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Veröffentlicht: 18.06.2017, 10:05 Uhr

Schwimmer Marco Koch Mit Krafttraining zu neuen Zielen

Das neue Konzept von Bundestrainer Lambertz bringt schwerwiegende Folgen für die so präzise eingestellten Schwimmkörper. Das merkt auch Marco Koch, der die neuen Trainingsreize erst verarbeiten muss.

von Sabrina Knoll, Berlin
© dpa Marco Koch trainiert auf Tokio 2020: Denn nur Olympia zählt, nicht die Erfolge zwischendurch.

Donnerstagnachmittag, Siegerehrung 100 Meter Brust. Oben auf dem Treppchen steht Christian vom Lehn, links Fabian Schwingenschlögl. Und Marco Koch, Deutschlands Vorzeigeschwimmer, der Titelverteidiger bei den diesjährigen deutschen Meisterschaften, der Weltmeister über die doppelte Distanz? Er winkte vom Platz für den Dritten den Rängen der Berliner Schwimmhalle zu. Am Morgen danach sagte er zu seinen unbefriedigenden ersten Auftritten bei den nationalen Meisterschaften: „Ich kann die Kraft noch nicht richtig ins Wasser bringen.“

Die Kraft noch nicht richtig ins Wasser bringen. Ein Ausdruck, den vermutlich viele Schwimmer und Trainer in den vergangenen Wochen benutzt haben. Denn das Kraftkonzept, das Chef-Bundestrainer Henning Lambertz als zentralen trainingstechnischen Reformpunkt nach den medaillenlosen Spielen von Rio verbindlich vorgegeben hat, bringt schwerwiegende Folgen für die so präzise eingestellten Schwimmerkörper mit sich.

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Indem an Land statt Kraftausdauer – viele Wiederholungen bei relativ wenig Last – ausschließlich Maximalkraft trainiert wird, soll Muskelmasse aufgebaut und die Athletik der Schwimmer verbessert werden. Denn: „Die Kraftwerte der Nationalmannschaft sind unterm Strich – schlecht. Das kann man nicht anders sagen. Wir müssen da ran.“ Und so hat auch Marco Koch sein Krafttraining umgestellt: Aus Kniebeugen „mit 95 Kilogramm unsauber“ seien technisch korrekte Kniebeugen mit 130 Kilogramm geworden. Beim Bankdrücken habe er sich von 115 auf 130 Kilogramm gesteigert, beim Umsetzen von knapp 80 auf 95. Die Folge: „In der ersten Woche bin ich geschwommen wie ein Eimer. Ich habe mich extrem stark und gleichzeitig extrem fest gefühlt.“ Wie ein Bodybuilder, den man das erste Mal ins Wasser wirft.

Dass diese Neuerungen für einige Schwimmer schwieriger werden könnten als für andere, das hat auch Lambertz früh eingeräumt. Man müsse die Kraft eben auch einsetzen, ja, „ins Wasser bringen“ können, mit den zusätzlichen Kraftkilos neu arbeiten lernen, vielleicht gar die über Jahre ausgetüftelte Technik anpassen. „Der Muskel ist blöd“, beschreibt es Kochs Heimtrainer Alexander Kreisel. „Er weiß nicht genau, was er machen muss, schon gar nicht im Wasser. Man muss schauen, wie man die neuen Fasern wieder speziell aktiviert.“ Darüber hinaus habe sich der Körperschwerpunkt verändert. Ein Balanceakt für jeden Trainer.

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„Gerade wenn die Entwicklung so schnell passiert, muss man wirklich sehr vorsichtig sein und dem Körper Zeit geben, den Transfer zu machen. Das dauert einfach eine ganze Weile“, erklärt der Sportlehrer, der sich in seiner Diplomarbeit mit Haltungs- und Sportschäden bei Schwimmern beschäftigte. „Da kannst du so viel Kraft haben, wie du willst, wenn deine schwimmspezifische Muskulatur noch nicht so weit ist, bekommst du es nicht sauber ins Wasser.“

Auch Koch selbst ist klar, dass neue Reize Zeit brauchen. Verbesserte Ausdauer- und Kraftwerte sprächen aber für einen Erfolg der Maßnahmen. Auch die vielzitierte Gleitfähigkeit, das Geheimnis seines Erfolgs und der größte Sorgenpunkt vor allem für den Trainer, sei laut Kreisel „seit drei Tagen“ wieder sichtbar. „Aber wie es sich tatsächlich auf Marco auswirkt, das wissen wir vermutlich erst im nächsten Sommer.“

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Eine gewisse Ratlosigkeit bleibt daher nach den 100-Meter-Rennen am Donnerstag auch bei Koch zurück. Weil er zwei Bahnen Brust längst nicht so gut einschätzen kann wie seine Paradestrecke. Weil er weit weniger Wettkämpfe in dieser Saison geschwommen ist, ihm daher das regelmäßige Feedback und das Selbstvertrauen aus diesen Rennen gegen die besten der Welt fehlen. Weil vielleicht einfach noch ein paar Tage Erholung nötig wären. Dann wiederum gibt der 27 Jahre alte Darmstädter fatalistisch zu Protokoll: „Wir haben ja noch drei Jahre.“

Drei Jahre. Keine zwei Tage bis zu den 200-Meter-Rennen an diesem Sonntag, keine fünf Wochen bis zu den Weltmeisterschaften in Budapest. In drei Jahren lädt Tokio zu den Olympischen Spielen. Dort will Koch die Bilder vom Sommer 2016 auslöschen, als er in Rio de Janeiro als designierter Medaillengewinner ins Becken sprang und vier Bahnen später als desillusionierter Achter wieder auftauchte.

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Mit Blick auf das Fernziel Tokio würde Koch, sollte er über die 200 Meter die WM-Qualifikationsnorm deutlich verpassen (Koch: „wovon ich nicht ausgehe“), selbst eine vom Bundestrainer in Aussicht gestellte WM-Ausnahmeregelung für den verdienten Schwimmer nicht annehmen wollen. „Dann steige ich lieber gleich wieder ins Training ein“, sagte Koch dazu schlicht. Sein Trainer sieht es ähnlich. Wenn auch ungern. „Das ist das, was ich aus den letzten vier Jahren gelernt habe: dass nur Olympia zählt, nicht die Erfolge zwischendurch. Bisher haben wir uns ja immer jedes Jahr optimal auf den Saisonhöhepunkt vorbereitet. Jetzt denken wir halt immer nur an Tokio.“

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