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Schwimm-WM "Sie ist unsere Heldin"

27.07.2003 ·  Hannah Stockbauer ist keine von diesen schillernden Figuren, und es liegt wohl daran, daß sich die internationalen Medien kaum für sie interessieren. Doch in den Bilanzen der Weltmeisterschaften steht ihr Name ganz oben.

Von Gerd Schneider
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Die Pressekonferenz verlief so, wie Hannah Stockbauer öffentliche Auftritte am liebsten hat: kurz und bündig. Ein Journalist fragte auf englisch, wie sie sich denn nun so fühle als dreimalige Weltmeisterin von Barcelona. "Was hadd er gsachd?", kam es von der Bühne auf fränkisch zurück, und als man ihr die Frage übersetzt hatte, antwortete sie: "Gut". Noch Fragen? Nein.

Hannah Stockbauer ist keine von diesen schillernden Figuren wie Alexander Popow oder die Holländerin Inge de Bruijn, und es liegt wohl daran, daß sich die internationalen Medien kaum für die Deutsche interessieren. Auch am Sonntag handelten die spanischen Zeitungen ihren Sieg vom Samstag über 800 Meter Freistil im Kleingedruckten ab.

Ein Augenblick für die Geschichte

Doch die Zeitungen in Spanien lieben Statistiken, und wenn an diesem Montag die Abschlußbilanzen der zehnten Schwimm-Weltmeisterschaften veröffentlicht werden, wird ihr Name ganz oben stehen, auf einer Höhe mit Popow, Ian Thorpe oder Michael Phelps, dem amerikanischen Shooting Star. Mit drei Einzelsiegen ist sie die erfolgreichste Frau dieser WM. Ihre beiden Titel dazugezählt, die sie bei Weltmeisterschaften von Fukuoka vor zwei Jahren errungen hatte, steht sie auch im deutschen Schwimmsport einsam an der Spitze: Fünf Einzelsiege bei Weltmeisterschaften, das haben auch die ganz großen deutschen Schwimmer nicht geschafft. Der Offenbacher Michael Groß und die frühere DDR-Vorschwimmerin Cornelia Ender brachten es auf vier Einzeltitel.

Es war also ein Augenblick für die Geschichte, als Hannah Stockbauer am Samstag abend um sieben Uhr im Becken des Palau Sant Jordi auftauchte. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen, für eine Geste des Triumphs war sie zu erschöpft. Wenn man genau hinschaute, konnte man die dunklen Ringe unter ihren Augen sehen, die Dauerbelastung der vergangenen Wochen hatte auf ihrem Gesicht Spuren hinterlassen. Bei ihrem Auftritt am Samstag mußte sie ihre letzten Kraftreserven ausschöpfen, ehe das fränkische Märchen vollendet war. Bei ihren ersten beiden Siegen über 400 und 1500 Meter Freistil war sie die beherrschende Schwimmerin gewesen, da spürte man, daß sie stärker war als ihre Gegnerinnen.

Auf der letzten Bahn über die Schmerzgrenze

Im Rennen über 800 Meter war das anders. Die Amerikanerin Diana Munz lieferte ihr bis zuletzt einen spektakulären Zweikampf. Sie lagen nach 200 Metern und nach 500 Metern gleichauf, und als das Rennen nach 600 Metern in die entscheidende Phase ging, machte Hannah Stockbauer eine kleine Krise durch, "da habe ich mir ernsthafte Sorgen gemacht", sagte ihr Trainer Roland Böller später. Die Amerikanerin schwamm mit einer halben Länge vorweg, und selbst bei der letzten Wende betrug ihr Vorsprung noch eine gute halbe Sekunde. Sie sei darüber "erschrocken", wie sie später schilderte, sie habe sich Mut und gesagt: "Oh Hannah, laß das nicht auf dir sitzen." Sie ließ es nicht. Mit einem unwiderstehlichen Sprint auf der letzten Bahn machte sie ihr meisterliches Werk perfekt, und als sie nach 8:23,66 Minuten anschlug, hatte sie eine gute halbe Sekunde Vorsprung vor Diana Munz (8:24,19).

Wer eine Erklärung suchte für ihre triumphale Vorstellungen bei dieser WM, der mußte nur diese letzte Bahn in ihrem letzten Rennen "lesen". Gerade die Spezialisten für die langen Strecken müssen robuste Naturen sein, hart im Nehmen. Und sie müssen in der Lage sein, auch und gerade dann über sich hinauszuwachsen, wenn die Schmerzgrenzen längst überschritten sind. 3000 Kilometer hat Hannah Stockbauer seit dem letzten Herbst im Erlangener Röthelheimbad schwimmend hinter sich gebracht, sie hat so hart trainiert wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Davon hat sie profitiert, auf dieser einen, letzten Bahn von Barcelona. Die Analyse ihres Rennen ergab später, daß zwischen der letzten Wende und dem Anschlag 28,50 Sekunden lagen - ein extremer Kraftakt. Zu so einem Sprint sei sie normalerweise nur in der Lage, wenn sie ausgeruht sei, sagte ihr Trainer Roland Böller: "Ich weiß nicht, ob es auf einem 800-Meter-Rennen jemals so eine schnelle letzte Bahn gab."

Vor dem Olymp von Athen liegen 3000 Kilometer

"Sie hat hier Unvorstellbares geleistet", sagte Ralf Beckmann, der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes, "sie ist im Vergleich zur WM vor zwei Jahren gereift, sonst hätte sie diesem immensen Druck nicht standgehalten." Franziska van Almsick, der glamouröse Star des deutschen Schwimmens, war zu Hause geblieben, sie will sich ihre Kräfte aufheben für die letzte große Herausforderung ihrer Karriere, die Olympischen Spiele von Athen im nächsten Jahr. Deshalb hatte Hannah Stockbauer die Last der öffentlichen Erwartungen zu schultern, und sie wuchs an dieser Aufgabe: "Sie ist unsere Heldin", sagte Sportdirektor Beckmann, "und sie wird es auch auf dem Weg nach Athen sein".

Vor dem Olymp von Athen liegen noch einmal 3000 Kilometer. Es wird viel über sie hereinbrechen in den nächsten Wochen. Aber anders als nach der WM vor zwei Jahren will sie sich nicht von Fernsehauftritten und anderen öffentlichen Terminen von ihrem Weg abbringen lassen. "Wenn ich mich ausgerechnet jetzt hängen lasse, dann hätte ich hier nichts verloren", sagte sie. Womöglich wird das Schwimmbad, in dem sie sich für Athen stählt, künftig ihren Namen tragen; angeblich überlegen sie in Erlangen, das Bad nach ihr, der größten fränkischen Sportlerin der Gegenwart, zu benennen. "Was?!", entfuhr es ihr am Samstag abend, als sie davon hörte, "ich bin doch noch gar nicht tot". Typisch Hannah eben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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