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Schefflers Golf-Kolumne Der 10.000-Stunden-Plan

 ·  Das Experiment eines sportlichen Anfängers: Bis vor kurzem hat Dan McLaughlin noch nie einen Golfschläger in der Hand gehabt. Jetzt will er Profi werden und sogar ein PGA-Turnier gewinnen.

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© thedanplan Vergrößern Talent wird überschätzt: „Ich habe mir Golf ausgesucht, um diese These zu beweisen“

Dan McLaughlin hat alles aufgegeben: seinen Job als Industriefotograf, seine Hobbys, zwei Freundinnen, die ihn wegen seiner Obsession verließen - und wie Kritiker spotten, hat er zudem noch seinen Verstand und jeglichen Blick für die Realität verloren. Der Amerikaner aus Portland (Oregon) begann am 5. April 2010 „The Dan Plan“ - ein Experiment, das nicht nur verrückt klingt, sondern auch noch einen wahnsinnigen Aufwand erfordert: Nach 10.000 intensiven Trainingsstunden, jeweils sechs Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche, sechs Jahre lang, will er, der bei Beginn seines Unterfangens 30 Jahre alt war und noch nie eine Runde Golf absolviert hatte, im Jahr 2016 als Profi auf der PGA Tour spielen. Nicht nur das: Er will auf der lukrativsten Turnierserie der Welt sogar gewinnen.

„Ich weiß, die Chancen dieses Ziel zu erreichen, sind astronomisch gering“, sagt er selbst. Mehr als sechzig Millionen Menschen spielen Golf in aller Welt, aber nur 200 tun das so gut, dass sie auf der PGA Tour viel, sehr viel Geld verdienen - der vorherrschenden Meinung nach alles besonders talentierte, vielleicht sogar begnadete Sportler, die von Kindesbeinen an dem komplexen Bewegungsablauf im Golf feilten und nach jahrelangem Training sowie unzähligen Turnieren unter Druck Höchstleistungen bringen können.

Doch seit McLaughlin die Bücher „Outliers“ (Ausreißer oder Sonderfall) von Malcolm Gladwell und „Talent is overrated“ (Talent wird überschätzt) von Geoff Colvin gelesen hat, in denen die Autoren die Thesen des in Florida lehrenden schwedischen Psychologie-Professors K. Anders Ericsson populär machten, glaubt er nicht mehr daran, dass man es nur mit besonderen Gaben zu Spitzenleistungen bringen kann.

Ungewöhnlicher Plan für ungewöhnlichen Schüler

Ericsson, ein Nichtgolfer, postuliert, dass es mindestens 10.000 Stunden in zehn Jahren an intensivem, wohlbedachtem Training bedarf, um zum Experten von Weltklasse zu reifen - egal, ob an einem Musikinstrument, als Aktienhändler oder im Sport. „Der Dan Plan ist interessant, weil er es in sechs Jahren schaffen will und noch niemand in so hohem Alter begonnen hat“, sagt Ericsson, der das Projekt mittlerweile wohlwollend begleitet.

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© thedanplan Vergrößern Job weg, Freundin weg, für Hobbys keine Zeit: Dan McLaughlin geht es gut

„Ich habe mir Golf ausgesucht, um diese These zu beweisen“, sagt McLoughlin, „weil jeder weiß, wie schwer Golf ist und man die Fortschritte an Hand der benötigten Schläge genau messen kann.“ Also suchte er sich einen Golflehrer, der ihn zunächst als Verrückten abtat, sich dann aber von der Hartnäckigkeit des damals leicht untergewichtigen Hänflings überzeugen ließ, der neben Golf seinen Körper im Fitness-Studio stählt, seine Website pflegt und so pro Tag auf rund zehn Arbeitsstunden kommt.

