17.06.2008 · Das Stechen auf dem Torrey Pines Golf Course zwischen Tiger Woods und Rocco Mediate hatte alles, was Golf so spannend macht: ein perfektes Skript mit dem Duell eines scheinbar Übermächtigen gegen einen Außenseiter, ständige Führungswechsel und eine Portion Drama.
Von Wolfgang SchefflerVergessen wir, was alle Kritiker den US Open immer wieder vorgeworfen haben: Ein Stechen am Montag über 18 Löcher sei ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, ein Relikt, an der nur noch die erzkonservativen Herren der USGA, dem amerikanischen Golfverband, ihre Freude haben.
Die heutige schnelllebige Zeit verlange nach einem Gleichstand nach 72 Löchern eine sofortige Entscheidung. Wenn schon kein „sudden death“ wie beim Masters, bei dem gewinnt, wer als Erster ein Loch des Stechens für sich entscheidet, dann höchstens eine sofortige Verlängerung mit einem weiteren Zählspiel über vier Löcher. So wie bei der British Open oder der PGA Championship dem, falls nötig, dann „sudden death“ folgt.
Dieses Stechen am Montag auf dem Torrey Pines Golf Course in La Jolla/Kalifornien zwischen Tiger Woods und Rocco Mediate war eben kein langweiliges Nachspiel vor wenigen Zuschauern, nicht dürftige Fernsehunterhaltung, weil nur zwei oder drei Spieler auf dem Platz sind und die Minuten, in denen die Spieler zu ihrem Ball gehen, mühsam gefüllt werden müssen.
„Rocco“-Rufe für den krassen Außenseiter
Die Verlängerung am Montag hatte alles, was Golf für die Fans so spannend macht: ein perfektes Skript mit dem Duell eines scheinbar Übermächtigen gegen einen krassen Außenseiter, ständige Führungswechsel und am Ende noch eine Portion Drama. Die Sportfreunde in Südkalifornien hatten wohl geahnt, was ihnen die beiden Hauptdarsteller bieten würden. 24.000 Fans waren noch einmal auf den Platz an der Pazifikküste gekommen, 12.000 begleiteten die beiden Amerikaner über die insgesamt 19 Löcher und sorgten dafür, dass jedes Fairway vom Abschlag bis zum Grün wie in einem Amphitheater von Zuschauern gesäumt war.
Sie feuerten den krassen Außenseiter Rocco Mediate mit „Rocco“-Rufen frenetisch an - einen Golfprofi, der in der Weltrangliste nur auf Rang 158 geführt wurde, der mit 45 Jahren eigentlich viel zu alt für einen Triumph beim schwersten der vier Majors war, der seit sechs Jahren kein Turnier mehr gewonnen hatte, der nach Rückenoperationen zwischenzeitlich einen Versuch als Fernsehkommentator unternommen hatte, der in diesem Jahr bei zehn Turnieren acht Mal am Cut gescheitert war, der die Qualifikation für die US Open erst im Stechen gegen elf viel jüngere Kollegen geschafft hatte.
Die Ärzte hatten Woods gewarnt
Aber der Kampf David gegen Goliath nahm am Montag einen ganz anderen Verlauf, als die unterschiedliche Ausgangslage erwarten ließ: Woods hatte nach zehn Löchern drei Schläge Vorsprung, aber dann zeigte der hohe Favorit ein paar Schwächen. Mediate gelangen drei Birdies in Folge - und der krasse Außenseiter ging mit einem Schlag Vorsprung aufs 18. Loch, eine Parallele zum Sonntagsfinale am 72. Loch. Wieder gelang Woods das Birdie, das eine Verlängerung erzwang.
Im „sudden death“ am 7. Loch „starb“ Mediate den „plötzlichen Tod“: Zwei brillante Schläge von Woods bis der Ball auf dem Grün landete, zwei misslungene Schläge von Mediate, erst in den Bunker und dann in die Tribüne, leiteten das Ende ein. Mediates Pitch aus der „Dropping Zone“ kam sechs Meter vom Loch entfernt zur Ruhe.
Nach 91 Löchern mit 358:359 gewonnen
Als Woods' Birdie-Putt Millimeter vor dem Loch liegen blieb, hatte Mediate noch eine kleine Chance, den Favoriten zu einem weiteren Extra-Loch zu zwingen. Aber sein Ball strich vorbei: Nach insgesamt 91 Löchern hatte Woods seinen Herausforderer um einen Schlag bezwungen. In Zahlen: Woods 358 Schläge, Mediate 359.
Aber so spannend das Finale auch war, so schön die Abschlussszene auch wirkte, in der Mediate seinen Bezwinger umarmte und trotz aller Enttäuschung, sich darüber freute, den vielleicht besten Golfer der Geschichte so lange gefordert zu haben - für Woods und auch für Golf könnte es ein Pyrrhussieg gewesen sein. Die Ärzte hatten Woods gewarnt, dass er mit seiner Teilnahme an diesen 108. US Open in seinem schon dreimal operierten linken Knie einen dauerhaften Schaden anrichten könne. Woods hatte alle Warnungen in den Wind geschlagen, sich oft hinkend und mit schmerzverzerrtem Gesicht über den Platz geschleppt und oft während der Runde Schmerzmittel genommen.
„Ich habe gewonnen, und nur das zählt“
Er wird jetzt erst einmal eine längere Pause machen. Nicht einmal mit Sicherheit wollte Woods sagen, ob er in fünf Wochen an der British Open teilnehme werde. Mit dem 14. Major-Triumph wuchsen auch die Zweifel, an der Gesundheit des Siegers. Experten wunderten sich, dass Woods auch acht Wochen nach der Arthroskopie, die als „Reparatur des Meniskus“ beschrieben wurde, noch so starke Schmerzen hatte. Sie mutmaßen, dass in seinem linken Knie degenerative Veränderungen, vielleicht sogar eine Arthrose, vorhanden sein müsse. Woods hat dazu immer die Aussage verweigert: „Ich habe gewonnen, und nur das zählt.“
Sollte Woods wirklich für längere Zeit ausfallen, es wäre für Golf, für die Einschaltquoten im Fernsehen, eine mittlere Katastrophe. Denn auch diese US Open haben wieder bewiesen: Ohne Tiger Woods fehlt Golf jener Protagonist, der wie kein anderer Golfturniere mit seinen Schlägen, mit seinen Befreiungsaktionen aus schier unmöglicher Lage, zu faszinierendem Theater macht.