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Veröffentlicht: 19.12.2012, 10:37 Uhr

Scout im Volleyball Schmetterball auf 6c

Wenn Detlev Schönberg Volleyball guckt, erfasst er die Ballwechsel systematisch und notiert Codes wie: 5 SM 1 a11+9 a9+1.10D+7 12 PC # 6C. Die Kunst des Scouts besteht darin, aus den Einzelereignissen ein Muster abzuleiten.

von , Wiesbaden
© Dreis Der Scout bei der Arbeit: Detlev Schönberg erfasst 178 Ballwechsel in zwei Stunden mit 1131 Codes

Wenn Detlev Schönberg ein Spiel des VC Wiesbaden verfolgt, dann dokumentiert er jeden einzelnen Ballwechsel. Zwei Computermonitore vor sich, zwei Videokameras hinter sich, die Tastatur unter den Händen, blickt Schönberg aus erhöhter Position von der Hinterfeld-Perspektive über seine extraschmale Lesebrille hinaus aufs Feld und tippt ein, was er sieht, zum Beispiel: 5 SM 1 a11+9 a9+1.10D+7 12 PC # 6C. Was so viel heißt wie: Aufschlag von Wiesbadens Martina Viestova (Nummer 5) im Sprung mit mittlerem Tempo (SM) aus Position 1. Gute Annahme (+) von Suhls Claudia Steger (a11) im Halbfeld auf der rechten Seite (Planquadrat 9), anschließend Angriff von Ivana Isailovic (a9) mit einem Aufsteiger aus der Feldmitte (x1.). Wiesbadens Libero Erika Carvalho (10) nimmt den Ball hinten links (7) erfolgreich an (D+), und schließlich schmettert Ksenija Ivanovic wuchtig aus dem Hinterfeld (PC) zum Punktgewinn (#) - vorne links schlägt der Ball auf dem Boden auf (6c).

Achim Dreis Folgen:

Zwölf Spielerinnen pro Team, sechs Spielpositionen auf dem Feld, das in neun Planquadrate unterteilt ist, dazu Elemente wie Aufschlag, Annahme, Angriff, Abwehr und Block bilden die Basis der Informationen. Zudem sind Tempi und Wertigkeiten der Aktionen in einem Code verschlüsselt, mit dessen Hilfe sich das Spiel lesen lässt - sofern man die Geheimsprache zu dechiffrieren weiß. Schönberg ist als offizieller Scout der dritte Mann im Trainerteam des VC Wiesbaden neben Andi Vollmer und Christian Sossenheimer. Bei jedem Spiel des VCW sitzt er hinter seinen Computern, einmal die Woche bereichert er das Training mit seinen Analysen. Schönberg ist ein akribischer Datensammler, sein Zahlenwerk ist aber kein Selbstzweck. Vielmehr werden die Aufzeichnungen von der Spielbeobachtungs-Software „Data Volley“ in Echtzeit in Grafiken und Tabellen umgerechnet. Aus Einzelergebnissen werden Muster, die gewinnbringend eingesetzt werden können.

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Vom Nutzen des Scoutings ist der sportliche 51-Jährige ebenso überzeugt wie vom Sinn gezielten Fitnesstrainings. Der Moselaner ist A-Lizenz-Inhaber und im Hauptberuf luxemburgischer Nationaltrainer. Er gilt als „Volleyballverrückter“ im positiven Sinne, war schon erfolgreich als Sportdirektor bei den Roten Raben Vilsbiburg, ehe er aus persönlichen Gründen zurück in seine Heimat Traben-Trarbach zog. Während eines Spiels ist Christian Sossenheimer via Monitor mit den Erkenntnissen des Scouts verbunden. Pfeildiagramme weisen die vielversprechendsten Wege in die ungedeckten Ecken des gegnerischen Feldes, farbige Tabellen zeigen an, welche Spielerin des Konkurrenten die akute Schwachstelle darstellt. „Man guckt nicht ständig auf den Laptop“, sagt Sossenheimer, „aber ich lasse mir häufig mein Bauchgefühl durch die Zahlen bestätigen“ - gerne auch im Zwiegespräch mit Cheftrainer Vollmer.

