11.08.2008 · Die 90. PGA Championship ging an den Iren Padraig Harrington. Viel bemerkenswerter als der Sieg in der Nähe von Detroit war aber die Art und Weise wie der Ire die Konkurrenz in Schach hielt - im Stile eines Tiger Woods.
Von Wolfgang SchefflerNicht nur Ben Curtis kam die Schlussphase bekannt vor: „Es war wie bei Tiger“, sagte der amerikanische British-Open-Sieger von 2003, nachdem ihm Padraig Harrington am Sonntag den Sieg bei der 90. PGA Championship entrissen und ihn gemeinsam mit dem Spanier Sergio García mit zwei Schlägen Rückstand auf den zweiten Platz verwiesen hatte. In der Tat, wie der 36-jährige Ire insbesondere auf den drei letzten Löchern des Südplatzes des Oakland Hills Country Club in Bloomfield Township bei Detroit agierte, erinnerte an den nach seiner zweiten Knieoperation in diesem Jahr fehlenden Woods.
Wie der Golfprofi aus Dublin Putt nach Putt mit tödlicher Sicherheit lochte, wie er nach einem brillanten Schlag mit einem Eisen 5 aus drei Metern Entfernung am extrem schweren 17. Loch (Par 3, 199 Meter) zum Birdie im Loch versenkte und damit seinen Mitspieler Sergio García schockte, der den Ball daraufhin aus 1,50 Meter vorbeischob. „In diesem Augenblick wusste ich, dass ich gewonnen hatte“, sagte der Sieger. Aber auch schon vor und nach diesem vorentscheidenden Putt wirkte der Weltranglistendritte souverän: Er rettete nach Fehlschlägen fast immer das Par. Am 18. Loch besiegelte er mit einem Par-Putt aus fünf Metern seinen dritten Major-Titel - all das wirkte wie ein perfekte Kopie der Raubzüge des Tigers bei den vier Traditionsveranstaltungen.
Padraig Harringtons Meilensteine der Golf-Geschichte
Und um die „Tiger-hafte“ Vorstellung komplett zu machen, schaffte Harrington auch noch etwas, was zuletzt Woods (2000, 2006) und in der Geschichte der vier Majors nur zwei weiteren Kollegen (dem Amerikaner Walter Hagen 1924 und dem Zimbabwer Nick Price 1994) gelungen war: Er ließ seinem Triumph bei den British Open vor drei Wochen auch noch einen Erfolg bei der Meisterschaft der Professional Golfers' Association of America (PGA) folgen.
Aber damit nicht genug der Meilensteine: Harrington ist der erste Europäer überhaupt, der zwei der vier Saisonhöhepunkte in Folge gewann. Er ist nach 78 Jahren der erste Europäer nach dem Schotten Tommy Armour (1930), der die Wannamaker Trophy und den Siegespreis von diesmal rund 750.000 Euro mit nach Hause nimmt. Harrington hat zudem von den letzten sechs Majors drei gewonnen, eine Erfolgsquote, die bisher Woods vorbehalten schien.
„Es gibt Spieler, die in solchen Phasen Glück haben“
Mit anderen Worten: Harrington ist ein würdiger Champion, viel mehr als ein guter Stellvertreter für den Rekonvaleszenten Woods. Am Sonntagmorgen, als die wegen Gewittern am Vortag unterbrochene dritte Runde wiederaufgenommen wurde, hatte er noch sechs Schläge Rückstand auf den Spitzenreiter. Mit zwei vorzüglichen Runden von 66 Schlägen - am Sonntag spielte er 28 Löcher in acht unter Par - rollte er das Feld auf und ließ wie schon im Stechen der British Open 2007 in Carnoustie im direkten Zweikampf auch García keine Chance - und das, obwohl er nach neun Löchern der Schlussrunde noch drei Schläge hinter García gelegen hatte. Der 28-jährige Spanier bleibt mit einer Bilanz von 0:38 bei den vier Großereignissen der schwache Trost, dass er als Weltranglistenvierter als der mit Abstand beste Profi ohne Major-Sieg gelten darf.
Wie in der Vergangenheit fehlte ihm in der entscheidenden Phase das nötige Quentchen Glück, vielleicht auch das Feingefühl, vielleicht im Gegensatz zu Harrington auch die felsenfeste Überzeugung, dass dies sein Tag sei. Mit einem Schlag ins Wasser am 16. Loch ließ er Harrington gleichziehen, mit dem verfehlten Putt am 17. Loch überließ er erstmals Harrington die alleinige Führung. „Es gibt Spieler, die in solchen Phasen Glück haben. Sie spielen um den Sieg bei einem Major, und da läuft es einfach für sie“, sagte García, der bisher nicht zu diesem Kreis gehörte.
Hat er nur das Vakuum des Tiger Woods gefüllt?
Harrington, ein gelernter Buchhalter, dagegen hat sich zwar erst spät zu einem Mann gewandelt, der, den Sieg einmal vor Augen, sich durch nichts mehr aus der Bahn werfen lässt. Er erzählte, wie sehr ihm die Nervenschlacht auf den zweiten neun Löchern der Schlussrunde eines Majors liegt, wie sehr ihn diese von vielen gefürchtete Nervenprobe beflügelt. „Ich liebe diese Schlussphase so sehr, dass ich es kaum erwarten kann, bis das nächste Major ansteht.“
Eine Aussage, die so ähnlich auch Woods in der Vergangenheit von sich gegeben hatte. Das nächste Major findet mit dem Masters in Augusta Anfang April 2009 statt. Und dann wird auch Woods höchstwahrscheinlich wieder mitspielen. Dann steht für Harrington der ultimative Test an. Vielleicht wird auch dann auch die Frage beantwortet: Ist Harrington jetzt ein echter Herausforderer des großen Dominators, oder hat er nur die Gunst der Stunde genutzt und das Vakuum gefüllt, das der verletzte Tiger hinterließ?