03.08.2006 · Deutschland hat einen neuen Schwimm-Star: Bei der Schwimm-EM in Budapest gewann Britta Steffen am Mittwoch in neuer Weltrekordzeit über 100 Meter Freistil - der zweite Titel, der zweite Weltrekord für die Berlinerin.
Von Gerd Schneider, BudapestIrgendwie sah es aus, als könnte Britta Steffen den Anblick nicht ertragen. Nachdem sie im Finale über 100 Meter Freistil mit einer Länge Vorsprung angeschlagen hatte, riß sie sich die Bademütze vom Kopf und starrte entgeistert nach oben auf die Anzeigetafel, so wie die 6000 Zuschauer im Budapester Schwimmkomplex auch. Man wird schließlich nicht alle Tage Zeuge eines Weltrekords auf dieser Strecke, der Königsdisziplin des Schwimmens. Oben leuchtete die Zeit auf, 53,30 Sekunden, und die beiden Buchstaben WR. Britta Steffen wirkte so, als schaute sie auf etwas, das nicht von dieser Welt ist.
„Unglaublich“, murmelte sie, gut sichtbar für alle, weil sie in diesem Moment in Nahaufnahme auf dem Video-Bildschirm gezeigt wurde. Sie hatte den Rekord der Australierin Lisbeth Lenton (53,42) um zwölf Hundertstelsekunden unterboten. Das nahm sie so mit, daß sie nach dem Rennen erst einmal zwei Minuten hinter einer Wand verschwand und ihren Tränen freien Lauf ließ.
Ein Weltrekord war unvorstellbar
„Ich glaube es nicht“, sagte sie, nachdem sie wieder die Fassung gefunden hatte. „Früher beim Verlieren wußte ich nicht, woran es lag. Nun weiß ich es auch nicht.“ Das Märchen der Britta Steffen geht also weiter. Nach dem fulminanten Staffel-Aufritt vom Montag hatten sie sich beim Deutschen Schwimm-Verband insgeheim erhofft, daß Britta Steffen ihre wechselhafte Karriere mit dem ersten großen Einzeltitel krönt. Aber ein Weltrekord? Dabei hatte die 22 Jahre alte Athletin vom Berliner Klub SG Neukölln im Staffelrennen schon angedeutet, daß sie das Zeug dazu hat. Da schlug sie als dritte Schwimmerin in einer Zeit an, die man leicht auf einen Einzelstart hochrechnen konnte - und prompt bei einem Rekord landete. Doch das war nur ein theoretischer Wert. Aber nun war sie allein auf sich gestellt, die Erwartungshaltung auf ihren Schultern.
Doch nach dem Jahr Pause, das sie nach Olympia 2004 eingelegt hat, um zu sich zu finden, ist sie nun offenbar stabil genug - eine Fähigkeit, an der es ihr früher gefehlt hat. Sie lag von Anfang an in Führung, ohne den Fehler zu begehen, auf der ersten Hälfe zuviel Energie zu verlieren. Bei 50 Meter war sie noch elf Hundertstelsekunden über der Durchgangszeit des Weltrekords. Doch auf der zweiten Bahn befreite sie sich vollends von allen Fesseln, sie rauschte förmlich durch das Becken. Ihre größte Konkurrentin, die Holländerin Marleen Velduis, konnte nicht mehr folgen und wurde mit einem Rückstand von einer Sekunde Zweite. „Ich dachte immer, man wäre ein Übermensch, wenn man Weltrekord schwimmt“, sagte Britta Steffen später, „aber nun fühle ich mich genauso wie immer.“
Ihr Trainer Norbert Warnatzsch verfolgte den elektrisierenden Auftritt von der Tribüne aus. Er habe schon nach wenigen Metern gespürt, daß es ein großes Rennen von Britta Steffen werden könne, sagte er. Sie habe sich genau an die Vorgabe gehalten: „Nicht zu langsam angehen und nach der Wende ballern.“ Allerdings warnte er gleich davor, von den restlichen Rennen seiner Athletin bei dieser Europameisterschaft „Wunder zu erwarten“. Sie startet in Budapest noch in mehreren Disziplinen, etwa über 200 Meter Freistil und in den weiteren Staffeln.
Laure Manaudou holt erstes Gold
Der Weltrekord der kaum bekannten Deutschen überstrahlte alle anderen Rennen an diesem Abend. Auch die der Laure Manaudou. Die Zwanzigjährige aus Lyon gewann das Finale über 800 Meter Freistil mit neuem Europarekord (8:19,29 Minuten) und holte sich damit ihren ersten EM-Titel in Budapest. Es wird nicht ihr letzter sein. Die Olympiasiegerin und Weltmeisterin hat sich für diese Titelkämpfe eine wahre Ochsentour auferlegt. Sie startet insgesamt in acht Disziplinen, in drei bis vier davon hat sie realistische Titelchancen. Sicher sein kann man bei ihr allerdings nie.
So ging sie gleich bei ihrem ersten Start in Budapest, im Vorlauf über 400 Meter Lagen, ganz unerwartet baden. Sie schied nach einer lustlosen Vorstellung als 18. aus. Doch am Mittwoch sah man eine ganz andere Schwimmerin. Sie hatte schon am Morgen die Vorläufe über 100 Meter Rücken und 200 Meter Lagen absolviert - und jeweils die beste Zeit aller Teilnehmerinnen erzielt. Nach dem 800-Meter-Finale am Abend warteten noch die Halbfinalläufe in diesen Disziplinen auf sie. In beiden Rennen qualifizierte sie sich scheinbar mühelos für das Finale - die Französin blieb an diesem Tag unantastbar.
