Im Grunde ist das ja kaum zu verstehen. Da trainiert Silke Lippok in Pforzheim notgedrungen jeden Tag im 25-Meter-Becken - und kann sich trotzdem nicht recht anfreunden mit der Schwimmerei auf der Kurzbahn. „Verblüffend“ nennt das ihr Trainer Rudi Schulz, aber so ist das nun mal mit Silke Lippok: „Je mehr Wenden, desto schlimmer“, so Schulz. Die 16 Jahre alte Schülerin selbst macht kein Hehl daraus, dass sie viel lieber auf der langen Bahn unterwegs ist. Ginge es nach ihr, sagt Silke Lippok, „würde ich am liebsten auf einer 200-Meter-Bahn schwimmen. Und dann am besten noch ohne Startsprung.“
Das wird auf absehbare Zeit schwierig, in Pforzheim oder anderswo. Doch die fünfmalige Junioren-Europameisterin hat zuletzt bewiesen, dass sie - allen Vorbehalten zum Trotz - auch auf der kurzen Bahn überzeugen kann: Mit deutschem Rekord über 200 Meter Freistil qualifizierte sich die Schwimmerin für die an diesem Donnerstag beginnende Kurzbahn-Europameisterschaft in Eindhoven.
Die „neue Franzi“: frech und mutig im Wasser und an Land
Und das, obwohl die Vorbereitung auf die Kurzbahn-Saison etwas überstürzt verlief - was an niemand anderem lag als an Silke Lippok selbst. Genauer: an ihren Erfolgen im Sommer bei der Langbahn-EM in Budapest. Da gewann sie Gold über 4x100 Meter Freistil, Silber über 200 Meter Freistil und Bronze über 4x100 Meter Lagen - und beeindruckte nicht nur sportlich durch ihre frechen, mutigen Rennen, sondern auch charakterlich durch ihre lockere, unbekümmerte Art. Viele glaubten schon, bei der EM die „neue Franzi“ erlebt zu haben.
Silke Lippok nahm auch das gelassen, machte erst mal zwei Wochen Urlaub mit ihren Eltern und hoffte, dass sich der Trubel bis dahin gelegt haben würde. Hatte er aber nicht. Er fing erst richtig an. Ehrungen, Empfänge, Gratulationen, Feierlichkeiten - „es war schon alles ein bisschen viel“, sagt Schulz. Silke Lippok musste lernen, auch mal Termine abzusagen, inzwischen hält ein Manager ihr den Rücken frei. Höhepunkt der tollen Tage war für sie die Wahl zur „Junior-Sportlerin des Jahres“. Auch, weil dort die echte Franziska van Almsick die Laudatio hielt - und Silke Lippok als „größtes Talent in der deutschen Mannschaft“ pries.
Jetzt erwartet jeder gleich Wunderdinge
Die schönen Worte änderten nichts daran, dass der verzögerte Saisoneinstieg Silke Lippok sportlich erst mal zu schaffen machte - so auch beim Weltcup in Berlin. Doch inzwischen scheint sie wieder in Fahrt gekommen zu sein. Was bei ihrer ersten Kurzbahn-EM drin ist, „kann ich gar nicht richtig einschätzen“, sagt sie. Ihr Trainer Rudi Schulz peilt den Einzug in den Endlauf über ihre Spezialstrecke 200 Meter Freistil sein, „aber man muss erst mal sehen, ob sie den Kurzbahn-Spezialistinnen, die voll durchtrainiert haben, wirklich Paroli bieten kann.“
Der 70 Jahre alte Schulz weiß: Nach den Glanzleistungen in Budapest „erwartet jetzt jeder immer gleich Wunderdinge. Aber wir können auch nicht einfach so die Bestzeiten abrufen, wie wir das gerne hätten.“ Schließlich ist Silke Lippok erst 16 Jahre alt. Und ganz egal, was diese Kurzbahn-EM für sie bringen wird, sie wird ihren Weg gehen - über kurz oder lang.