24.05.2005 · Ein bißchen Spaß muß immer noch sein - doch Mark Warnecke ist bei den deutschen Schwimm-Meisterschaften in Berlin so schnell wie in seinen besten Tagen. Auch dank eines geheimnisvollen Diätpulvers.
Von Gerd Schneider, BerlinMan kann Mark Warnecke vieles nachsagen - aber nicht, daß er nicht wandlungsfähig wäre. Mal gibt er den verrückten Brustschwimmer, mal den vertrauenswürdigen Arzt, er ist Rennfahrer und Geschäftsmann, er gilt als Chaot und Hypochonder, kurzum: ein Unikat, schwer zu durchschauen und unberechenbar. Die einzige Konstante in den vergangenen Jahren war sein hohes Gewicht. Mit mehr als 110 Kilogramm pflügte er durchs Wasser, ein unförmiger Exot, der bei Wettkämpfen von den gertenschlanken Teenagern wie ein Außerirdischer bestaunt wurde.
Doch jetzt ist alles anders. Als Mark Warnecke bei den deutschen Meisterschaften in Berlin auftauchte, glaubten viele an eine Sinnestäuschung. Vor sich sahen sie einen Modellathleten, mit schmalem Gesicht und definierten Muskelbergen. Das war die erste Überraschung. Die zweite: Der Fünfunddreißigjährige ist auch wieder schnell, beinahe so schnell wie in seinen besten Tagen.
Trainer reagieren mit Staunen
Über 100 Meter Brust - eine Distanz, bei der ihm in den vergangenen Jahren stets die Luft ausgegangen war - schwamm er allen anderen davon. Seine Zeit (1:01,71 Minuten) lag anderthalb Sekunden unter der des Jahres 2004. Damals war er bei dem Versuch, sich zum fünften Mal für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, regelrecht untergegangen. "Der ältere Herr hat es heute den Jungen gezeigt", sagte Ralf Beckmann, der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), staunend.
Zum Tag des Herrn gehört natürlich auch eine schöne Geschichte. Die geht so: Es muß um Weihnachten gewesen sein, als Mark Warnecke wieder einmal in den Spiegel schaute. Er erschrak. Er wog 114 Kilogramm. Bei diesem Anblick, sagt sein Essener Trainer Horst Melzer, "muß es klick gemacht haben". Also entschloß sich Warnecke zu einer Radikalkur; er hatte genug von dem Klops, den er vor sich sah. Mit Fasten und einem geheimnisvollen Diätpulver, das er selbst zusammengestellt haben will, nahm er Pfund um Pfund ab.
Radikalkur
Am Ende hatte er 14 Kilogramm verloren. Zugleich spürte er, daß er im Training immer schneller wurde - wundersamerweise, muß man sagen, denn Warnecke hatte doch immer behauptet, daß ihn Übergewicht nicht bremse. Und dieses Mal machte er auch nicht den Fehler wie im vergangenen Jahr, sich im Training zuviel zuzumuten. Dennoch verblüffte ihn das Ergebnis bei den Meisterschaften. "Ich wollte mich doch nur für die 50 Meter einschwimmen", sagte er. Obschon das Rennen in seiner Paradedisziplin erst an diesem Mittwoch ausgetragen wird, hatte er die Qualifikation für die Weltmeisterschaften im Juli in Montreal schon am Montag abend in der Tasche: Nach seiner Leistung über 100 Meter nominierte ihn Beckmann schon mal für die Lagenstaffel.
Nicht allen der etablierten Schwimmer ergeht es bei diesen Meisterschaften so gut wie dem Hünen aus Witten. Der 27 Jahre alte Thomas Rupprath, dem in den vergangenen Jahren die Erfolge nur so zugefallen waren, gewann weder über 100 Meter Rücken noch über 100 Meter Schmetterling. Daß ihn die Jungen wie der Wiesbadener Helge Meeuw oder Marco di Carli aus Sögel überholten, schlug ihm sichtlich auf die Stimmung.
Private Turbulenzen bei der Konkurrenz
Auch die einstige Galionsfigur Sandra Völker, 31 Jahre alt, schwimmt weiter erfolglos, ein Schatten ihrer selbst. "Sie kann einem ja schon leid tun", sagt ihr früherer Trainer Dirk Lange, jetzt Chefcoach des südafrikanischen Schwimmverbandes. Der 27 Jahre alte Europameister Stev Theloke ist nach heftigen privaten Turbulenzen wieder auf Kurs, hatte im spektakulären Rennen über 100 Meter Rücken allerdings das Pech, daß etliche Konkurrenten noch schneller waren als er. Die Niederlage wird er leichter verdauen als das, was ihm vor ein paar Wochen widerfahren ist. Bei einem nächtlichen Brand in dem Haus in Berlin-Pankow, in dem er wohnte, entkamen er, seine Lebensgefährtin und deren beide Kinder nur knapp dem Tod. Sie wurden von der Feuerwehr gerettet.
Von solchen Fährnissen blieb Mark Warnecke bislang verschont. Doch auch er mußte in seiner langen Karriere schon einiges überstehen: ein Armdrücken mit dem Gewichtheber-Koloß Manfred Nerlinger bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona etwa ("Das ist, als ob man mit der Hand eine U-Bahn aufhalten wollte"), Pfeiffersches Drüsenfieber oder ein paar Unfälle beim Porsche-Carrera-Cup.
In ein paar Wochen wird sich Warnecke in Oschersleben wieder in den Rennwagen zwängen, auch wenn er dann mitten in der Vorbereitung auf die WM in Montreal steckt - ein bißchen Spaß muß sein. Seine Ausbildung zum Facharzt an einem Krankenhaus in Bochum ruht derweil. Bis zur WM will er noch ein paar Kilogramm loswerden. Bewahrt er seine gute Form, dürfte er über 50 Meter Brust zu den Kandidaten für eine Medaille gehören. Allerdings gibt es in der Szene manche, die schwören könnten, daß dem Wittener auch nach der Entdeckung der Leichtigkeit irgend etwas dazwischenkommt, wie so oft in den letzten Jahren.