21.03.2007 · Die Feuerquallen kannte Thomas Lurz schon. Auch die Schläge und Tritte seiner Gegner hat er während seines Triumphs über fünf Kilometer zur Genüge eingesteckt. Über zehn Kilometer verärgerten nun die Wettkampfrichter den Gewinner der Silbermedaille.
Im Wasser fühlte sich Thomas Lurz noch als Sieger. Nach 30 Minuten an Land war er nur Zweiter. Laut Anzeigetafel hatte der Würzburger den WM-Krimi über zehn Kilometer nach 1:55:32,5 Stunden zeitgleich mit dem Russen Wladimir Diatschin beendet. Zwei glückliche Sieger am Strand von St. Kilda. Doch nach verwirrenden Diskussionen um das Regelwerk wurde Diatschin am Mittwoch in Melbourne mit sechs Hundertstelsekunden Vorsprung zum alleinigen Weltmeister erklärt. Zum ersten Mal wurden bei einer WM der Langstreckenschwimmer Hundertstel herangezogen. Mit der handschriftlich korrigierten Siegerliste bekam es Lurz schriftlich. „Das ist ein Witz“, entfuhr es ihm. „Das hat das Niveau einer Amateurveranstaltung.“
Drei Tage nach seinem Triumph über fünf Kilometer musste sich der vermeintlich Unbesiegbare geschlagen geben. „Auf diesen Zweiten dürfen wir stolz sein“, sagte Christa Thiel, Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes. „Beim Endspurt habe ich gedacht, ich bin vorne“, sagte Lurz. Aber der 27 Jahre alte Student, mit fünf WM-Titeln erfolgreichster Langstreckenschwimmer der Welt, wollte sich nicht lange ärgern. Seine Gratulation galt Diatschin.
„Beide hätten den Sieg verdient gehabt“
„Bei Olympia muss das professioneller, klarer und besser werden“, sagte Lurz und dachte schon an die Revanche in Peking 2008: „Nächstes Mal habe ich vielleicht mehr Glück.“ Sein Vater Peter Lurz, Langstrecken-Teamchef im DSV, bemerkte nur: „Schade, dass es einen Zweiten gibt, eigentlich hätten beide den Sieg verdient gehabt.“ Bronze gewann der Russe Jewgeni Drattsew. Der Würzburger Christian Hein wurde Fünfter, nachdem er zunächst als Siebter geführt worden war. Lurz kostete der entgangene Titel etwa 8000 Euro. Statt 17.500 Euro Prämie gab es lediglich 9500 Euro.
Der Würzburger hatte 100 Meter vor dem Ziel zum Überholvorgang angesetzt. Nach dem Anschlag wusste keiner, wer denn nun gewonnen hatte. An das lange, harte Rennen erinnerte sich Lurz nicht gern. Den Favoriten hatten alle Konkurrenten im Visier. „Jeder klopft dir auf die Füße, schwimmt dir auf die Schultern“, sagte Lurz. Um wenigstens streckenweise „in Ruhe schwimmen zu können“, machte er Kräfte zehrende Ausweichmanöver. Dazu gesellten sich dann noch die unzähligen Feuerquallen. „Spaß macht das auch nicht. Das sind Riesenviecher“, meinte Lurz. Seine Arme konnten die Größe der Meerestiere kaum erfassen.
Der Mainzer Hein war fix und fertig, als er aus dem Wasser kletterte. „Ich habe überlegt, mal eine Nahkampfausbildung zu machen“, stellte er mit Blick auf die Prügelszenen im Wasser fest. „Es war teilweise wirklich unfair. Die letzten Meter waren die Hölle, ich bin froh, dass ich das Ziel gesehen habe.“