„Young, Rich, Sexy and Free“ steht auf dem T-Shirt des jungen Radrennfahrers. Vorsichtig legt er Pflaster auf großflächige Wunden. Knie, Oberschenkel und ein Arm sind blutig. „Ich bin gestern gestürzt“, sagt er. Warum er weiterfährt? „Ich will gewinnen.“ Das ist das Holz, aus dem Radrennfahrer geschnitzt sind.
Weniger reich und sexy als tapfer und schmerzresistent müssen sie sein. Vielleicht wird der 15 Jahre alte Matthias Pedersen tatsächlich einmal Radprofi, wie er es sich erträumt. Er ist aus Dänemark nach Berlin gekommen, um im Velodrom am Sechstagerennen teilzunehmen, nun ja: um beim U-17-Omnium zu starten. Während Kameraden und Konkurrenten in einem kahlen Raum in den Katakomben der Halle auf ihren Rädern sitzen, auf der Stelle treten und sich die Milchsäure aus den Beinen schütteln, schlendern oben die ersten Zuschauer in die Halle. Es ist halb sieben Uhr abends. In gut einer Stunde werden die Profis mit ihrem Programm beginnen. „Wir freuen uns auf die Rennen“, sagt Matthias. „Sie sind spannend, und die Fahrer sind berühmt.“
Genügsame Sportler
Der berühmteste ist Robert Bartko, Doppel-Olympiasieger von Sydney und Doppelweltmeister von Berlin. Wenn man aus dem Raum mit den Fahrradrollen um ein paar Ecken geht, trifft man ihn beim Zeitunglesen. Um halb drei war er zur Massage hier, anschließend ist er mit seinem Partner Theo Reinhardt italienisch essen gegangen. Seit einer Stunde ist er zurück in dem unverputzten Keller. Er amüsiert sich, wie man über diesen kurios zugeschnittenen und zugestellten Raum staunen kann.
Durch die Mitte ragt eine gigantische Säule, in den spitzen Winkel, in dem die kahlen Wände dahinter zusammenlaufen, hat der Pfleger sein Bett gestellt. In einer Handbewegung umschließt Bartko die Strahler und Röhren an der Decke, die Garderobenhaken und die Holzbank an der Wand, die Waschmaschine und den Massagetisch. „Hier haben wir alles für unser Wohlbefinden“, sagt er. „Wir sind sehr genügsam.“
Nach den letzten Wertungssprints und Dernyrennen weit, weit nach Mitternacht werden er und Reinhardt hier duschen, den Salat essen, den sie mitgebracht haben, und ihre Mission besprechen. Die lautet: Der alte Lokalmatador soll den neuen anlernen. Bartko ist 37 Jahre alt, Reinhardt 15 Jahre jünger. Er realisiert gerade, dass er sich den Traum von Ruhm und Reichtum wohl aus dem Kopf schlagen muss. Sechstagerennen sind ein sterbendes Metier. Nur noch sieben Veranstaltungen gibt es in Europa. Mit dem Rennen von Kopenhagen endet übernächste Woche die Saison.
Aus der Schmuddelecke in den Jubel
Die Letzten einer aussterbenden Art, nein, eines ausgestorbenen Wettkampfs, sitzen beim Essen. Die acht reifen Herren wirken nicht wie Dinosaurier, sondern sorgen für Leben in dem fensterlosen Raum mit ihren Frotzeleien und Sprüchen. Sie sind die Schrittmacher, die bei Derny- und Steherrennen die Motorräder fahren. René Kos, einer von ihnen, ist mehr als hundert Sechstagerennen gefahren; in einem Winter bestritt er 22 nacheinander, das letzte in Buenos Aires. 1981 war er Weltmeister der Steher, fünf Jahre später beendete er seiner Karriere. Als seine Söhne fürs Training einen Tempomacher brauchten, erlitt er einen Rückfall. „Man muss mein Engagement hier als Urlaub sehen“, sagt er.