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„Volleyball ist wie Schach“, sagt Schönberg: „nur tausendmal schneller.“ Wie beim königlichen Spiel geht es auch hier darum, seinem Gegner immer ein paar Züge voraus zu sein. Durch die Maßgabe der drei Kontakte bietet sich im Volleyball das Einstudieren von Standardsituationen an. Jede Mannschaft bastelt sich so einen individuellen Matchplan zusammen - und versucht zugleich herauszufinden, wie der Gegner am liebsten spielt. Vor der Partie gegen den VfB Suhl hatte sich der VCW vorgenommen, deren Annahmespielerinnen Silvia Sperl und Claudia Steger mit scharfen Angaben unter Druck zu setzen. Nach ein paar Ballwechseln wurde deutlich, dass Sperl stets gut parierte, also guckten sich die Wiesbadenerinnen Steger als Ziel aus - mit Erfolg. Als die dann bessere Antworten parat hatte, schossen sich die VCW-Frauen im zweiten Satz wieder auf Sperl ein, deren Quote guter Annahmen unter dem Dauerfeuer von 67 auf 27 Prozent absank. Möglicherweise ein Schlüssel zum Sieg. Viele Erkenntnisse werden aber noch nicht situativ genutzt, sondern erst für Nach- und Vorbereitung gebraucht. So kann in der Fehleranalyse belegt werden, dass der Grund einer Wiesbadener Schwächephase im ersten Satz nicht schwache Annahmen, sondern schludrig ausgeführte Angriffe waren.

178 Ballwechsel - 1131 Codes

Vom ohrenbetäubenden Getrommel der Fans um ihn herum lässt sich Schönberg nicht aus der Ruhe bringen. „Man muss seinen Rhythmus haben, sagt der Routinier über die Kunst des Datenerfassens. Aufschlag und Abschluss müssen stimmen - den einen oder anderen Ball im Mittelspiel kann man auch mal weglassen. Nach dem Live-Report macht Schönberg deshalb noch Hausaufgaben, die aktuelle Genauigkeit der Datenerfassung liegt bei 92 Prozent. Mit Hilfe der Videoaufzeichnung merzt er Fehleingaben aus. Auch während des Spiels korrigiert er sich gelegentlich. Der Video-Mitschnitt wird mit acht Sekunden Verspätung auf seinen Monitor übertragen, so dass ihm die Chance des zweiten Blicks bleibt. „In Italien kann man vom Scouting leben“, meint er. In Deutschland, wo Frauen-Volleyball längst nicht den gleichen Stellenwert hat, sind nicht mal alle Co-Trainer hauptberuflich tätig. Doch es geht voran. Schönberg selbst, der im Volleyballverband Rheinland seit dreißig Jahren im Lehrwesen tätig ist, bildet selbst die Scouts der anderen Mannschaften aus.

Am Ende des Wiesbadener Vier-Satz-Sieges gegen Suhl (23:25, 25:19, 25:20, 25:16) sind 178 Ballwechsel gespielt, die Schönberg in 1131 Codes aufgeteilt hat. Dass die dynamische Angreiferin Ksenija Ivanovic Wiesbadens Beste ist, erkennt der geneigte Zuschauer auch ohne Datensatz. Prompt wird sie als „wertvollste Spielerin“ ausgezeichnet. Doch ein Blick in den Matchreport zeigt, dass sie zwar die meisten Punkte (17) holte, aber nur 38 Prozent ihrer Angriffe erfolgreich waren. Dank Schönbergs Pfeildiagrammen kann Vollmer der Montenegrinerin nun aufzeigen, welche ihrer Schläge treffend waren - und welche eher nicht. Und da sie wissbegierig und lernfähig ist, kann sich die Feldabwehr des SC Potsdam beim kommenden Spiel am Samstag schon auf einiges gefasst machen.

Quelle: F.A.Z.

 

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