26.07.2009 · Die deutschen Schwimmer tragen eifrig zur absurden Weltrekordflut bei der „Schwimmanzug-WM“ in Rom bei. Kurioserweise reichen zwei Weltbestzeiten von Paul Biedermann und Britta Steffen nur für einen Titel, weil die Olympiasiegerin ihren Rekord in der Staffel schwimmt.
Von Bernd Steinle, RomDirk Lange brachte es auf den Punkt. „Wir sind zurück“, sagte der Bundestrainer der deutschen Schwimmer am Sonntagabend im Foro Italico in Rom. Es war der erste Tag der Schwimmwettbewerbe bei den Weltmeisterschaften, und es war ein Tag, den die Athleten des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) so schnell nicht vergessen werden - allen voran Paul Biedermann. Der Freistilspezialist aus Halle/Saale überrumpelte im Finale über 400 Meter Freund und Feind und schlug nach 3:40,07 Minuten als Weltmeister an - nachdem er seine persönliche Bestleistung an diesem Tag um mehr als sechs Sekunden gesteigert hatte. „Das war ein unglaublicher Moment für mich“, sagte der 22 Jahre alte Europameister.
Doch damit war es aus deutscher Sicht noch nicht genug. Im Finale der 4x100-Meter-Freistilstaffel verbesserte wenig später Britta Steffen als Startschwimmerin ihren eigenen Weltrekord auf 52,22 Sekunden. Die prächtige Vorlage nahmen ihre Kolleginnen Daniela Samulski und Petra Dallmann auf, bevor dann Schlussschwimmerin Daniela Schreiber, gerade mal 20 Jahre alt, um ein Haar noch den niederländischen Superstar Marleen Veldhuis bezwungen hätte. Am Ende fehlten in deutscher Rekordzeit von 3:31,83 Sekunden gerade mal elf Hundertstelsekunden auf den neuen Weltrekord der Holländerinnen. „Ich habe gar nicht mitbekommen, dass ich so schnell war“, sagte Britta Steffen zu ihrem neuen Weltrekord. „Alles was jetzt noch kommt, ist Zugabe.“ Mit dieser Zeit ist die Berlinerin auch im 100-Meter-Freistilfinale am Freitag klare Favoritin.
Biedermanns unerwarteter Erfolg
Der große Aufreger an diesem Abend war aber der unerwartete WM-Sieg Paul Biedermanns. Nach mehrwöchiger Trainingspause wegen einer Viruserkrankung hatte sich der Europameister für die 400 Meter eigentlich nur die Finalteilnahme vorgenommen. Doch schon im Vorlauf überraschte er mit der schnellsten Zeit, die 3:43,01 Minuten waren zugleich Europarekord. Im Finale legte Biedermann noch einmal zu. Anders als im Vorlauf hielt er sich jedoch zunächst zurück. „Ich wollte eigentlich schneller angehen“, sagte er, „aber das hat nicht geklappt“. Als der Tunesier Oussama Mellouli die Führung übernahm, hängte sich Biedermann an den 1500-Meter-Olympiasieger von Peking an - und zog auf der letzten Bahn davon. „Das waren meine 50 Meter“, sagte er hinterher. Doch es seien auch seine Gegner gewesen, „die mich zu dieser Zeit getrieben haben“.
Biedermann verschwieg nicht, dass ihn auch noch etwas anderes dazu getrieben hatte: der neue X-Glide-Anzug seines Ausrüsters Arena, den er erstmals in einem Wettkampf trug. „Ich muss ehrlich sagen, der Anzug hat wohl um die zwei Sekunden ausgemacht“, gab Biedermann zu. Eine zwiespältige Sache, die er deshalb am liebsten so bald wie möglich aus der Welt sähe. „Ich hoffe, dass wir im nächsten Jahr wieder zu den einfachen Anzügen zurückkehren.“ Dennoch sei er dieses Mal froh gewesen über die freie Anzugwahl, die die DSV-Schwimmer nach der Kündigung des Ausrüstervertrags durch Adidas für die WM erhielten. „Dadurch gehen wir hier so selbstbewusst in die Rennen wie noch nie.“
Erwartete Weltrekordflut
Das lässt auch für das Finale über 200 Meter Freistil am Dienstag einiges erwarten, die eigentlich der Glanzpunkt für Biedermann bei der WM werden sollten.Dass das deutsche Schwimmteam insgesamt wie beflügelt wirkt, zeigten die Leistungen der anderen DSV-Athleten im Freiluftbecken des Foro Italico. So verpasste Annika Mehlhorn zwar das Finale über 100 Meter Schmetterling, stellte aber in 57,90 Sekunden einen deutschen Rekord auf. Gleiches gelang bei den Männern Hendrik Feldwehr im Halbfinale über 100 Meter Brust. Er schaffte in 59,15 Sekunden mit der drittschnellsten Zeit sicher den Sprung ins Finale.
Und auch die Schwimmer der anderen Nationen zeigten sich am Sonntagabend in Rekordlaune. Die Schwedin Sarah Sjostrom erzielte über 100 Meter Schmetterling in 56,44 einen Weltrekord, genau wie die Amerikanerin Ariana Kukors in 2:07,03 Minuten über 200 Meter Lagen. Und Federica Pellegrini krönte den Abend aus italienischer Sicht: Sie wurde Weltmeisterin über 400 Meter Freistil, in Weltrekordzeit von 3:59,15 Minuten, als erste Frau unter vier Minuten. Sechs Weltrekord an einem Abend - das ist die schöne neue Schwimmwelt.