14.12.2003 · Hannah Stockbauers Auftritt bei der Kurzbahn-EM war ein Flop. Immerhin ließen sich die anderen deutschen Athleten in Dublin nicht von ihrer rätselhaften Schwäche beeinflussen.
Von Gerd SchneiderAls Ralf Beckmann, der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), eine vorläufige Bilanz zog, saß seine prominenteste Athletin schon wieder im Flugzeug. Hannah Stockbauer, die dreifache Weltmeisterin von Barcelona, hatte schweres Gepäck bei sich, als sie sich auf den Heimweg nach Nürnberg machte: die Gewißheit, daß ihr Auftritt bei den Kurzbahn-Europameisterschaften in Dublin ein Flop war.
"Ich habe kein Gefühl für das Wasser gehabt"
Am Freitag war sie nur Sechste geworden über 800 Meter Freistil, tags darauf kam sie auf der halben Distanz als Vorlauf-Dreizehnte nicht einmal in das Finale - das war etwas, das außerhalb jeder Vorstellungskraft lag. Als der Vorhang am Sonntagabend im National Aquatic Centre fiel, blieben viele Fragen offen, vor allem die nach den Gründen für die enttäuschende Vorstellung der Hauptdarstellerin. "Ich habe hier kein Gefühl für das Wasser gehabt", sagte Hannah Stockbauer. "Woran das lag, ist mir schleierhaft."
Die laut Beckmann "spektakuläre Störung" bei der vorolympischen Übung in der irischen Hauptstadt wird den DSV gewiß noch eine Weile beschäftigen. Der Leistungseinbruch ausgerechnet der Schwimmerin, die im nächsten August bei den Spielen in Athen die größte Last zu schultern hat, war zu schwerwiegend, um ihn als normale Schwankung abzuhaken. Immerhin konnte Beckmann registrieren, daß sich seine anderen Athleten in Dublin nicht von der rätselhaften Schwäche der 21 Jahre alten Nürnbergerin beeinflussen ließen. Mit sieben Titeln, sechs zweiten und acht dritten Plätzen fiel der Ertrag des DSV beinahe genauso hoch aus wie vor einem Jahr in Riesa, abermals waren die Deutschen erfolgreichste Nation. Dabei hatten die deutschen Schwimmer, zugunsten eines Grundlagentrainings für die Olympischen Spiele, in diesem Herbst auf eine spezielle Vorbereitung für die Kurzbahn-Saison verzichtet.
Rupprath als „Hungerhaken“ erfolgreich
Gerade dem Neusser Thomas Rupprath, in den vergangenen Jahren ein zuverlässiger Weltrekordproduzent auf der 25-Meter-Bahn, war die vorolympische Schwerarbeit anzusehen. Der Muskelprotz wiegt drei Kilogramm weniger als sonst und behauptete, er sehe aus "wie ein Hungerhaken". Dennoch war er mit drei Titeln (50 und 100 Meter Rücken, viermal 50 Meter Lagen) abermals der erfolgreichste Deutsche.
Auf den Magen dürfte ihm in Dublin aber der Verlust des Weltrekords über 100 Meter Schmetterling geschlagen haben - und die Erkenntnis, daß mit seinem Bezwinger Milorad Cavic, einem Amerikaner mit serbischem Paß, ein weiterer Konkurrent um olympische Würden aus dem Nichts auftauchte. Vermutlich wird es in Athen keine andere Disziplin geben, in der so viele namhafte Athleten um Gold schwimmen, eingeschlossen der amerikanische Wunderknabe Michael Phelps.
Was jetzt schon feststeht, ist das Motto für Athen. Beckmann hat es wie üblich griffig verpackt, nach AOL ("Auftritt, Outfit, Leistung") und BMW ("Burn, move, win") gilt für die Schwimmer jetzt die Losung POST: "Persönliche olympische sportliche Traumerfüllung". Was hinter diesem nicht nur phonetisch etwas holprigen Motto steht, ist die Forderung nach persönlichen Bestleistungen. "Wer in Athen Erfolg haben will, muß so schnell schwimmen wie nie zuvor", sagt Beckmann. In Dublin kamen zahlreiche Schwimmer dieser Maxime nach, weit über 30 individuelle Bestzeiten zählte der Sportdirektor während der EM.
Auch Antje Buschschulte in „beeindruckender Form“
Die gebürtige Südafrikanerin Sarah Poewe, die nach ihrem Wechsel zum DSV unlängst die Starterlaubnis für Athen bekam, gewann in Dublin zwei Einzeltitel und verbesserte dabei gleich sechs nationale Bestmarken, je drei über 50 und 100 Meter Brust. Auch die für Magdeburg startende Weltmeisterin Antje Buschschulte präsentierte sich auf der Grünen Insel in "beeindruckender Form" (Beckmann). Sie gewann nach dem Titel über 100 Meter Rücken am Sonntag auch das Rennen über 200 Meter Rücken in neuer europäischer Bestzeit von 2:04,23 Minuten.
Zudem schoben sich mit der 16 Jahre alten Erlangenerin Teresa Rohmann (jeweils Dritte über 200 und 400 Meter Lagen ) und dem zwei Jahre älteren Marco di Carli vom SV Sigiltra Sögel (Dritter über 100 Meter Lagen) zwei der begabtesten deutschen Nachwuchsschimmer in der Hierarchie nach vorne. Eine Übung, die am Sonntagnachmittag womöglich auch ihrem 31 Jahre alten Kollegen Christian Keller gelungen wäre. Der Essener Bankkaufmann erzielte im Vorlauf über 200 Meter Freistil in 1:45,95 Minuten die zweitbeste Zeit seiner Laufbahn, konnte sein Werk aber nicht im Finale beenden. Keller war am frühen Montag morgen auf einem anderen Feld gefordert, bei einem wichtigen Seminar seines Arbeitgebers, und deshalb saß er am Sonntagnachmittag schon wieder im Flugzeug. Freilich mit deutlich leichterem Gepäck als ein paar Stunden zuvor Hannah Stockbauer.