09.08.2010 · Das einstige Wunderkind Gata Kamsky wird in Mainz Weltmeister im Schnellschach. Unter 700 Teilnehmern, darunter mehr als 40 Großmeistern, zeigt der New Yorker Jurist sein überragendes Talent und seine intuitive Begabung.
Von Gerald Braunberger, MainzEin Turnier, in dem Weltklassespieler und Amateure einträchtig miteinander spielen, gibt es nicht in vielen Sportarten. Die Weltmeisterschaft im Schnellschach, die seit vielen Jahren in Mainz ausgetragen wird, ist ein solches Turnier. 700 Teilnehmer, darunter mehr als 40 Großmeister, versammelten sich am Wochenende in der Mainzer Rheingoldhalle, um den Besten zu küren. Den Sieger hatten nicht viele auf der Rechnung: Am Ende der 11 Runden setzte sich ungefährdet der 36 Jahre alte Amerikaner Gata Kamsky durch. Er gewann die ersten neun Partien nacheinander und sicherte seinen Titelgewinn routiniert mit zwei Unentschieden in den Schlussrunden.
Kamsky ist in vergleichsweise jungen Jahren schon so etwas wie eine Schachlegende. Vor rund 20 Jahren hatte er sich als Wunderkind in der internationalen Schachszene hervorgetan und schien auf dem besten Wege zur Weltmeisterschaft. Doch Mitte der neunziger Jahre zog sich der junge Mann russisch-tatarischer Herkunft unvermittelt aus dem Berufsschach zurück. Er studierte Rechtswissenschaften in den Vereinigten Staaten, gründete eine Familie und arbeitete nach seinem Examen als Jurist in New York. Vor wenigen Jahren kehrte Kamsky zum Schach zurück, doch tat er sich anfangs schwer.
Anders als die heutige Generation von Spitzenspielern unterhält er keinen Stab von Helfern, die ihn mit Hilfe von Computern auf seine Gegner vorbereiten. Kamsky lebt vor allem von seinem überdurchschnittlichen Talent, das ihn das Wesen auch sehr komplizierter Stellungen nahezu intuitiv verstehen lässt. Dazu kommen die solide Schachausbildung in der früheren Sowjetunion sowie eine Nervenstärke, die ihn auch in der Verteidigung schlechterer Stellungen nicht verlässt. Kamsky stand lediglich in einer Partie deutlich schlechter, doch überschritt sein Gegner die Bedenkzeit. „Ich habe mich auf das Turnier nicht besonders vorbereitet“, sagte er nach seinem Sieg. „Ich bin einfach gekommen, um aggressives Schach zu spielen und Spaß zu haben.“ Schnellschach ist die heute attraktivste Version des alten Spiels der Könige. Anders als im klassischen Schach, in dem Partien mehrere Stunden dauern, erfordert Schnellschach weniger ausgefeilte Vorbereitung.
In Mainz erhält jeder Spieler für eine Partie 20 Minuten Bedenkzeit zuzüglich 5 Sekunden Bedenkzeit je Zug. Das ist lange genug, um eine Partie ordentlich anzulegen, erlaubt dem Spieler aber auch kein zu tiefes Versinken in Stellungen. Improvisation, Geistesgegenwart und schnelles Reagieren sind gefordert, und in der Hektik des Geschehens geht im Schnellschach auch immer wieder ein erfahrener Großmeister gegen einen ambitionierten Amateur unter. „Ich habe in 30 Jahren noch kein Turnier erlebt, in dem der Sieger nicht auch zumindest ein wenig Glück gehabt hätte“, sagt der deutsche Großmeister Klaus Bischoff, der in Mainz die Partien der Besten einem interessierten Publikum erläuterte.
Der Organisator des Mainzer Turniers, Hans-Walter Schmitt, hat Schnellschach vor fast 20 Jahren als eine medienwirksame Marktlücke entdeckt. Schmitt kam zudem auf den Gedanken, das Turnier offen auszuschreiben und damit jedem Interessierten, egal ob Weltklassespieler oder Amateur, die Teilnahme zu ermöglichen. Die Aussicht, zusammen mit der Weltspitze in einem Turnier zu spielen und vielleicht einmal gegen einen der zehn besten Schachspieler der Welt ausgelost zu werden, lockt seit vielen Jahren Hunderte Schachspieler im Sommer nach Mainz. Die Mainzer Weltmeisterschaft ist zwar nur eine inoffizielle, weil sie von einem privaten Turnierorganisator ausgeschrieben wird. Aber da Mainz als Mekka des Schnellschachs gilt und der Weltschachbund keine eigene Weltmeisterschaft in dieser Disziplin organisiert, ist der Mainzer Titel in der Schachwelt akzeptiert.
Die vor dem Turnier hauptsächlich genannten Favoriten konnten Kamskys Sturmlauf nicht bremsen. Titelverteidiger Levon Aronian, ein in Berlin lebender Armenier, sicherte sich nach einem Schwächemoment in der Turniermitte mit einem Endspurt noch den dritten Platz. Der Moskauer Alexander Grischuk, seit Jahren einer der stärksten Schnellschachspieler der Welt, ließ mehrere Chancen ungenutzt und wurde Siebter. Die deutschen Spitzenspieler schlugen sich achtbar. Die deutsche Nummer eins, Arkadij Naiditsch, schloss das Turnier nach schwachem Beginn noch als Neunter ab. Jan Gustafsson, der wie Naiditsch in der Schach-Bundesliga für den deutschen Meister Baden-Baden antritt, erreichte Platz elf.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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