Die Ausbildung verlief rückwärts

Christopher Smith entwarf für seinen ungewöhnlichen Schüler einen noch ungewöhnlicheren Trainingsplan. Die Ausbildung von McLaughlin verlief praktisch rückwärts: vom Loch zum Abschlag. Die ersten fünf Monate verbrachte der Linkshänder seine täglichen Übungsstunden nur auf dem Grün. Erst als er aus jeder Entfernung das Niveau von Tour-Profis - zum Beispiel 93 Prozent aus einem Meter, 55,5 Prozent aus 1,50 Metern - fast erreicht hatte, durfte er sein Glück aus sich steigernden Distanzen versuchen - ein Übungsprogramm, das wahrscheinlich jeden anderen Golfanfänger, in die Flucht geschlagen hätte. McLaughlin hielt durch.

Erst im Juli 2011 durfte er erstmals ein Hybrid, heutzutage der Ersatz für die „langen Eisen“ 1, 2 und 3, schwingen. Im November durfte er mit einem kompletten Satz von 14 Schlägern eine Runde Golf spielen. In Bandon Dunes benötigte er 95 und 98 Schläge. Am vergangenen Samstag trat er erstmals bei einem offiziellen Turnier an: Mit 86 Schlägen schlug er sich achtbar, auch wenn er über seinem aktuellen Handicap von -8,7 blieb.

Zwei Kamerateams auf seiner Spur

Mehr als 2700 Stunden hat McLaughlin auf seinem Weg absolviert - und es zu einer gewissen Popularität gebracht. Weil er seine Fortschritte auf seiner Website „www.thedanplan.com“ akribisch in Blogs, Videos und umfangreichen, professionell aufbereiteten Statistiken, wie sie die PGA Tour für ihrer Spieler führt, dokumentiert, hat er nicht nur im Netz eine große Gemeinde gewonnen, die dieses Experiment verfolgt.

Viele Golfmedien, Tageszeitungen, große Fernsehsender wie CNN und sogar der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg haben über „The Dan Plan“ berichtet. Als McLaughlin vergangenen Woche erstmals bei einem Turnier antrat, verfolgten ihn zwei Kamerateams und ein Reporter der Nachrichtenagentur AP. Beim World Scientific Congress of Golf im März in Arizona stellte Golflehrer Smith das Projekt Wissenschaftlern aller Fachrichtungen aus aller Welt vor.

„Dann fange ich etwas Neues an“

Große Sponsoren oder Geldgeber hat McLaughlin das alles bisher noch nicht eingebracht. Auf seiner Website kann man zwar auch spenden, aber mehr als 4000 Dollar hat er bisher nicht eingenommen. McLaughlin, der sein Haus bisher schon mit 13 Untermietern teilte, lebt bescheiden, fährt, wenn immer möglich Fahrrad. Trotzdem rechnet er damit, dass seine Ersparnisse von 100.000 Dollar am Ende aufgebraucht sind. Immerhin hat er in Nike einen Förderer gefunden, der die Ausrüstung spendiert. Von Beginn an spielt er jene Eisen, die auch Tiger Woods benutzt, sogenannte Blades, die keinen Fehler verzeihen, aber mit denen Könner dem Ball leichter verschiedene Flugkurven mitgeben können.

Wie diese Geschichte ausgeht? Smith hofft, dass sein Schüler bis zur 10.000. Stunde durchhält: „Dann ist er wahrscheinlich bei Handicap 0 und kann mit einem Dokumentarfilm über das Projekt so viel verdienen, dass er mich bezahlen kann.“ McLaughlin ist optimistisch: „Sobald ich ein Turnier auf der PGA Tour gewonnen habe, höre ich mit Golf auf und fange etwas Neues an.“

Sein Leben ist der Golfplatz: Wolfgang Scheffler beobachtet die Welt zwischen Rough, Bunker und Grün und schreibt in der FAZ.NET-Golfkolumne über Sieger und Verlierer, Kurioses und Skurriles.

Quelle: F.A.Z.
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