Das hat nicht einmal Tiger Woods geschafft: Yani Tseng ist erst 22 Jahre alt - und hat am Sonntag bei der Women's British Open in Carnoustie (Schottland) ihren Vorjahressieg wiederholt und ihr fünftes Major gewonnen, das zweite in diesem Jahr nach der LPGA Championship. Kein weiblicher, kein männlicher Golfprofi zuvor hat in so jungen Jahren so viele große Titel gesammelt. Woods war 24 Jahre alt, als er den fünften Erfolg bei einem der vier Saisonhöhepunkte feierte. „Vielleicht ist Yani die einzige, die den Rekord von Jack Nicklaus von 18 Major-Siegen brechen kann“, sagte ihr Trainer Gary Gilchrist. Wenn seine Musterschülerin so weitermacht wie in den vergangenen beiden Jahren, stehen die Chancen dafür nicht schlecht. Denn Yani Tseng gewann vier der letzten acht Majors.
Am Sonntag war Yani Tseng mit zwei Schlägen Rückstand auf die gleichaltrige Gladbeckerin Caroline Masson als Zweite auf die Schlussrunde gegangen. Aber die Deutsche, in der Weltrangliste nur auf Rang 141 geführt, war dem Druck des direkten Kräftemessens mit der Besten der Zunft nicht gewachsen. Mit 78 Schlägen - zehn mehr als am Samstag - fiel sie auf den geteilten fünften Platz zurück. Yani Tseng benötigte am Schlusstag 69 Schläge und feierte mit vier Schlägen Vorsprung vor der Amerikanerin Brittany Lang schon ihren 17. Sieg als Profi. Sie erhielt dafür 272 365 Euro Preisgeld. Die Deutsche dagegen wartet in ihrem zweiten Jahr auf der Ladies European Tour noch auf den ersten Turniersieg.
Yani Tseng ist schon von Kindesbeinen an an Erfolge gewöhnt. Sie gewann die Jugend-Weltmeisterschaft zweier Altersklassen (13 bis 14 und 15 bis 17 Jahre). Sie schlug 2004 die Amerikanerin Michelle Wie, die in Carnoustie abgeschlagen auf dem 28. Rang landete, im Finale der US Public Links Championship. Mit ihren jüngsten Erfolgen beendete Yani Tseng in ihrem vierten Profijahr das Wechselspiel an der Spitze der Hackordnung.
Nach neun kurzen Intermezzi verschiedener Kolleginnen steht nun seit dem 14. Februar erstmals eine Chinesin ganz oben. Und wenn nicht alle Anzeichen trügen, dann dürfte sie sich an der Spitze ebenso häuslich einrichten wie in ihrem Haus in Orlando, ein Anwesen, das zuvor von Annika Sörenstam bewohnt wurde. Die Schwedin gewann bis zur ihrem Rücktritt Ende 2008 90 Profiturniere, davon zehn Majors, mehr als jede andere Proette.
Obwohl Yani Tseng mittlerweile in Florida lebt, hält die 1,68 Meter große Frau aus Gueishan ihrem Heimatland Taiwan die Treue. Im vorigen September lehnte sie einen Sponsorvertrag einer chinesischen Firma über fünf Jahre ab, die ihr 25 Millionen Dollar, eine Villa in Peking und die ständige Nutzung eines Privatjets garantiert hätte. Das lukrative Angebot hatte nämlich einen Haken: Es war an die Bedingung geknüpft, dass sie die Staatsbürgerschaft der Volksrepublik China annimmt.
Auch wenn ihr Vater Tseng Mao-hsin dies als unmoralisches Angebot empfand, war die Tochter so diplomatisch, die Absage in schöne Worte zu kleiden: „Ich weiß nicht, ob ich so viel Geld wert bin. Ich bin Chinesin, und es ist deshalb egal, für welches Land ich spiele. Ich will Ehre für alle ethnischen Chinesen in der Welt einlegen.“