Ein einziger Tag, an dem Tiger Woods die Konkurrenz ebenso sicher kontrollierte wie den Flug seines Golfballs - und auf einmal ist alles anders: Mit dem souveränen Sieg beim Arnold Palmer Invitational in Orlando am vergangenen Sonntag scheint die alte Weltordnung im Golf wieder hergestellt. Am kommenden Donnerstag beginnt in Augusta im amerikanischen Südstaat Georgia das 76. Masters-Turnier. Auch wenn die Computer-Hackordnung den einstigen Meister aller Klassen nur auf Platz sechs führt, sehen die englischen Buchmacher ihn schon wieder als den haushohen Favoriten beim ersten Major des Jahres - und das, obwohl der nordirische US-Open-Champion Rory McIlroy (Honda Classic) und der englische Weltranglistenerste Luke Donald (Transition Championship) wie Woods ihre letzten Generalproben für den ersten Saisonhöhepunkt auch mit einem Sieg abschlossen.
Wenn man dem Engländer Justin Rose zuhört, der vor vier Wochen das letzte Stelldichein der gesamten Weltelite, das Turnier der World Golf Championship (WGC) in Miami, gewann, fühlt man sich fast in die 623 Wochen zurückversetzt, in denen Woods einsam an der Spitze der Weltrangliste thronte: „Er ist der Mann, den es beim Masters zu schlagen gilt. Selbst als Tiger schlecht spielte, hatte er in Augusta eine Siegchance. Um die Wahrheit zu sagen: Wenn er weiter so spielt, wird er Golf wieder dominieren.“ Der 42 Jahre alte Südafrikaner Ernie Els hatte nach Woods’ grandioser Schlussrunde von 62 Schlägen, der besten seiner Laufbahn, bei der Honda Classic vor drei Wochen schon kategorisch verkündet: „Das ist wieder der alte Tiger.“ Der mittlerweile 72 Jahre alte Jack Nicklaus, der mit 73 Erfolgen auf der PGA Tour noch einen mehr auf dem Konto hat als Woods, sieht seinen Rekord von 18 Major-Siegen wieder bedroht: „Wenn er dieses Jahr ein Major gewinnt, kann er es schaffen.“
14 Mal siegte Woods bisher bei einem der vier Traditionsturniere - und vielleicht stehen die Chancen nirgends besser, die nunmehr seit den US Open 2008 stockende Erfolgsserie fortzusetzen. Das einzige Major, das immer auf demselben Platz, dem des Augusta National Golf Club, ausgetragen wird, scheint wie geschaffen für Woods. „Selbst wenn er dort nicht sein bestes Golf spielt, muss man mit ihm rechnen“, sagt der Engländer Ian Poulter, der sich einst als erster Herausforderer des großen Dominators Woods sah, „aber jetzt hat er sein Spiel wieder gefunden, und wenn die Putts wieder fallen, ist er in Augusta eine Macht.“
Nach Schwungumstellung und Scheidung
Mit rund 6800 Metern ist der Platz der zweitlängste in der Geschichte der vier Saisonhöhepunkte, die extrem schnellen und ondulierten Grüns kommen Woods, der in seiner Hochzeit als der beste Putter der Welt galt, entgegen. Viermal hat er dort gewonnen. 1997, in seinem ersten kompletten Jahr auf der PGA Tour, hatte er als jüngster Sieger der Masters-Geschichte mit 21 Jahren den nächsten Verfolger Tom Kite mit dem Rekordabstand von zwölf Schlägen hinter sich gelassen. Vier Jahre später feierte er seinen zweiten Erfolg und vollendete damit den „Tiger Slam“, den Sieg bei allen vier Majors in Folge. 2002 verteidigte er seinen Masters-Titel, 2005 schlüpfte er zum vierten Mal in das grüne Sieger-Jackett. Und selbst in den vergangenen beiden Jahren, als Woods mitten in der dritten Schwungumstellung seiner Laufbahn steckte und sein Privatleben nach seiner Scheidung neu ordnete, landete er auf dem vierten Platz - mit einem „eindimensionalen Spiel“. wie Woods es nannte.
Nicht nur die Arbeiten an seiner Golfbewegung scheinen jetzt abgeschlossen, jetzt spielt ein Mann, der nicht nur seinen Familienstand, sondern auch noch seinen Caddie (Joe LaCava statt Steve Williams), seinen Schwungguru (Sean Foley für Hank Haney) und seinen Wohnort (von Orlando nach Jupiter Island) gewechselt hat. Damit scheinen die 863 Tage vergessen, die seit dem letzten offiziellen Turniersieg (Australian Masters in Melbourne) des mittlerweile 36 Jahre alten Amerikaners ins Land gegangen sind, verdrängt die vielen Turniere, in denen Woods mit seinen Abschlägen wild streute und sich verzweifelt mühte, das verlorengegangene Feingefühl auf den letzten Metern zum Loch wiederzufinden.
