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Schwimmer Marco Koch „Austesten, was noch in mir schlummert“

28.11.2008 ·  Mit 18 Jahren gilt Brustschwimmer Marco Koch als Nummer eins der neuen Generation. Am Wochenende will er den deutschen Meistertitel über 200 Meter verteidigen. Seine Gedanken aber gehen über die Titelkämpfe weit hinaus.

Von Bernd Steinle, Darmstadt
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Es war reine Neugier, sagt Marco Koch. Kein Frust, kein Ärger, kein Versuch der Rehabilitierung. Aus freien Stücken stieg der 18 Jahre alte Schwimmer vom DSW Darmstadt vor zwei Wochen beim Weltcup-Finale in Berlin am Samstagabend noch einmal auf den Startblock - alleine, ohne Gegner, vor sich das leere 25-Meter-Becken, neben sich die verlassenen Zuschauerränge.

Am Vormittag war er über die 200 Meter Brust im Vorlauf gescheitert, als Neunter in 2:12,93 Minuten - nachdem er kurz zuvor in Stockholm noch deutschen Rekord geschwommen war, in 2:09,58 Minuten. Deshalb wollte er es nun noch einmal wissen. Nach handgestoppten 2:07,1 Minuten schlug er an. „Fast sechs Sekunden schneller als morgens“, sagt Marco Koch im Rückblick. Er sagt es nicht mit Genugtuung in der Stimme. Sondern so, als finde er das selbst immer noch ziemlich kurios.

Zusammenspiel von Schule und Training

Tags darauf schwamm Koch über 100 Meter Brust noch einen deutschen Kurzbahn-Rekord, in 58,96 Sekunden blieb er als erster Athlet des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) unter 59 Sekunden. Doch nicht nur deshalb war der Fauxpas über 200 Meter schnell vergessen. Koch hat schwere Wochen hinter sich: Am Donnerstag vor dem Weltcup-Finale erst kam er vom Wettkampf in Stockholm zurück, am Freitag war Schule, abends ging es mit dem Zug nach Berlin, und am Samstag hieß es um sechs Uhr morgens: aufstehen zum Vorlauf. „Da passiert so was halt“, sagt Koch.

Zum ersten Mal hat der Junioren-Europameister in dieser Kurzbahnsaison vier von sieben Weltcups bestritten, in Durban, Singapur, Stockholm und Berlin, was ihn im Zusammenspiel mit Schule und Training an die Grenzen der Belastbarkeit geführt hat - aber auch sportlich enorm weitergebracht hat. Als in Stockholm der Südafrikaner Cameron van der Burgh auf der Bahn neben ihm Weltrekord schwamm, erlebte Koch aus nächster Nähe, wie viel Zeit der Spitzenmann allein bei der Wende gutmachte. „So was sieht man eben nur bei internationalen Wettkämpfen, da kristallisieren sich Fehler raus, die sonst vielleicht gar nicht aufgefallen wären“, sagt Koch. „Darum war der Weltcup so wichtig für mich.“

Gelegenheit für den Nachwuchs, in die Lücke zu stoßen

Genau mit diesem Ziel, internationale Erfahrung zu sammeln, hatte der Verband seinen Perspektivkader für Olympia 2012 auf die Reise zu den Weltcups geschickt. Bundestrainer Dirk Lange spricht von einem „Generationswechsel“ im DSV, und tatsächlich laufen die Karrieren der Spitzenschwimmerinnen Antje Buschschulte und Anne Poleska allmählich aus, Annika Lurz liebäugelt mit dem Langstreckenschwimmen, Nicole Hetzer und Lars Conrad, beide ehemals Kurzbahn-Europameister, haben aufgehört.

Gelegenheit für den Nachwuchs, in die Lücke zu stoßen - so wie das in Berlin die 16 Jahre alte Theresa Michalak tat, bei ihrem Sieg über 200 Meter Lagen, oder die 14 Jahre alte Silke Lippok, die über 200 Meter Freistil in 1:57,53 Minuten den Altersklassenrekord von Franziska van Almsick einstellte. Besonders große Stücke aber hält man beim DSV auf Marco Koch - auch, weil die deutschen Brustschwimmer die Weltspitze zuletzt nur aus weiter Ferne verfolgten. Bei den Männern unterbot keiner die Olympia-Norm für Peking. Koch schaffte sie, leider aber zu spät - zwei Wochen nach dem festgesetzten Stichtag.

Technik sehr gut, Gleitvermögen gut, Kraft ausreichend

Technik, Gleitvermögen und Kraft, das sind die wesentlichen Komponenten beim Brustschwimmen, und bei Marco Koch fällt das Zwischenzeugnis gegenwärtig so aus: Technik sehr gut, Gleitvermögen gut, Kraft ausreichend. Daher kommen ihm die 200 Meter bisher am ehesten entgegen, jene Strecke, auf der das Gleiten, anders als im 50-Meter-Sprint, besonders wichtig ist.

Spielraum, heißt das, gibt es also noch genug, das weiß auch Koch. „Ich würde fast sagen, Brust ist die anspruchsvollste Lage überhaupt“, sagt er, weil sie so viel Individualität zulasse, so viele Stilvarianten wie kaum eine andere. Vor allem in den Krafteinheiten und im Trainingsumfang sieht sein Trainer Alexander Kreisel noch viel Potential. Wer die Statur eines Cameron van der Burgh mit der Marco Kochs vergleicht, weiß warum.

Abitur, Freiwilliges Soziales Jahr und austesten

Am Wochenende will Marco Koch nun in Essen seinen deutschen Meistertitel über 200 Meter verteidigen und sich für die Kurzbahn-EM Mitte Dezember in Rijeka (Kroatien) qualifizieren. Über 100 Meter Brust erwischte er am Freitag im Vorlauf einen perfekten Auftakt: Der Darmstädter verbesserte seine eigene Bestmarke, die er vor knapp zwei Wochen in Berlin aufgestellt hatte, um 46 Hundertstel (58,50 Sekunden). Seine Gedanken aber gehen über die Titelkämpfe schon weit hinaus - in die Zeit nach dem Abitur. Dann will Koch ein Freiwilliges Soziales Jahr bei seinem Verein machen. Und sich noch stärker auf den Schwimmsport konzentrieren.

Ganz ähnlich funktionierte das schon bei Weltrekordmann Paul Biedermann, bei dem der große Schub just dann einsetzte, als er nach dem Abitur den Kopf frei fürs Schwimmen hatte. Marco Koch freut sich jetzt schon auf diese Zeit. „Dann kann ich austesten, was noch in mir schlummert.“

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