In der Halle ist nichts davon zu spüren, dass diese Sportart todgeweiht ist. Um sieben sind die Sechstagefahrer zur Präsentation auf der Bahn und die Zuschauer auf ihren Plätzen. Wie ein vitaler Pulsschlag dröhnen die Räder auf den Holzlatten der Bahn. „Wenn man rausgeht, ist das, als ob ein Schalter umgelegt wird“, sagt Bartko. Aus dem Keller auf die große Bühne, aus dem Neonlicht in den Kegel der großen Scheinwerfer.
Aus der Schmuddelecke in den Jubel. Wenn er zum Training ins Berliner Umland fahre, erzählt Reinhardt, werde er ab und zu von Passanten als Doper und Betrüger beschimpft - allein weil er als Radrennfahrer zu erkennen ist. Jetzt schreien Abertausende vor Begeisterung, wenn er und Bartko attackieren. Da lässt es sich auch in der Kabine aushalten, einem Bretterverschlag, der um eine Liege herum gezimmert ist und im Innenraum steht, wo Bier ausgeschenkt und Würstchen gegrillt werden.
Wo an Kompressoren Reifen aufgepumpt und wo Motoren angelassen werden, wo Musik dröhnt und der Hallensprecher sich dafür verausgabt, sie zu übertönen. Jedes der sechzehn Sechstagepaare hat eine solche Kabine. Sie ersetzt die Taschen des Trikots, den Flaschenhalter im Fahrradrahmen, das Begleitfahrzeug und die Massagebank. Energieriegel und Zuckergetränke liegen hier bereit, Fett und Salben, Pflaster und Mullbinden, Kaffee und Tee. An die Wand ist das Programm der Nacht geklebt, die Einsatzzeiten sind farbig markiert. Der Plastikeimer mit Deckel ersetzt die Toilette.
Nach dem Rennen in die Disco
Kaum bei Atem, gibt Sprinter Robert Förstemann im Innenraum Autogramme. Sein Foto, von dem er einen dicken Stapel in der Hand hält, zeigt ihn mit nacktem Oberkörper; der ist fast so muskulös wie seine gigantischen Oberschenkel. Er und seine Kollegen genießen das Sechstagerennen. „Wo haben wir schon mal 12.000 Zuschauer?“, fragt Maximilian Levy, an diesem Abend in 12,79 Sekunden der Schnellste auf der 250 Meter langen Bahn.
Dem Bild vom jungen und freien Sechstagefahrer kommt Marcel Barth sehr nah. Er übernimmt die Führung, wenn die Profis die Zuschauer dazu animieren, sie mit einer Welle zu begleiten. Er nimmt das Wort vom „La-Ola-König“ wörtlich und setzt eine goldene Krone auf seinen Helm, legt einen Umhang um die Schultern und fuchtelt mit einem Plastikzepter herum. Das reicht ihm aber nicht: „Ob ich schlaflos im Hotelzimmer hocke oder an der Bar, ist doch egal. Ich gehe nach dem Rennen gern mal in die Disko.“
Jörg Wohlleben ist seit 26 Jahren als Mechaniker dabei. In Berlin betreut er rund ein Dutzend Fahrer und pflegt einen Fuhrpark von dreißig Rädern. Vor Jahr und Tag war er beim Team Telekom mit Jan Ullrich und Erik Zabel beschäftigt. Er brummt unwillig, wenn man ihn nach dem Zusammenhang zwischen dem Doping-Eklat der deutschen Vorzeigeradler vor sechs Jahren und der Depression des Radsports heute fragt. „Was soll das, in der Vergangenheit rumzuwühlen“, schimpft er. „Was Armstrong erzählt, ist doch keine Überraschung. Was haben die Leute denn gedacht!“
Die Physiotherapeutin Judith Gabriel stieg bei Telekom ein, als das Lügengebäude schon eingestürzt war. „Wir wurden angepöbelt, wenn wir Teamkleidung getragen haben“, erinnert sie sich. „Alle bangten um ihren Arbeitsplatz.“ Sie, in deren Mädchenzimmer ein Jan-Ullrich-Poster hing und deren erster Besuch des Sechstagerennens ihren Lebensweg bestimmte, betreut nun die Favoriten Roger Kluge und Peter Schep. Von deren Box aus blickt sie auf die tosende Haupttribüne. „Dass es trotz allem so viele Leute gibt, die mitfiebern“, sagt sie, „fühlt sich toll an.“