Pieter van den Hoogenband ist zurück
Das galt auch für einen der Altmeister der internationalen Schwimmszene, Pieter van den Hoogenband. Zwei Jahre nach seinem letzten Auftritt auf der großen Bühne und ein Jahr nach einer Bandscheibenoperation feierte er ein bemerkenswertes Comeback. Er gewann die 200 Meter Freistil souverän in 1:45,65 Minuten. Der deutsche Nachwuchsschwimmer Paul Biedermann (Halle) wurde mit der Zeit von 1:48,99 Minuten Siebter. Den gleichen, für sie enttäuschenden Rang belegte seine Kollegin Sarah Poewe (1:09,27) über 100 Meter Brust.
Immerhin erging es ihr noch etwas besser als Helge Meeuw. Der Wiesbadener, der bei den deutschen Meisterschaften im Juni mit imposanten Leistungen von sich reden gemacht hatte, kam über 200 Meter Schmetterling gar nicht erst in den Endlauf. Er scheiterte im Halbfinale als Zwölfter, mit einer Zeit (2:00,55), die 3,24 Sekunden über der von den nationalen Titelkämpfen lag. Immerhin qualifizierte er sich eine halbe Stunde später sicher für das Finale über 50 Meter Rücken.
Ergebnisse
Männer
200 m Freistil:
1. Pieter van den Hoogenband (Niederlande) 1:45,65 Min.; 2. Massimiliano Rosolino (Italien) 1:47,02; 3. Filippo Magnini (Italien) 1:47,57; 4. David Carry (Großbritannien) 1:47,58; 5. Simon Burnett (Großbritannien) 1:48,01; 6. Amaury Leveaux (Frankreich) 1:48,97; 7. Paul Biedermann (Halle/Saale) 1:48,99; 8. Dominik Koll (Österreich) 1:49,22
200 m Lagen:
1. Laszlo Cseh (Ungarn) 1:58,17 Min.; 2. Alessio Boggiatto (Italien) 2:00,14; 3. Tamas Kerekjarto (Ungarn) 2:00,17; 4. Gregor Tait (Großbritannien) 2:01,00; 5. Ionnis Kokkodis (Griechenland) 2:02,22; 6. Euan Dale (Großbritannien) 2:02,27; 7. Lukasz Wojt (Polen) 2:03,10; 8. Vytautas Janusaitis (Litauen) 2:03,25 (keine deutsche Beteiligung)
Frauen
100 m Freistil:
1. Britta Steffen (Berlin) 53,30 Sek. WR; 2. Marleen Veldhuis (Niederlande) 54,32; 3. Neri-Mantei Niangkouara (Griechenland) 54,48; 4. Francesca Halsall (Großbritannien) 54,88; 5. Hanna-Maria Seppala (Finnland) 55,05; 6. Martina Moravcova (Slowakei) 55,06; 7. Inge Dekker (Niederlande) 55,20; 8. Alena Popchanka (Frankreich) 55,25
800 m Freistil:
1. Laure Manaudou (Frankreich) 8:19,29 Min. ER; 2. Rebecca Adlington (Großbritannien) 8:27,88; 3. Rebecca Cooke (Großbritannien) 8:28,40; 4. Flavia Rigamonti (Schweiz) 8:30,51; 5. Sophie Huber (Frankreich) 8:30,81; 6. Camelia Potec (Rumänien) 8:36,30; 7. Ionela Cozma (Rumänien) 8:37,70; 8. Lotte Friis (Dänemark) 8:40,61 (keine deutsche Beteiligung)
100 m Brust:
1. Ganna Chlistunowa (Ukraine) 1:07,55 Min.; 2. Kirsty Balfour (Großbritannien) 1:07,95; 3. Agnes Kovacs (Ungarn) 1:08,60; 4. Julia Pidlisna (Ukraine) 1:08,73; 5. Kate Haywood (Großbritannien) 1:08,78; 6. Jelena Bogomosowa (Rußland) 1:08,83; 7. Sarah Poewe (Wuppertal/Uerdingen/Dormagen) 1:09,27; 8. Chiara Boggiatto (Italien) 1:09,47; ...11. Simone Weiler (Heidelberg) 1:10,01 (Halbfinale)
200 m Rücken:
1. Esther Baron (Frankreich) 2:10,07 Min.; 2. Irina Amschennikowa (Ukraine) 2:12,13; 3. Melanie Marshall (Großbritannien) 2:12,17; 4. Escarlata Bernard Gonzalez (Spanien) 2:12,37; 5. Elizabeth Simmonds (Großbritannien) 2:13,02; 6. Evelyn Verraszto (Ungarn) 2:13,07; 7. Stanislawa Komarowa (Rußland) 2:13,52; 8. Alexandra Putra (Frankreich) 2:16,77 (keine deutsche Beteiligung)
Springen:
Kunstspringen 1 m, Männer:
1. Joona Puhakka (Finnland) 425,00 Pkt.; 2. Alexander Dobroskok (Rußland) 416,60; 3. Christopher Sacchin (Italien) 415,70; 4. Ilja Kwascha (Ukraine) 405,90; 5. Magnus Frick (Schweden) 371,15; 6. Javier Illana (Spanien) 343,20; ...14. Sascha Klein (Aachen) 330,35 (Vorkampf); 17. Tobias Schellenberg (Berlin) 315,50 (Vorkampf)