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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Schwimm-WM Doktor Warnecke verlangt Praxisgebühr

28.07.2005 ·  Mark Warnecke ist bei den Weltmeisterschaften in Montréal über 50 Meter Brust in 27,63 Sekunden zu Gold geschwommen. Mit 35 Jahren ist er der älteste Titelträger in der WM-Geschichte.

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Im Interviewraum neben dem WM-Becken entstand plötzlich Unruhe. Die Fernsehleute schalteten ihre Kameras an, selbst kanadische und amerikanische Reporter kamen aufgeregt hereingerannt. Da war einer mit 35 Jahren erstmals Schwimm-Weltmeister (auf der Langbahn) geworden, das roch nach einer guten Story. „Mark who?“, fragte ein Amerikaner, und ein anderer antwortete: „He is from Germany and he is a doctor.“

Dann betrat Dr. Mark Warnecke mit einem breiten Grinsen den Raum, und zum ersten Mal in seiner Karriere mußte er nach einem Rennen drei Fernsehsendern aus drei Ländern seine Geschichte erzählen: dem deutschen Sender, einem italienischen Kanal und dann der englischsprachigen BBC. „Ich muß das alles erst einmal verarbeiten“, sagte er später, „irgendwann werde ich bestimmt stolz sein auf das, was heute passiert ist.“ Dabei war es ja nicht so, daß Mark Warnecke sonderlich überrascht oder gar schockiert gewesen wäre über seinen Erfolg.

Oft an sich selbst gescheitert

Der Krankenhaus-Arzt aus Witten hatte den Titel nicht erwartet, aber er war darauf gefaßt. Er war mit der Weltjahresbestzeit (27,44 Sekunden) nach Montreal gekommen. Die Zeit hatte er bei den deutschen Meisterschaften im Mai in Berlin erzielt, und schon damals sagte er, daß er noch nie so gut in Form gewesen sei wie jetzt. Und doch hatte es Zweifel gegeben.

Kein anderer deutscher Schwimmer war so oft an sich selbst gescheitert wie Mark Warnecke. Mal hatte er sich während des Rennens verschluckt, mal litt er unter Pfeifferschem Drüsenfieber, mal verrutschte ihm die Schwimmbrille, und bei der WM vor zwei Jahren in Barcelona machte er sogar die Zeitmeßanlage für sein Scheitern verantwortlich - irgend etwas kam immer dazwischen. Vielleicht war das der Grund für die emotionale Implosion, nachdem er am Mittwoch abend mit der Zeit von 27,63 Sekunden angeschlagen hatte. Sein Vorsprung vor dem zweitplazierten Amerikaner Mark Gangloff, zwölf Jahre jünger als er, betrug acht Hundertstelsekunden. Ungewohnt verhalten, fast scheu winkte er ins Publikum. Dann verschwand er von der Bühne.

Ein Sieg der Erfahrung

Die innere Einkehr dauerte nur ein paar Sekunden. Als er bei den Medienleuten war, hatte er sich schon wieder gefaßt. Er habe das Paradox gewagt, sagte er und spielte damit auf sein Alter an. Dann schilderte er, wie er, vielleicht zum ersten Mal seit seiner Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 über 100 Meter Brust, während des Rennens die Kontrolle über sich behielt. Brustschwimmen ist eine komplizierte Sache, ein Austarieren von Zugfrequenz und Krafteinsatz, bei dem man leicht die Balance verliert. Noch im Halbfinale hatte er zu hastige Züge gemacht. „Dann greift man am Wasser vorbei“, sagte er, „das ist so, als würde man im Auto zu heftig Gas geben und die Reifen drehen durch“. Im Endlauf aber, bei Schauerwetter und kühlen Temperaturen, widerstand Warnecke der Versuchung, zuviel Gas zu geben. Er hatte sich und seine Gegner im Griff. „Ein Sieg der Erfahrung“, sagte er.

Brustschwimmer gelten als Sonderlinge. Mark Warnecke ist der Prototyp eines Brustschwimmers: einer, der in kein Schema paßt und sich den Gesetzmäßigkeiten des Leistungssports entzieht. Warnecke studierte und schwamm, und nebenbei fuhr er Autorennen. Seine Auffassung von Disziplin war so eigenwillig, daß er eines Tages ohne Verein und ohne Trainer dastand. Er wurde immer älter und immer schwerer, und irgendwann schrieb man ihn ab. Warnecke aber dachte gar nicht daran, mit dem Sport aufzuhören. „Ich mag das Schwimmen, das ist der Grund, warum ich nicht aufhöre“, sagte er am Mittwoch. So behielt Warnecke weiter seinen Platz in der Szene, eine Art Ich-AG des deutschen Schwimmens, die im Gegensatz zu den meisten anderen Athleten bis heute von zwei Firmen unterstützt wird.

