29.06.2009 · Bei Helge Meeuw hat sich seit den verpatzten Peking-Spielen viel verändert. „Ich bin jetzt Student“, sagt er, „vor Olympia war ich Schwimmer.“ Der neue Schwerpunkt hat ihm Druck genommen, plötzlich schwimmt er wieder Rekorde.
Von Bernd Steinle, BerlinEs ist jetzt ein gutes Jahr her, da erregten bei den deutschen Meisterschaften der Schwimmer in Berlin, damals zugleich Olympia-Qualifikation, innerhalb von zehn Minuten zwei Athleten Aufsehen: Erst erzielte Paul Biedermann deutschen Rekord über 200 Meter Freistil, dann legte Helge Meeuw einen Europarekord über 100 Meter Rücken nach. In den vergangenen Tagen nun waren wieder deutsche Meisterschaften, wieder in Berlin. Doch die Wege der beiden Hauptdarsteller von damals sind seither ziemlich auseinandergegangen. Während Biedermann mit Platz fünf bei Olympia, mit Kurzbahn-Weltrekord und Langbahn-Europarekord zur Leitfigur aufstieg, erlebte Meeuw in Peking ein Debakel: Aus im Vorlauf über 100 Meter Rücken, seiner Spezialstrecke.
Daran hatte Meeuw lange zu knabbern: „Ich habe mich gefragt: Muss ich mir das wirklich noch mal antun?“ Zwei, drei Monate machte er gar nichts, schien er sich schon mit dem Gedanken anzufreunden: Das war's. Dann fing er an, sporadisch wieder zu trainieren, abends, nach Lust und Laune. Im Dezember, bei der Kurzbahn-EM, wurde Meeuw Dritter, mit Bestzeit, und es war für ihn „zum Jubeln und zum Heulen“: Er war froh über die Medaille und sauer, weil er dabei fast nur von dem profitiert hatte, was er sich vor Olympia erarbeitet hatte - was offenbar ziemlich viel war. Nur hatte er es in Peking nicht genutzt. Das wurmte ihn so sehr, dass er beschloss, noch einmal loszulegen.
Der zweite Schwerpunkt im Leben hat viel Druck genommen
In Berlin begann sich das nun auszuzahlen. Der 24 Jahre alte Meeuw schwamm erst in 24,64 Sekunden deutschen Rekord über 50 Meter Rücken und holte dann am Sonntag in 53,08 Sekunden über 100 Meter Rücken seinen zweiten deutschen Meistertitel - wieder mit nationalem Rekord. Beflügelt wurde er dabei, da machte er kein Hehl draus, vom neuen Hydrofoil-Anzug seines Ausrüsters Adidas, der vor allem die Gleiteigenschaften und die Wasserlage entscheidend verbessert. Meeuw nutzt diese Möglichkeiten, ist aber kein Freund davon. In Berlin verglich er die Kunststoffhaut mit einem „Plastikmüllbeutel“, er sprach davon, dass die Entwicklung dieser Hightech-Anzüge „den Schwimmsport kaputtmacht“, und dass es ihm „fast schon leid getan hat“, den 50-Meter-Rückenrekord von Thomas Rupprath aus dem Jahr 2003 zu unterbieten, denn: „Ohne diesen Anzug hätte ich den Rekord nicht gebrochen.“
Doch auch innerlich hat sich viel verändert für Meeuw. „Ich bin jetzt Student“, sagt er, „vor Olympia war ich hauptsächlich Schwimmer. Da hatte ich das Medizinstudium zurückgestellt.“ Der zweite Schwerpunkt im Leben habe viel von dem Druck genommen, den er bei der vollen Konzentration auf den Sport verspürt habe. Das Studium führt Meeuw inzwischen in Magdeburg fort, wo auch seine Partnerin Antje Buschschulte lebt. Seit sie ihre Karriere beendet hat, fallen gemeinsame Wettkampf- und Trainingsreisen weg, und um sich zwischen Studium und Leistungssport überhaupt noch zu sehen, entschloss sich Meeuw zum Umzug nach Magdeburg, wo er nun bei Bernd Henneberg trainiert. Auch wenn er zunächst weiter für die SG Frankfurt startet. Geschadet hat ihm der neue Anfang sichtbar nicht.