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Sechstagerennen : Ausgestorben, aber voller Leben

Rad im Fokus: Sechstagerennen haben ihre eigene Faszination Bild: dpa

Sechstagerennen sind ein geschrumpftes Metier. Nur noch sieben Veranstaltungen gibt es in Europa. Aber in Berlin werden die harten Männer auf ihren fliegenden Maschinen gefeiert wie in alten Radsportzeiten.

          „Young, Rich, Sexy and Free“ steht auf dem T-Shirt des jungen Radrennfahrers. Vorsichtig legt er Pflaster auf großflächige Wunden. Knie, Oberschenkel und ein Arm sind blutig. „Ich bin gestern gestürzt“, sagt er. Warum er weiterfährt? „Ich will gewinnen.“ Das ist das Holz, aus dem Radrennfahrer geschnitzt sind.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Weniger reich und sexy als tapfer und schmerzresistent müssen sie sein. Vielleicht wird der 15 Jahre alte Matthias Pedersen tatsächlich einmal Radprofi, wie er es sich erträumt. Er ist aus Dänemark nach Berlin gekommen, um im Velodrom am Sechstagerennen teilzunehmen, nun ja: um beim U-17-Omnium zu starten. Während Kameraden und Konkurrenten in einem kahlen Raum in den Katakomben der Halle auf ihren Rädern sitzen, auf der Stelle treten und sich die Milchsäure aus den Beinen schütteln, schlendern oben die ersten Zuschauer in die Halle. Es ist halb sieben Uhr abends. In gut einer Stunde werden die Profis mit ihrem Programm beginnen. „Wir freuen uns auf die Rennen“, sagt Matthias. „Sie sind spannend, und die Fahrer sind berühmt.“

          Genügsame Sportler

          Der berühmteste ist Robert Bartko, Doppel-Olympiasieger von Sydney und Doppelweltmeister von Berlin. Wenn man aus dem Raum mit den Fahrradrollen um ein paar Ecken geht, trifft man ihn beim Zeitunglesen. Um halb drei war er zur Massage hier, anschließend ist er mit seinem Partner Theo Reinhardt italienisch essen gegangen. Seit einer Stunde ist er zurück in dem unverputzten Keller. Er amüsiert sich, wie man über diesen kurios zugeschnittenen und zugestellten Raum staunen kann.

          Durch die Mitte ragt eine gigantische Säule, in den spitzen Winkel, in dem die kahlen Wände dahinter zusammenlaufen, hat der Pfleger sein Bett gestellt. In einer Handbewegung umschließt Bartko die Strahler und Röhren an der Decke, die Garderobenhaken und die Holzbank an der Wand, die Waschmaschine und den Massagetisch. „Hier haben wir alles für unser Wohlbefinden“, sagt er. „Wir sind sehr genügsam.“

          Rasante Rennen: Radsport aus der Nähe
          Rasante Rennen: Radsport aus der Nähe : Bild: picture-alliance/ dpa

          Nach den letzten Wertungssprints und Dernyrennen weit, weit nach Mitternacht werden er und Reinhardt hier duschen, den Salat essen, den sie mitgebracht haben, und ihre Mission besprechen. Die lautet: Der alte Lokalmatador soll den neuen anlernen. Bartko ist 37 Jahre alt, Reinhardt 15 Jahre jünger. Er realisiert gerade, dass er sich den Traum von Ruhm und Reichtum wohl aus dem Kopf schlagen muss. Sechstagerennen sind ein sterbendes Metier. Nur noch sieben Veranstaltungen gibt es in Europa. Mit dem Rennen von Kopenhagen endet übernächste Woche die Saison.

          Aus der Schmuddelecke in den Jubel

          Die Letzten einer aussterbenden Art, nein, eines ausgestorbenen Wettkampfs, sitzen beim Essen. Die acht reifen Herren wirken nicht wie Dinosaurier, sondern sorgen für Leben in dem fensterlosen Raum mit ihren Frotzeleien und Sprüchen. Sie sind die Schrittmacher, die bei Derny- und Steherrennen die Motorräder fahren. René Kos, einer von ihnen, ist mehr als hundert Sechstagerennen gefahren; in einem Winter bestritt er 22 nacheinander, das letzte in Buenos Aires. 1981 war er Weltmeister der Steher, fünf Jahre später beendete er seiner Karriere. Als seine Söhne fürs Training einen Tempomacher brauchten, erlitt er einen Rückfall. „Man muss mein Engagement hier als Urlaub sehen“, sagt er.

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