27.07.2005 · Antje Buschschulte ist bei der Schwimm-WM in Montreal eine der wenigen erfahrenen und erfolgreichen deutschen Teilnehmerinnen. Eine hoffnungsvolle Jugendwelle wie etwa beim amerikanischen Team ist beim DSV allerdings nicht in Sicht.
Von Gerd SchneiderAls Antje Buschschulte sich fertig machte für ihren Start und die Trainingsjacke auszog, schaute sie kurz nach oben. Was sie sah, gefiel ihr: Über Montreal hingen dunkle Regenwolken. Vor der Sonne brauchte sie sich als Rückenschwimmerin an diesem Abend nicht zu fürchten. 50 Meter über ihr, am oberen Ende der Stahlrohrtribünen, saß zur gleichen Zeit Franziska van Almsick in einer Fernsehkabine. Auch sie bereitete sich auf ihren Einsatz vor, sie kommentiert die Schwimm-Weltmeisterschaften für einen TV-Sender.
Die Berlinerin, über Jahre hinweg die prominenteste Schwimmerin, war im vergangenen Sommer nach den Olympischen Spielen abgetreten. Auch die fünfmalige Weltmeisterin Hannah Stockbauer hat sich vom Schwimmen zurückgezogen. Als einzige von den großen Drei ist Antje Buschschulte übriggeblieben. Was das deutsche Schwimmen ohne sie wäre, wird man nach den WM von Montreal wissen.
Platz zwei mehr als erwartet
Die 26 Jahre alte Biologie-Studentin, die in Magdeburg lebt und trainiert, hatte schon beim zweiten Platz der Freistilstaffel am Sonntag eine zentrale Rolle gespielt. Auch am Dienstag abend konnten sich die Deutschen auf ihre Vorschwimmerin verlassen. Antje Buschschulte verlor als Zweite über 100 Meter Rücken zwar ihren Titel, konnte das Rennen aber dennoch als kleinen Triumph verbuchen. Nach den Olympischen Spielen konzentrierte sie sich darauf, ihr Studium voranzutreiben. Im nächsten Jahr will sie es mit einer Diplomarbeit zum Thema „kognitive Neuro-Biologie“ abschließen.
Notgedrungen konnte sie sich dem Schwimmen deshalb nur mit halber Kraft widmen. „Ich habe im Wasser 50 Prozent weniger Umfang trainiert als sonst“, sagte sie, „der zweite Platz ist viel mehr, als ich erwarten konnte.“ Schneller als sie war nur Kirsty Coventry aus Zimbabwe, die seit Jahren in den Vereinigten Staaten lebt. Die Afrikanerin schlug nach 1:00,24 Minuten an, eine gute halbe Sekunde vor der Deutschen (1:00,84). Dritte wurde die amerikanische Olympiasiegerin Natalie Coughlin (1:00,88).
Buschschultes ungewisse Zukunft
Antje Buschschulte war bei ihrem ersten großen Erfolg gerade 17 Jahre alt. Damals gewann sie bei den Olympischen Spielen in Atlanta die Bronzemedaille mit der Freistilstaffel. Seitdem war sie immer mit dabei, wenn deutsche Schwimmerinnen Medaillen umgehängt bekamen. Ihren größten Erfolg feierte sie mit dem WM-Titel über 100 Meter Rücken vor zwei Jahren in Barcelona. Wie lange sie noch weiterschwimmt, ist ungewiß. Sie sagt, sie wolle Jahr für Jahr über eine Fortsetzung ihrer Laufbahn entscheiden.
Daß sie jetzt die große Figur des deutschen Schwimmens ist, mag für sie eine schöne Sache sein. Für den Schwimm-Verband ist das hingegen ein schlechtes Zeichen. Nehmen wir Natalie Coughlin, ihre Gegenspielerin in der Disziplin 100 Meter Rücken. Die Amerikanerin ist zwar erst 22 Jahre alt, wird von den Medien in ihrer Heimat aber schon als „veteran swimmer“ bezeichnet. Warum das so ist, zeigt ein Blick auf die Ergebnislisten dieser Weltmeisterschaften.
Keine deutsche Jugendwelle
Am gleichen Tag, an dem Antje Buschschulte Zweite wurde, gewann eine Amerikanerin namens Kate Ziegler den WM-Titel über 1500 Meter in 16:00,41 Minuten, der drittbesten je geschwommenen Zeit. Ihr Alter: 17. Katie Hoff, ebenfalls aus den Vereinigen Staaten, tags zuvor Weltmeisterin über 200 Meter Lagen geworden, ist 16. Gerade 17 geworden ist Jessica Hardy, die im Halbfinale über 100 Meter Brust einen neuen Weltrekord (1:06,20) aufgestellt hat und am Dienstag im Finale Zweite wurde. Die Vereinigten Staaten sind, wie auch Australien, in der glücklichen Lage, daß es bei ihnen alle paar Jahre ein neues Fräulein-Wunder im Schwimmen gibt.
In der deutschen Schwimmerszene ist von einer Jugendwelle am Anfang des neuen olympischen Zyklus nichts zu sehen. Die Leistungen der Nachwuchsschwimmer an den ersten Tagen der WM sind allenfalls durchschnittlich, in manchen Fällen auch enttäuschend. Der aus Sögel stammende Marco di Carli, bei den deutschen Meisterschaften vom DSV-Sportdirektor Ralf Beckmann noch für seinen „Killerinstinkt“ gerühmt, schied am Dienstag im Vorlauf über 100 Meter Rücken nach einer schwachen Vorstellung aus. Der 18 Jahre alte Paul Biedermann (Halle), als größtes Talent des DSV gehandelt, überstand den Vorlauf über 400 Meter Freistil ebenfalls nicht. Bei den Vorläufen über 800 Meter war er nicht einmal mehr am Start. Er habe „große taktische Schwächen“ gezeigt, sagte Beckmann.
„Die wissen nicht, was sie tun“
Der deutsche Teamchef ist in Montreal vollauf damit beschäftigt, seine offenbar gehemmten Nachwuchsathleten in nicht ganz so schlechtem Licht erscheinen zu lassen. Sie müßten sich erst einmal an das rauhe Klima einer WM gewöhnen, sagt er. Doch können kaum bekannte Achtzehnjährige, von denen niemand Wundertaten erwartet, am Druck scheitern? „Als junger Schwimmer kann man doch unbeschwert rangehen“, sagt Antje Buschschulte, „schaut euch doch die Amerikanerinnen an. Die stellen sich auf den Startblock, und schwupps schwimmen sie Weltrekord. Die wissen nicht, was sie tun.“ Bei den Deutschen scheint das anders zu sein: Sie wissen nicht, was tun.