18.07.2003 · Nach längerer Zeit im Hintergrund ist die Schwimmerin Hannah Stockbauer endlich bereit für ihren großen Auftritt. Vielleicht schafft es die Fränkin gar zum Star.
Von Gerd SchneiderMan kann nicht behaupten, daß Hannah Stockbauer eine gute Schauspielerin ist. Eigentlich hätte sie das wissen müssen, als sie im vergangenen Sommer bei den Schwimm-Europameisterschaften in Berlin auf der Bühne saß und ein Märchen erzählte. Sie, die Weltmeisterin, war über 800 Meter nur Dritte geworden, geschlagen von Jana Henke, einer Deutschen, ausgerechnet. In ihrem Innern, das sah man, tobte ein Sturm, sie war der Verzweiflung nahe. Doch als sie nach ihrer Stimmung gefragt wurde, behauptete sie, sie sei glücklich über diesen dritten Platz und überhaupt sehr zufrieden mit sich, auch ohne Einzeltitel. Kaum war der öffentliche Auftritt zu Ende, brach die Fassade zusammen. Hannah Stockbauer stürzte nach draußen, warf sich ihrem Trainer Roland Böller in die Arme und ließ den Tränen freien Lauf.
Die Frau, die ein Jahr später in der Erlangener Siemens-Zentrale auf der Bühne sitzt, scheint eine ganze andere zu sein. Die Wangenknochen zeichnen sich viel stärker in ihrem Gesicht ab, und die Augen leuchten. Sie habe so hart trainiert wie noch nie in ihrem Leben und vier Kilogramm abgenommen, erzählt sie und schaut auf ihre Zuhörer herab. 30 Journalisten und fünf Kamerateams sind nach Erlangen gekommen. Sie lassen sich in Listen eintragen, um ein kurzes Einzelinterview mit der Frau zu bekommen, die bei den an diesem Sonntag beginnenden Schwimmwettbewerben der Weltmeisterschaften in Barcelona die öffentlichen Erwartungen zu schultern hat. "Eine Hannah Stockbauer in Topform hält hof", konstatieren die Nürnberger Nachrichten staunend.
Karrieresprung?
Wenn nicht alles täuscht, steht die 21 Jahre alte Nürnbergerin in Barcelona vor dem größten Sprung ihrer Karriere. Sie hat das verflixte vergangene Jahr hinter sich gelassen. Abiturstreß, Morgentraining um halb sechs, "vorbei, alles abgehakt", sagt Hannah Stockbauer. Sie hat sich an der Uni Erlangen für Geographie eingeschrieben. Aber eigentlich ist sie jetzt Schwimmerin von Beruf. 3000 Kilometer hat sie seit dem vergangenen Sommer im Becken zurückgelegt, und ihr Trainer sagt, die frustrierende EM in Berlin habe sie angetrieben. Bei den deutschen Meisterschaften im Mai in Hamburg tauchte die Nürnbergerin wieder auf, schlank und rank und mit Zeiten, die auch die Leute vom Deutschen Schwimm-Verband (DSV) in Staunen versetzten.
Die Schlagzeilen aber gehörten Franziska van Almsick, die ihren Verzicht auf die WM in Barcelona nach allen Regeln der Kunst inszenierte und damit alle anderen in Hamburg zu Randfiguren machte. Noch vor zwei Jahren, als "die kleine Hannah aus Nürnberg" (DSV-Sportdirektor Ralf Beckmann) den Stars der Szene wie ein staunendes Kind begegnete, hätte sie vermutlich wieder nur gesagt, wie toll sie die Diva aus Berlin finde. Jetzt sagt sie: "Ich fand das merkwürdig, daß es in Hamburg vor allem um die ging, die bei der WM gar nicht starten." Man hat die Nürnbergerin mit der van Almsick verglichen, als sie 1999 aus dem Nichts auftauchte und Europameisterin über 800 Meter wurde.
