26.07.2005 · Roland Schoeman ist einer der herausragenden Akteure der Schwimm-WM in Montreal. Der Südafrikaner hat wie drei bislang unbekannte Teamkollegen einen außergewöhnlichen Aufstieg hinter sich. Doch unter den Konkurrenten herrscht Mißtrauen.
Von Gerd SchneiderDer Südafrikaner Roland Schoeman ist ein außergewöhnlicher Schwimmer mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Das beginnt schon damit, wie er als Teenager überhaupt zum Schwimmen kam. Schoeman galt als der beste Cricket-Spieler seiner Highschool in Port Elizabeth. Dummerweise war das Mädchen, in das er sich verliebt hatte, eine Schwimmerin. Also ließ Schoeman das Cricket Cricket sein und trat dem Schwimmklub seiner Angebeteten bei.
Später starb sein Vater bei einem Autounfall. Wenn man seinem damaligen Trainer glauben darf, gab das seiner Laufbahn die entscheidende Wende. Denn von da an soll er von dem unbedingten Willen erfüllt gewesen sein, ein erfolgreicher Schwimmer zu werden. „Er wollte für seinen Vater siegen“, so zitieren südafrikanische Zeitungen seinen einstigen Coach.
Großer Aufsteiger des Olympia-Jahres
Ob der inzwischen 25 Jahre alte Schoemann bei Erfolgen noch immer an seinen Vater denkt, ist nicht bekannt. Gelegenheiten dazu gäbe es jedenfalls genug. Der Südafrikaner gilt, neben seinem Landsmann Ryk Neethling, als der große Aufsteiger des Olympia-Jahres. In Athen gewann er mit der südafrikanischen 4x100-Meter-Freistilstaffel sensationell die Goldmedaille, dazu wurde in den Einzelrennen über 100 und 50 Meter Freistil Zweiter und Dritter. Ein Jahr später, bei den Weltmeisterschaften in Montreal, macht er da weiter, wo er in Athen aufgehört hat. Schon an den ersten beiden Tagen verbesserte er den Weltrekord über 50 Meter Schmetterling gleich zweimal.
Erst steigerte er im Halbfinale die Marke von 23,30 auf erstaunliche 23,01 Sekunden, tags darauf war er im Finale noch einmal fünf Hundertstelsekunden schneller. Auch der 18 Jahre alten Australierin Jessica Hardy gelang am Montag im Finale über 100 Meter Brust eine Verbesserung des Weltrekords auf 1:06,20 Minuten. Schoeman sagte hinterher, es sei ein „faszinierendes Gefühl“, daß er in dieser Disziplin als erster Mensch unter 23 Sekunden geblieben sei. Ralf Beckmann, der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes, fielen angesichts des imposanten Auftritts nur zwei Worte ein: „Unfaßbar, unglaublich“.
Mißtrauen in Schwimmerkreisen
So unglaublich wie die ganze Laufbahn Schoemans - und die seines 27 Jahre alten Freundes Ryk Neethling dazu. Denn anders als die typischen Karriereverläufe von Ausnahmeathleten wie dem in diesem Jahr pausierenden Australier Ian Thorpe schwammen die beiden Sprinter erst mit Mitte 20 in die allererste Reihe. Vor den Spielen im vergangenen Jahr waren sie nur Kennern der Schwimmszene ein Begriff. Sie hatten bei Weltmeisterschaften noch nie eine Medaille gewonnen. Doch dann kam der Tag, an dem in Athen das Rennen der Freistilstaffel stattfand. Schoeman, Neethling, Darian Townsend und Lyndon Ferns, die vier Unbekannten vom Kap, wurden in ihrer Heimat mit einem Schlag unsterblich. Sie gewannen Gold in Weltrekordzeit und werden in Südafrika seitdem die „Fab Four“ genannt, die „glorreichen Vier“.
Allerdings wird die Verehrung nicht überall geteilt wird. In Schwimmerkreisen beäugt man den rätselhaften Aufstieg der Südafrikaner mit Mißtrauen. Es heißt, das Alter und die Karriereverläufe sprächen für den Einsatz unerlaubter Mittel. Schoeman und Neethling haben jahrelang gemeinsam an der Universität von Tucson (Arizona) in den Vereinigten Staaten trainiert. Sie erklären ihren Aufstieg damit, daß sie in ihrer Heimat früher nach veralteten Methoden geübt hätten.
Drei Weltrekorde in einer Wintersaison
Neethling, der inzwischen wieder nach Pretoria zurückgekehrt ist und dort neuerdings vom Deutschen Dirk Lange trainiert wird, war früher gar ein Langstreckenschwimmer. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney belegte er im Finale über 1500 Meter den fünften Platz. Er sagt, er habe eine neue Herausforderung gebraucht und deshalb beschlossen, seinen Körper in den eines Sprinters zu transformieren. Jetzt ist er ein Muskelprotz, ein Hüne mit einer Größe von 1,95 Metern und 93 Kilogramm Gewicht.
In der Kurzbahnsaison im vergangenen Winter war er eine Art Alleinherrscher im Freistilsprint. Er gewann 21 Rennen, stellte über 100 Meter drei Weltrekorde auf und strich dafür insgesamt 100.000 Dollar an Siegprämie ein. Bei der WM in Montreal gehört er, wie auch Schoeman, zum Favoritenkreis. Daß die „Wunderstaffel“ der Südafrikaner in Montreal gar nicht am Start ist, wird mißtrauische Naturen noch mißtrauischer machen. Einer der beiden anderen Schwimmer, so lautete die lapidare Erklärung, sei nicht in Form.