„Welcome back, Tiger“
Bei seinem siebten Sieg beim Turnier der mittlerweile 82 Jahre alten Golflegende Arnold Palmer passte bei Woods wieder alles zusammen: Er schlägt den Ball wieder so weit wie die „Längsten“ auf der Tour, er kann den Ball wieder mit jeder gewünschten Flugbahn steuern - und auch der Putter, einst der Schläger, der Woods immer dann rettete, wenn er in Bedrängnis geriet, scheint wieder zu kooperieren. Vergessen auch, dass der Mann, der als Führender einst alle Konkurrenten in eine Schreckstarre zu versetzen schien, sich noch im Februar von Robert Rock, einem Mitläufer auf der European Tour, bei der Abu Dhabi Championship im direkten Zweikampf von Rang eins verdrängen ließ. Niemand zweifelt öffentlich mehr daran, ob das viermal operierte linke Knie der extremen Belastung von Profigolf standhält - und das, obwohl Woods noch vor vier Wochen wieder einmal verletzt ein Turnier abbrach. Als er nach einem Monsterdrive von 315 Metern am zehnten Loch des WGC-Turniers in Miami den Platz vorzeitig verließ, schien es, als spiele sein Körper nicht mehr mit. Eine paar Tage später gab er Entwarnung. Es sei nur eine leichte Zerrung der Achillessehne gewesen.
Die Golffreunde haben Woods längst verziehen. Sie kümmern seine außerehelichen Eskapaden, die nach seinem leichten Autounfall am 27. November 2009 für Monate für Schlagzeilen der Boulevardpresse und eine viermonatige Auszeit vom Golf mit einer Therapie gegen seine Sexsucht sorgten, schon lange nicht mehr. Als er am vergangenen Sonntag am 18. Grün ankam, skandierten die Zuschauer begeistert „Welcome back, Tiger“.
Der Geiz von Woods ist außerordentlich
Tiger Woods ist und bleibt ein Phänomen. Mögen sich auch einige Sponsoren zurückgezogen haben, kein anderer Golfer zieht die Massen so in den Bann wie Woods. Als er das Masters 2005 zum letzten Mal gewann, sahen in den Vereinigten Staaten zwölf Prozent aller Haushalte zu. Sollte Woods auch am kommenden Wochenende im Vorderfeld mitspielen, rechnet der übertragende Sender CBS schon damit, die Rekordmarke von 2005 zu übertreffen. Denn in den letzten Wochen drehen sich alle Schlagzeilen um Woods, vor allem um das Buch, in dem sein ehemaliger Golflehrer Hank Haney über die sechs Jahre (2004 bis 2010) mit Woods berichtet. Haney zeichnet kein positives Bild von seinem einstigen Musterschüler. Woods sei ein selbstsüchtiger Egozentriker, besessen von seinem Streben nach Perfektion, ein Mann, der wenig Rücksicht auf seine Mitmenschen nehme. So mussten bei gemeinsamen Essen alle ihr Mahl beenden, wenn Woods aufstand.
Auch der Geiz von Woods ist außerordentlich: Obwohl Haney rund hundert Tage im Jahre für Woods arbeitete und ansonsten rund um die Uhr für Anrufe erreichbar sein musste, entlohnte der erste Milliardär der Sportgeschichte den 56 Jahre alte Golflehrer nur mit 50 000 Dollar im Jahr, für die sechs Major-Siege während der gemeinsamen Zeit gab es zusätzlich noch jeweils eine Prämie von 25 000 Dollar. Während Woods damit wenigstens den Anteil seines Trainers an großen Siegen anerkannte, schob er die Schuld für Misserfolge Haney zu. Er strafte ihn danach immer mit Missachtung.
Haneys Buch kam am Dienstag auf den Markt. Woods hat sich bisher nicht zum Inhalt geäußert, das Werk sei es nicht wert, damit seine Zeit zu verschwenden. Immerhin widersprach Manager Mark Steinberg, der einzig Verbliebene aus dem engsten Kreis von Woods, Haneys Behauptung, Woods habe sich seine letzte schwere Knieverletzung (Kreuzbandriss und Ermüdungsbruch im Schienbein) bei einer seiner insgesamt sechs Trainingseinheiten mit der Elitetruppe der amerikanischen Marine, den Navy SEALS zugezogen. Ob Woods wirklich, wie Haney schreibt, zeitweise erwog, seine Golflaufbahn zu beenden, um einer der rund 2500 SEALS zu werden, steht unwidersprochen im Raum. Nicht auszudenken, er hätte den Job als Golfprofi aufgegeben. Die vergangenen Wochen haben gezeigt: Nach wie vor gibt es keinen anderen Golfer, vielleicht nicht einmal einen anderen Athleten, der seinen Sport so dominiert wie Woods.
Reflexe
Roman Szemetat (Romanzabal)
- 05.04.2012, 10:35 Uhr