Aschenputtelrolle im deutschen Schwimmen
"Die neue Franzi", schrieben die Zeitungen damals. Der Vergleich war ein grandioser Irrtum, und er ist es bis heute geblieben. In Wirklichkeit ist Hannah Stockbauer der krasse Gegensatz zur glamourösen, sprunghaften Berlinerin: bodenständig, ein bißchen ungelenk, aber geradeheraus. "Ein liebes Mädel", sagt Manfred Hopfengärtner, der Erlangener Siemens-Chef, "wenn ich noch eine Tochter haben könnte, dann würde ich mir sie wünschen." Manchmal ging Hannah Stockbauers Demut allerdings ein bißchen weit. Sie schien sich allzu lange mit der Aschenputtelrolle im deutschen Schwimmen zufriedenzugeben. Selbst als sie bei der WM vor zwei Jahren in Fukuoka mit den Siegen über 800 und 1500 Meter sportlich endgültig aus dem Schatten Franziska van Almsicks trat. Doch auch das hat sich geändert. Die "Sportlerin des Jahres 2001" teilt sich in Barcelona selbstgewiß die Hauptrolle mit dem Neusser Thomas Rupprath, und sie hat die Lust am Angriff entdeckt. "Wenn ich einen guten Tag erwische, wird es bei der WM sehr gut für mich laufen", sagt sie. Und Roland Böller, ihr Trainer, sagt: "Sie hat noch Defizite bei der Wende. Aber im Wasser, da ist sie der Maßstab, da macht ihr keine was vor."
Im mächtigen Palau Sant Jordi von Barcelona startet die Nürnbergerin, die seit zehn Jahren für die SSG Erlangen schwimmt, in den Einzeldisziplinen über 400, 800 und 1500 Meter. Auf den beiden langen Strecken ist sie die Favoritin, und selbst über 400 Meter, ihrem ersten WM-Auftritt an diesem Sonntag, werden ihr Chancen eingeräumt. Von Titeln spricht Hannah Stockbauer nicht, lieber von persönlichen Bestzeiten - "ich bin ja schließlich keine Träumerin." Vor zwei Jahren, vor den Olympischen Spielen in Sydney, da hatte sie sich das Träumen erlaubt. Aber sie ging baden, wie fast alle anderen aus dem deutschen Team. Doch die Nürnbergerin hielt sich nicht lange mit der Vergangenheitsbewältigung auf. "Sie hat bislang aus jedem Fehler, den sie gemacht hat, gelernt", sagt ihr Trainer. Nicht anders war es im vergangenen Jahr. Nach der EM führte Böller, selbst erst 32 Jahre alt, mit seiner Schwimmerin "ein sehr langes und sehr ernstes Gespräch". Als das Gespräch zu Ende war, standen auf einem Zettel viele Punkte, was sich in ihrem Leben ändern müsse - eine Art "Road Map" auf den Olymp nach Athen. Ganz oder gar nicht, so lautete Böllers Forderung, "vorher hatte Hannah ja das Schwimmen so ein bißchen hobbymäßig betrieben."
Fröhliche Fränkin
Jetzt kann sich die Fränkin, zum ersten Mal in ihrem Leben, ganz auf den Sport einlassen. Das ist eine befreiende Erfahrung. Ihre Gefühlslage beschreibt sie als "fit, entspannt, glücklich". Ein Manager kümmert sich um Sponsoren, ein Medienberater um die Selbstdarstellung. Daß jetzt viele an ihr ziehen und zerren, empfindet sie (noch) nicht als Belastung. Doch inzwischen weiß sie, daß auch dieses Feld nicht frei von Tücken ist. Vor kurzem zog sie sich einen Rüffel vom Siemens-Chef und den Stadtvätern zu, weil sie sich bei einem Fernsehauftritt offenherzig zu Nürnberg bekannt hatte und Erlangen mit keinem Wort erwähnte. Aber so ist sie eben: Hannah Stockbauer liebt ihre Heimatstadt - und das Verstellen lag ihr, wie gesagt, noch nie.