22.05.2005 · So unaufgeregt der offizielle Abschied von Franziska van Almsick ausfiel, so tief ist der Einschnitt, den ihr Karriereende im deutschen Schwimmen hinterläßt. Manche fürchten eine Rezession, wie sie das Tennis erlebt hat.
Von Gerd SchneiderDer übliche Blumenstrauß, ein Händedruck und ein paar warme Worte: Wenn der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) verdiente Athleten in den sportlichen Ruhestand verabschiedet, läuft das Ritual nach starren Regeln ab. Ausnahmen gibt es keine, selbst wenn es sich um Franziska van Almsick handelt.
Acht Monate nach den Olympischen Spielen von Athen, ihrem letzten Wettkampf, kehrte die Berlinerin am Sonntag nochmals in der Athletenrolle an die Stätte zurück, an der sie bei den Europameisterschaften 2002 ein bewegendes Comeback gefeiert hatte. Doch für große Gesten blieb dieses Mal keine Zeit in der unterirdischen Schwimmarena tief im Osten der Stadt. Gemeinsam mit anderen altgedienten Athleten wie Christian Keller, Katrin Meißner und Sven Lodziewski winkte sie nochmal dem Publikum zu, dann mußte rasch die Bühne geräumt werden: Die deutschen Meisterschaften wurden fortgesetzt.
Rezession im deutschen Schwimmsport?
So unaufgeregt das offizielle Zeremoniell am Sonntag nachmittag auch ausfiel, so tief ist der Einschnitt, den der Abschied der Berlinerin und anderer Größen im deutschen Schwimmen hinterläßt. Denn es tritt ja nicht nur der große Star dieser Sportart ab. Die 32 Jahre alte Katrin Meißner, ebenfalls eine Berlinerin, war über anderthalb Jahrzehnte hinweg eine der besten Freistilschwimmerinnen; und anders als bei Franziska van Almsick glänzt in ihrer Biographie olympisches Gold, gewonnen bei den Spielen 1988 in Seoul mit der DDR-Staffel. Der Berliner Arzt Sven Lodziewski war Staffelweltmeister. Und der aus Essen stammende Christian Keller brachte es bei den Spielen 1996 in Atlanta immerhin auf eine Bronzemedaille.
Wie empfindlich diese Zäsur den Verband trifft, wird sich zeigen. Denn zu allem Überfluß ist dem deutschen Schwimmen mit der Nürnberger Weltmeisterin Hannah Stockbauer auch noch die zweite große Figur neben Franziska van Almsick abhanden gekommen. Es ist fraglich, ob sie jemals ins Becken zurückkehren wird. Deshalb fürchten nun manche, dem Schwimmen könnte eine ähnliche Rezession bevorstehen, wie sie das Tennis nach der Becker-Stich-Graf-Ära erlebt hat.
Reich an Selbstbewußtsein und Begabung
Der Schwimmsport sucht den Superstar - doch man darf Zweifel haben, ob er so schnell gefunden wird. "Es gibt genügend Leute, die Franziskas Rolle ausfüllen können", behauptet zwar die 25 Jahre alte Anne Poleska. Doch wen meint sie? Die Krefelderin selbst war eine der wenigen deutschen Athleten, die ihren Bekanntheitsgrad in Athen steigern konnten: mit einem dritten Platz über 200 Meter Brust. Obschon intelligent und gutaussehend, fehlt ihr noch einiges, um zur Medienfigur zu werden - vor allem ein großer Titel. Auch Ralf Beckmann, der Sportdirektor des DSV, macht sich Mut. Er spricht von "neuen Freiräumen", die der Abtritt der alten Garde schaffe, und sagt: "Wir haben junge Gesichter und neue Typen." Doch ob sie das Format haben, um das Vakuum zu füllen, weiß auch er nicht.
Immerhin, es gibt ein paar vielversprechende junge Athleten, die zu Aufsteigern werden könnten. Die 17 Jahre alte Lagenschwimmerin Teresa Rohmann etwa, die in Erlangen zur Gruppe von Hannah Stockbauers Trainer Roland Böller gehört; oder der gleichaltrige Hallenser Langstrecken-Spezialist Paul Biedermann; oder der 20 Jahre alte Wiesbadener Helge Meeuw, der am Samstag in der Disziplin 100 Meter Schmetterling überraschend Thomas Rupprath bezwang; oder auch Marco di Carli, der zum Auftakt der Meisterschaften das Rennen über 100 Meter Freistil gewann. Der 20 Jahre alte Emsländer, ebenso reich an Selbstbewußtsein wie an Begabung, wird demnächst seinem Trainer Dirk Lange nach Pretoria in Südafrika folgen. Lange arbeitet dort als Chefcoach des südafrikanischen Schwimm-Verbandes.
"Neues Denken, neue Reize"
Um seinen jungen Schwimmern den Weg in die Weltspitze zu erleichtern, hat der DSV nach Olympia die Bedingungen erheblich verschärft. Die Normzeiten für die WM im Juli in Montreal liegen unter denen vor den Olympischen Spielen - eine Reaktion auf die rasante internationale Entwicklung. Außerdem sollen künftig immer im Frühjahr, wie in Australien und den Vereinigten Staaten, sogenannte Trials stattfinden, die ausschließlich der Qualifikation für die großen Wettkämpfe wie Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele dienen. Die nationalen Titelkämpfe werden dann im Sommer jeweils zwei Wochen vor dem Saisonhöhepunkt ausgetragen. Das alles hört sich harmlos an, ist aber eine radikale Abkehr von der bisherigen Praxis.
Der monatelange Leerlauf zwischen der Kurzbahnsaison im Winter und den Wettkämpfen auf der 50-Meter-Bahn im Sommer ist damit abgeschafft: eine Maßnahme zur Bekämpfung der Bequemlichkeit. "Neues Denken, neue Reize" verspricht sich Sportdirektor Beckmann davon. Und nicht zuletzt eine Steigerung der Wettkampfhärte - einer Eigenschaft, die bei den DSV-Athleten nicht sonderlich ausgeprägt ist. Kein Zweifel, den deutschen Schwimmern und dem deutschen Schwimmsport stehen ungemütliche Jahre bevor.