06.04.2006 · Unter dem neuen Sportdirektor Örjan Madsen erwarten die deutschen Schwimmer unbequeme Zeiten. „Man schwimmt schnell, wenn man viel schwimmt“, sagt der Norweger. Potentiale seien nicht ausgeschöpft worden.
Von Gerd SchneiderWenn es stimmt, was man in Reiseführern und im Internet über die amerikanischen Jungfern-Inseln erfährt, muß St. Croix ein traumhaft schöner Ort sein. Das nicht weit von Puerto Rico gelegene Eiland soll blendend weiße Sandstrände haben, ein türkisfarbenes Meer und tagaus, tagein schönes Wetter. Man muß das wissen, um die Geschichte von Örjan Madsen, dem neuen Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), richtig einschätzen zu können. Die Karibik-Insel ist die zweite Heimat des Norwegers.
Er besitzt ein Haus dort, er hat ein paar Jahre dort gelebt, und noch heute verbringt er jedes Jahr drei, vier Monate auf der Insel. Er war auch im Dezember auf St. Croix, an jenem Tag, der seinem Leben eine unerwartete Wendung gab. Es war der Tag, als Örjan Madsen per Telefon das Angebot vom DSV bekam.
„Hier läßt sich viel erreichen“
Seit fünf Wochen ist der hagere, durchtrainiert wirkende Sechzigjährige der wichtigste Mann des deutschen Schwimmsports. Er sitzt an diesem Tag mit ernster Miene im Konferenzraum des Würzburger Schwimm-Vereins, und der Hinweis auf sein Domizil in der Karibik zaubert ihm ein seliges Lächeln aufs Gesicht. Er wird St. Croix nicht so oft sehen in den nächsten Jahren. Das Angebot aus Deutschland hat, vorerst, seinen Lebensplan durchkreuzt. Deshalb fiel es ihm nicht leicht, den Job anzunehmen. Warum er es tat? "Es ist sehr reizvoll, mein Wissen weiterzugeben und Dinge zu verändern. Schwimmen ist in Deutschland eine große, wichtige Sportart. Hier läßt sich viel erreichen", sagt er. Aber auch viel verlieren.
Madsen weiß genau, auf was er sich eingelassen hat. Er hat in Deutschland, an der Kölner Sporthochschule, studiert und promoviert, bis 1992 hat er - mit Unterbrechungen - in Bonn und Hamburg als Schwimmtrainer gearbeitet. Es hat sich viel geändert seitdem, das deutsche Schwimmen ist auf dem absteigenden Ast. Zwar hat es einzelne herausragende Figuren gegeben wie Hannah Stockbauer oder Franziska van Almsick. Aber die letzte olympische Goldmedaille eines deutschen Schwimmers liegt so lange zurück, daß man sich kaum noch erinnern kann: Es war Dagmar Hase 1992 in Barcelona.
„Wir müssen radikal rangehen“
Aus dieser Vorgeschichte ergibt sich Madsens zentrale Aufgabe von allein: Er muß etwas ändern. Denn es läuft etwas falsch im deutschen Schwimmen. Das haben die Ergebnisse der Spiele in Athen und der WM im vergangenen Jahr in Montreal gezeigt. Nicht von ungefähr findet Madsen den Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann gut. Er habe einiges gemein mit ihm, findet er. Die Adresse im Ausland, und den "frischen Blick von außen". Er sagt: "Ich glaube nicht, daß wir bei den nächsten Spielen in Peking gut abschneiden werden, wenn wir so weitermachen wie bisher. Wir müssen radikal rangehen, sonst haben wir keine Chance."
Für seine Aufgabe hat Madsen ein Zwei-Phasen-Modell entworfen. Die erste Phase endet mit den Europameisterschaften in diesem Sommer in Budapest. Bis dahin will sich der aus Bergen stammende Norweger, der sich nun an der DSV-Zentrale in Kassel ein Apartment eingerichtet hat, ein genaues Bild verschaffen, von den Verhältnissen und Figuren im deutschen Schwimmsport. Und vor allem von den Defiziten. Seit Wochen klappert er alle Stützpunkte und wichtigen Schwimmzentren ab, an diesem Tag ist Würzburg dran. Eine Erkundungstour, die lehrreich sei, wie er vielsagend bemerkt.
Rat von den Biathleten
Er hält das für wichtiger als seine Anwesenheit bei der Kurzbahn-WM, die momentan in Schanghai mit nur vier deutschen Teilnehmern stattfindet. Die zweite Phase, die eigentliche Radikalkur, beginnt nach der EM und dauert bis zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking. "Ab September greife ich ein", sagt Madsen.
Er will, noch eine Analogie zu Klinsmann, bei seiner Reformbewegung kreativ sein, neue Dinge ausprobieren. Zum Beispiel bei der Trainingssteuerung Anleihen aus anderen Sportarten nehmen, etwa der Leichtathletik oder dem Kanusport. Er will in einem Gespräch mit den deutschen Biathlon-Cheftrainern herausfinden, warum deren Athleten so erfolgreich sind. Madsen selbst hat in den vergangenen Jahren als Berater des Nationalen Olympischen Komitees von Norwegen gearbeitet und viele Erfahrungen in anderen Sportarten gesammelt.
„Potentiale, die wir nicht ausgeschöpft haben“
Er will auch der Frage nachgehen, wie in Australien und Amerika, den führenden Schwimmnationen, trainiert wird. Daß die Trainingsbedingungen dort viel besser seien als in Deutschland, hält er für ausgeschlossen. Darin habe ihn auch seine Inspektionsreise quer durch die Republik bestätigt. Daraus zieht Madsen folgenden Schluß: "Wenn wir mit der Weltspitze trotzdem nicht mithalten können, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir machen im Trainingsprozeß etwas falsch. Oder die Athleten haben nicht begriffen, was sie zu tun haben." Der Norweger sagt es nicht explizit, aber man kann es seinen Äußerungen leicht entnehmen: Es gibt Indizien dafür, daß die deutschen Schwimmer im internationalen Vergleich nicht genug trainieren. Und daß nicht alle so leben, wie sie leben müßten. "Man schwimmt schnell, wenn man viel schwimmt", sagt er, "wir müssen wohl mehr und härter trainieren. Es gibt Potentiale, die wir nicht ausgeschöpft haben." Seine Aufgabe sieht er darin, ein Milieu zu schaffen, in dem der Trainingsalltag Spaß macht. Madsens Leitmotiv: "100 Prozent Profi, mindestens 51 Prozent Spaß."
Ein paar Änderungen des Skandinaviers, der in der Szene als Schwimm-Gelehrter gilt, sind schon jetzt erkennbar. So gibt es, anders als unter seinem Vorgänger Ralf Beckmann, kein offizielles Trainerteam mehr, was eher ein formeller Akt ist. Und er will die Trennung von den Langstreckenschwimmern aufheben. "Das läuft künftig nicht mehr nebenher, die Athleten werden bei uns integriert. Mit ihrer Härte können sie unheimlich positiv auf das Team einwirken."
Wenn nicht alles täuscht, wird es unter Madsen unbequemer werden für die Schwimmer. Auch ihm selbst stehen aufregende und aufreibende Jahre bevor. Reformer haben es schwer in Deutschland. Er will Strukturen schaffen, die ihn beim DSV überdauern. Denn nach den Spielen in Peking soll endgültig Schluß sein. "Garantiert", sagt er, "ich will zurück in die Karibik."