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Schwimm-DM Biedermanns Kampf gegen die Außerirdischen

18.04.2008 ·  Paul Biedermann braucht keinen Wunderanzug, um schnell zu sein. Er ist auch so ein Ausnahmeschwimmer. Bei den Olympischen Spielen will er mindestens in einen Endlauf, doch davor steht die Qualifikation bei der Deutschen Meisterschaft.

Von Bernd Steinle
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Der Begriff, der die Welt des Schwimmsports seit Wochen elektrisiert, klingt merkwürdig ungelenk: LZR Racer. Der LZR Racer, das ist der neue Schwimmanzug des Bademodenherstellers Speedo. Als er im Februar vorgestellt wurde, in London und in New York, da wirkte die Präsentation, als hätten die PR-Leute von Speedo zu viele Science-Fiction-Romane gelesen: Vom Anzug für das „Weltraumzeitalter“ war da die Rede, dank der Mithilfe der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa, und vom „schnellsten Schwimmanzug der Welt“, vollverschweißt per Ultraschall, mit hydrodynamischem Kompressionssystem.

Die Speedo-Athleten lieferten dazu die passenden Praxisberichte. „Wenn ich ins Wasser eintauche, fühle ich mich wie eine Rakete“, befand der Amerikaner Michael Phelps, „es ist wie Bergab-Schwimmen“, berichtete die Australierin Lisbeth Trickett. Zwei Monate später spottet keiner mehr über das extraterrestrische Klimbim. Von 19 neuen Weltrekorden 2008 auf der Langbahn wurden 18 im LZR Racer geschwommen - bevor der mehr als 500 Euro teure Anzug überhaupt in den Handel kam.

Ein Anzug macht Rumpelstilzchen nicht zu Superman

Seither spaltet Speedos bestes Stück die Schwimmszene: scheinbar in Gewinner und Verlierer, auf jeden Fall aber in Befürworter und Gegner, solche, die ihn als wissenschaftliche Weiterentwicklung preisen, und andere, die ihn als wettbewerbsverzerrend aus dem Becken verbannen wollen. Frank Embacher hat die außerordentliche Aufregung um den außerirdischen Anzug interessiert verfolgt. „Das Problem ist“, sagt er, „dass sich viele jetzt nur noch auf den Anzug konzentrieren.“

Die Grundlage aber für herausragende Leistungen sei immer noch das Training, dort müsse man „erst mal die Sekunden rausholen, bevor man an die Zehntel durch den Anzug denkt. „Man zieht ja nicht den Anzug an und ist Superman, wenn man vorher Rumpelstilzchen war.“ So hat Embacher das erfahren. Seit sieben Jahren ist er Heimtrainer von Paul Biedermann. Jenem Paul Biedermann, der vor kurzem Europameister über 200 Meter Freistil wurde. Mit deutscher Rekordzeit. In einem Adidas-Anzug. Biedermann ist einer, der sich weder von Raketen- noch von Bergab-Schwimmern bange machen lässt. Der Speedo-Anzug ist kein Wundermittel“, sagt er.

Biedermann kann ein Weltklasseschwimmer werden

Der EM-Titel mit der Spitzenzeit von 1:46,59 Minuten hat ihm gezeigt, wozu er fähig ist: „Ich weiß jetzt, was ich draufhabe.“ Ein „perfektes Rennen“ sei das gewesen, sagte Örjan Madsen, der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV). Von einer „taktischen Meisterleistung“ sprach Embacher. Der 21 Jahre alte Hallenser behielt im Finallauf die Konkurrenten stets im Blick und fing dann auf der letzten Bahn den führenden Franzosen Amaury Leveaux noch ab. Biedermann, sagte Madsen nach dem Sieg in Eindhoven, könne „ein Weltklasseschwimmer“ werden.

Es wäre auch eine Genugtuung für den oft kritisierten Norweger. Denn Biedermann ist einer der wenigen Athleten, die Madsens Konzept mit Höhentrainingslagern, dem Einbeziehen von Mentaltrainern und dem Schwerpunkt auf Wettkampfhärte voll durchzogen. Während die meisten DSV-Schwimmer die Teilnahme an der EM absagten, um die Vorbereitung auf die deutsche Meisterschaft und Olympia-Qualifikation, die an diesem Freitag beginnt, nicht zu stören, war Biedermann prompt zur Stelle. „Ich war anfangs selbst nicht ganz überzeugt“, sagt Embacher, „aber Paul wollte das unbedingt machen.“ Die Chance, „sich mit den Größten in Europa zu messen“, so der Ausnahmeschwimmer, wollte er nicht verpassen.

Vor dem Ziel Olympia-Endlauf steht die Qualifikation in Berlin

Die Erfahrung, ein internationales Klassefeld beherrschen zu können, soll ihm nun in Berlin bei der nationalen Ausscheidung für Peking zugutekommen. Die Gefahr, dass nach dem EM-Sieg Selbstbewusstsein in Selbstzufriedenheit umschlägt, sieht Embacher nicht. Wenige Tage nach dem Erfolg in Eindhoven ging es ins Trainingslager in Spanien, acht Tage lang, und da, sagt der Trainer, habe es nicht eine Einheit gegeben, in der Biedermann den Eindruck erweckt habe, „ich mach das jetzt aus dem Ärmel“.

In Berlin wird er am kommenden Freitag über 400 Meter Freistil und am Samstag über seine Spezialstrecke 200 Meter Freistil starten, dazu sind als Zugabe die 100 Meter Freistil geplant. Ob er an seine 200-Meter-Zeit aus Eindhoven herankommt, ist für ihn so fraglich wie nebensächlich. „Am wichtigsten“, sagt Biedermann, „ist die Olympia-Qualifikation.“

Michael Phelps ist zweieinhalb Sekunden schneller

An seinem Wunschzettel für Peking hat der EM-Titel nichts geändert. Da steht weiter: Endlauf über 200 Meter Freistil. „Das wird ein hartes Stück Arbeit“, sagt Biedermann, die Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten, Australien, Italien und Frankreich ist groß. Deshalb will Embacher jetzt auch nicht gleich von einer Olympia-Medaille reden, „schließlich fehlen auf einen Michael Phelps noch zweieinhalb Sekunden, das ist eine Welt“. Und: „Man kann im Olympia-Finale mit einer 1:46 auch Sechster werden.“ Embacher will vielmehr den eingeschlagenen Weg fortsetzen.

Biedermanns Leistungssprung habe - neben dem Ende der schulischen Belastung - auch damit zu tun, dass er 2007, im vorolympischen Jahr, große Trainingsumfänge absolviert habe und nun Spritzigkeit und Schnelligkeit dazukämen. „Da hoffen wir noch auf eine kleine Verbesserung“, sagt er. Ansonsten gilt für Biedermann nach seinem größten Erfolg als Schwimmer: auf dem Boden bleiben. Nicht die schlechteste Ausgangsposition für den Kampf gegen die Außerirdischen.

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