Große Muskelberge

Doch im vergangenen Jahr muß irgend etwas passiert sein mit Mark Warnecke. Womöglich war es die Enttäuschung darüber, daß er seine fünfte Olympia-Teilnahme verpaßt hatte, die ihn antrieb. Er unterzog sich, mit Hilfe eines von ihm selbst gemischten Pulvers, einer Abmagerungskur. Innerhalb eines halben Jahres verlor Warnecke ungefähr 15 Kilogramm. Er wiegt jetzt wieder 98 Kilogramm. Selbst Kollegen, die ihn seit langem kennen, erschraken, als sie seine Muskelberge sahen, die sonst unter einer stattlichen Speckschicht verborgen waren.

Auch der drittplazierte Kosuke Kitajima, der japanische Doppel-Olympiasieger, bestaunte bei der obligatorischen Pressekonferenz den Koloß neben ihm wie ein außerirdisches Wesen. Vermutlich steigerte sich seine Ehrfurcht noch. Denn Warnecke, ein Meister der Selbstinszenierung, machte aus der sonst eher spaßfreien Veranstaltung eine kleine Comedyshow. Vor allem die amerikanischen Journalisten, an die nichtssagenden Floskeln ihrer Landsleute (“Ich sagte mir: Geh raus und gib dein Bestes“) gewohnt, waren hin und weg.

Vor ihnen saß der älteste Weltmeister, den es im Schwimmen je gab, und erzählte ihnen, daß er täglich nicht mehr als zwei Stunden trainiere, „eine Art intensives Workout“. Der Reporter einer österreichischen Zeitung fragte den „Herrn Doktor“, ob er ihm sagen könne, wie man 20 Kilogramm abnehme. Warnecke antwortete: „Dann müssen Sie erst ihre Karte durchziehen und zehn Euro (Praxisgebühr) abdrücken.“ Schließlich wollte jemand von ihm wissen, wie lange er noch weiterschwimme. Solange er „fun“ dabei habe, sagte Warnecke - und dabei sah er nicht so aus, als würde ihm der Spaß bald vergehen.

50 m Brust, Männer:

1. Mark Warnecke (Essen) 27,63 Sek.; 2. Mark Gangloff (USA) 27,71; 3. Kosuke Kitajima (Japan) 27,78; 4. Hugues Duboscq (Frankreich) 27,87; 5. Chris Cook (Großbritannien) 28,00; 6. Waleri Dymo
(Ukraine) 28,03; 6. Emil Tahirovic (Slowenien) 28,03; 8. Brenton Rickard (Australien) 28,27; ...13. Jens Kruppa (Riesa) 28,23 (Halbfinale)

200 m Schmetterling, Männer:

1. Pawel Korzeniowski (Polen) 1:55,02 Min.; 2. Takeshi Matsuda (Japan) 1:55,62; 3. Wu Peng (China) 1:56,50; 4. Davis Tarwater (USA) 1:56,74; 5. Nikolai Skwortsow (Rußland) 1:57,04; 5. Ryuichi Shibata (Japan) 1:57,04; 7. Helge Meeuw (Wiesbaden) 1:57,67; 8. Ioannis Drimonakos (Griechenland) 1:57,71; ...21. Benjamin Starke (Cottbus) 2:00,40 (Vorlauf)

800 m Freistil, Männer:

1. Grant Hackett (Australien) 7:38,65 WR; 2. Larsen Jensen (USA) 7:45,63; 3. Juri Prilukow (Russland) 7:46,64; 4. Przemyslaw Stanczyk (Polen) 7:50,83; 5. Oussama Mellouli (Tunesien) 7:51,03; 6. David
Davies (Großbritannien) 7:51,54; 7. Lukasz Drzewinski (Polen) 7:58,62; 8. Sebastien Rouault (Frankreich) 8:03,52; 10. Christian Hein (Rheinhessen) 7:56,38 (Vorlauf)

200 m Freistil, Frauen:

1. Solenne Figues (Frankreich) 1:58,60 Min.; 2. Federica Pellegrini (Italien) 1:58,73; 3. Yang Yu (China) 1:59,08; 3. Josefin Lillhage (Schweden) 1:59,08; 5. Sara Isakovic (Slowenien) 1:59,23; 6. Paulina Barzycka (Polen) 1:59,34; 7. Melanie Marshall (Großbritannien) 1:59,36; 8. Linda Mackenzie (Australien) 2:00,02; ...14. Petra Dallmann (Heidelberg) 2:00,32 (Halbfinale); 19. Meike Freitag
(Frankfurt/Main) 2:01,19 (Vorlauf)

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