14.11.2009 · Der amerikanische Schwimmstar verzichtet beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin auf die bis Ende des Jahres erlaubten High-Tech-Anzüge - auch wenn die WM-Revanche gegen Paul Biedermann so zum ungleichen Duell wird.
Von Michael Reinsch, BerlinBermudas sind auch im Schwimmsport ein Zeichen von Entspannung und Gelassenheit. Obwohl die umstrittenen High-Tech-Anzüge, deren Einsatz eine Flut von Rekorden ausgelöst hat, noch bis zum Ende des Jahres erlaubt sind, verzichtet Michael Phelps, der achtfache Olympiasieger von Peking, darauf und greift zurück auf die Hose mit den halblangen Beinen, die vom nächsten Jahr an wieder die einzige technologische Schwimmhilfe im Wettkampf sein wird. „Ich bereite mich auf die Zukunft vor, auf die nächsten Jahre“, sagte er am Freitag in Berlin, wo er am Wochenende beim Kurzbahn-Weltcup starten wird. „Dies ist die einzige Kleidung, in der man mich in Zukunft noch schwimmen sehen wird.“
Klingt, als hätte Phelps die Olympiavorbereitung mit der Perspektive London 2012 begonnen. In Zukunft werde allein Training und Rasieren die Schwimmer schnell machen, sagte sein Trainer Bob Bowman. Ausgerechnet in Vorbereitung auf diese neue Zeit hat sich sein Schützling einen Vollbart wachsen lassen. Der gereicht ihm nicht nur optisch zum Nachteil. Der dichte Bewuchs seines Gesichts mag zwar auch ein Zeichen von Gelassenheit sein, im Wasser wirkt er allerdings als veritable Bremse. Beim Weltcup in Stockholm kam Phelps in seinem besten Rennen auf Platz zwei; über 100 Meter Freistil verpasste er das Finale.
Der 24 Jahre alte Amerikaner nimmt's gelassen. Nicht um Weltcup-Punkte, nicht um das Auto, das in Berlin als Prämie ausgesetzt ist, schwimmt er, sondern er bereitet sich auf den Höhepunkt zum Abschluss seiner Karriere vor. „2008 war das Jahr, in dem ich alle meine Ziele erreicht habe“, sagte er in Berlin, wo er in Jogginghose und Anorak auftrat. „Wenn man das geschafft hat, muss man einfach relaxed sein. Man setzt sich hin und richtet sich neu aus im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2012.“ Zwar behauptete Phelps, er werde sich bei seinen ersten Starts in Berlin so sehr anstrengen, wie er könne. Doch zugleich verriet er, dass er die Kurzbahn lediglich als Training nimmt. „Ich bin nicht in der besten Form“, sagte er. „Wettkämpfe sind die beste Gelegenheit festzustellen, wo ich stehe und woran ich noch arbeiten muss.“
Die Ganzkörperanzüge vom 1. Januar 2010 an verboten
Paul Biedermann dagegen, der Doppelweltmeister, kennt keine Gnade. Wie er Phelps in Rom über 200 Meter Freistil niederrang, so will er ihn auch in Berlin hinter sich lassen. „Wer hatte denn den Vorteil bei Olympia?“, rief er am Freitagnachmittag, als er darauf angesprochen wurde, ob er nicht aus Gründen der Chancengleichheit auch nur in Hosen starten wolle. In Peking hatten die Amerikaner die Schwimmwelt mit ihren Anzügen überrascht. „Da kann ich mich jetzt nicht hinstellen und sagen: Ich bin so fair und schwimme auch in Jammers“, fuhr Biedermann fort. Jammers sind die halblangen Hosen. „Den Vorteil, den ich bei Olympia nicht hatte, will ich jetzt bis zum Ende genießen. Wenn Michael gern in Jammers schwimmen will, soll er das tun. Ich will den Vorteil meines Anzugs nutzen, solange er erlaubt ist.“ Der Schwimm-Weltverband Fina hat wegen der Flut von Bestmarken - allein in diesem Jahr sind hundert Weltrekorde aufgestellt worden - die Ganzkörperanzüge vom 1. Januar 2010 an verboten.
Biedermann erklärte sich trotz einer Muskelzerrung im Oberschenkel, die er sich vor zwei Wochen zugezogen hatte, für einsatzbereit. Der Arzt und ehemalige Schwimmer Mark Warnecke habe ihn untersucht und ihm die Angst genommen, sagte er. „Einige hatten ja schon das Ende meiner Karriere vorhergesagt.“ Seit Dienstag trainiere er wieder mit Startsprung und Wende, mit den Trainingszeiten sei er sehr zufrieden.
„Wenn Paul fit ist, ist er immer schnell“
Phelps reagierte auf die Kampfansage von Biedermann mit ostentativem Gleichmut. „Ich bin vier Mal gegen Paul geschwommen. Wir haben noch ein paar Rennen vor uns“, sagte er, ohne den Deutschen anzublicken und meinte dann, dass doch eigentlich nur die Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele zählten: „Was hier passiert, passiert halt. Die großen Rennen werden 2011 in Schanghai und 2012 in London sein.“ Im übrigen arbeiteten die Techniker seine Ausrüsters Speedo bereits an einer neuen Hose, die dem Reglement entspreche und bestimmt schnell sei; er freue sich schon darauf.
Ob denn, wie im vergangenen Jahr beim Weltcup, mit einem Weltrekord von Biedermann zu rechnen sei, wurde Bundestrainer Dirk Lange gefragt. „Wenn Paul fit ist, ist er immer schnell“, antwortete er. Von dem Mann allerdings, der im Schwimmen das Maß aller Dinge ist, sind derzeit keine Bestzeiten zu erwarten.