nauheimer seine ganz eigene Technik, diese wieder geradezurücken. Mit viel Gefühl zieht er an dem Steuerknüppel, blickt dabei auf die Tragflächen und die Tachoanzeige und schon fängt sein Segelflugzeug an, sich um neunzig Grad zu drehen. Einfach gerade in der Luft zu schweben, den Himmel über sich und die Erde unter sich zu haben, ist allerdings gar nicht das Ziel von David Friedrich. Viel lieber lässt er dem Rückenflug, vor der Landung, noch einen Looping oder eine Rolle folgen.

Segelkunstflug - David Friedrich gehört zu den großen Nachwuchstalenten in dem schwebenden Tanz am Himmel. Er ist mit 21 Jahren nicht nur das jüngste Mitglied der Nationalmannschaft, sondern in seiner Klasse auch Weltmeister in der Teamwertung und WM-Zweiter in einer Einzelwertung. National konnte er sich abermals den zweiten Platz bei den deutschen Meisterschaften sichern. Besonders stolz ist er auf seinen zweiten Platz bei der Weltmeisterschaft in der „Unbekannten Pflicht“.

Bei dieser Wettkampfform bekommen die Piloten erst kurz vor dem Start die Figurenfolge von den Schiedsrichtern genannt. „Oftmals ist man diese Abfolge noch nie zuvor so geflogen“, erzählt Friedrich, „und es bleibt einem nur die Möglichkeit, sich in Gedanken darauf vorzubereiten, ohne sie jemals in der Luft geübt zu haben.“

Hohe Anforderungen an Körper und Geist

Die mentale Stärke spielt im Segelkunstflug überhaupt eine wichtige Rolle, „denn für einen Flug von neun Figuren hat man nur drei Minuten Zeit und 1000 Meter Höhe und Breite Platz. Da bleibt bei Geschwindigkeiten zwischen 100 bis 300 Kilometer pro Stunde nicht viel Gelegenheit zum Überlegen, da muss man auch bei bekannten Programmen alle Abfolgen exakt im Kopf haben“, erzählt er. Aber genau diese hohen Anforderungen an Körper und Geist sind es, die Friedrich so am Segelkunstflug faszinieren.

Es war kurz nach seinem vierzehnten Geburtstag, als David Friedrich zum ersten Mal in einem Segelflugzeug saß. „Infiziert vom Fliegen war ich allerdings schon viel früher“, erzählt er. „Ich habe als Kind immer die Segelflieger, die über unsere Wohngegend gesegelt sind, beobachtet. Mit 13 Jahren bin ich dann einfach an den Bad Nauheimer Segelflugplatz gegangen und habe gefragt, ob ich irgendetwas helfen kann“, und nicht nur das durfte er, sondern eben auch selbst in die Lüfte aufsteigen.

Begonnen hat er mit dem Streckenflug, aber stundenlang immer nur geradeaus wurde ihm schnell zu langweilig, deshalb entschied er sich für den Kunstflug. Trainiert hat ihn dabei von Anfang an eine Frau. Auch das ist eine Besonderheit in dem sonst von Männern dominierten Sport und ebenfalls die Tatsache, dass es vor dem ersten Kunstflug keine „Trockenübungen“ auf dem Boden gibt, erstaunt. „Man übt von Beginn an, ähnlich wie in der Fahrschule, mit seinem Trainer in der Luft und tastet sich von Figur zu Figur langsam nach vorne.“

Respekt vor neuen Figuren

Mittlerweile teilt Friedrich sich mit seiner Trainerin Martina Kirchberg ein Flugzeug, und zwar nicht irgendein Segelflugzeug, sondern den Swift, die Königsklasse unter ihnen. „Es gibt nur 25 bis 30 solcher Flugzeuge auf der Welt. Sie sind extra für den Segelkunstflug gebaut und extrem stabil. So können sie optimal den großen Beschleunigungskräften während des Fluges standhalten.“ Kunstflieger sind treue Gesellen - was das Material betrifft. Wenn sich einer einmal ein Flugzeug ausgesucht und mit ihm trainiert hat, fliegt er es so lange, bis es nicht mehr geht, denn jedes hat seine Eigenheiten.

Obwohl David Friedrich trotz seines jungen Alters schon viel Erfahrung hat, hat er immer noch vor jeder neuen Figur großen Respekt. „Das ist auch wichtig, um konzentriert an den Flug zu gehen, aber am Ende überwiegen dann einfach immer der Spaß und das unglaubliche Gefühl, am Himmel keinen Grenzen ausgesetzt zu sein.“ Als Zuschauer mit festem Boden unter den Füßen hat man nicht nur Respekt vor dem Schauspiel am Himmel, so manches Trudeln kopfüber Richtung Erde sieht sogar gefährlich aus. Gefährlich? David Friedrich mischt sich sofort ein. „Klar, passieren kann immer etwas, aber eigentlich ist Segelkunstflug die sicherste Form des Segelfliegens. Viele Piloten machen sogar extra ein Kunstflugtraining, weil man danach sein Flugzeug in allen erdenklichen Positionen, ob kopfüber oder auf dem Rücken, gut kennt und in Notsituationen, ohne die Orientierung zu verlieren, reagieren kann.“

Ausbildung zum Piloten

Ursprünge des Kunstflugs finden sich übrigens im Ersten Weltkrieg. Aus den damals schnellen Richtungswechseln, während eines Angriffs oder einer Verfolgungsjagd in der Luft, sind viele der heutigen Flugfiguren entstanden. Die Segelflugsaison 2011, die bislang erfolgreichste für Friedrich, ist seit Ende Oktober vorbei. „Wir Kunstflieger brauchen im Gegensatz zu den Streckenfliegern einen wolkenlosen Himmel, keinen Wind und keine Thermik, um optimal fliegen zu können. Deshalb eignen sich die Wintermonate einfach nicht.“ In der Winterpause hält sich Friedrich mit Handball fit. „Man muss gut trainiert sein, um die großen Beschleunigungskräften bis zum Zehnfachen der Erdanziehungskraft in der Luft auszuhalten, ohne, dass einem das Blut in oder aus dem Kopf schießt.“ In der nächsten Saison will David Friedrich durchstarten in der Unlimited-Klasse, der Formel 1 unter den Segelkunstfliegern.

Um dort starten zu dürfen, muss er noch ein bisschen Erfahrung und ein paar Siege sammeln, aber wenn es so rasant aufwärts geht wie in der letzten Saison, dürfte diesem Ziel nichts im Wege stehen. Was das Leben „auf der Erde“ angeht, steht David Friedrich vor ähnlichen Problemen wie andere Nachwuchssportler. Einen Beruf zu finden, der genug Zeit für Training und Wettkämpfe lässt, ist schwierig. Im Moment bewirbt er sich für eine Ausbildung zum Piloten. Das würde passen, erstaunlich ist nur dies: „Ich glaube es manchmal selbst nicht mehr, aber bevor ich hier am Flugplatz in Bad Nauheim begonnen habe, hat mich richtige Flugangst geplagt.“

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