Gerry Watson, den alle Welt nur „Bubba“ nennt, passt in kein Schema: ein Golfprofi, der nie in seinem Leben auch nur eine Trainerstunde genommen hat, der bis heute ohne Schwung-Guru auskommt, der sich gar weigert, seinen Schwung per Video analysieren zu lassen - und der so ganz anders spielt als alle anderen Kollegen. Der Linkshänder schlägt mit einer unorthodoxen Bewegung den Ball extrem weit, er ist einer der „Längsten“ auf der Welt.
Doch mehr noch als seine gewaltigen Abschläge, die er mit seinem grell pinkfarbenen Driver erreicht, zeichnet ihn eine andere Fähigkeit aus: Kein anderer Weltklassespieler steuerte den Ball mit solch extremen Flugkurven ins Ziel, mal von links nach rechts, mal von rechts nach links. „Ich spiele Golf, um wundersame Schläge zu machen. Ich bin einer, der Spaß haben will.“
Natürlich kann der Mann aus Bagdad (Florida) den Ball auch geradeaus losschicken, aber das bereitet eben keine Freude. „Es ist so auch leichter, den Ball so nahe ans Loch zu bringen, weil bei Profiturnieren die Fahne fast immer in einer Ecke des Grüns steckt“, erklärte er seine Freude an „Bananen-Bällen“. Im Gegensatz zu vielen Kollegen hat er immer die Fahne im Visier. „Ich spiele eben aggressiv“, sagt Watson - und dafür lieben ihn die Fans.
Seine Gabe für ungewöhnliche Luftnummern trug dem 33-jährigen Amerikaner am Ostersonntag den größten Erfolg seiner Karriere ein, den Sieg beim 76. Masters in Augusta - eine Entschädigung für die Niederlage im Stechen der PGA Championship vor zwei Jahren gegen Martin Kaymer.
Am Sonntag hatte Watson am zweiten Loch des Play-offs gegen den Südafrikaner Louis Oosthuizen seinen Abschlag tief in das Wäldchen verzogen, das rechts die zehnte Spielbahn des Augusta National Golf Clubs säumt.
„Ich war während der regulären Runden schon einmal dort“, sagte Watson, „ich wusste, was ich machen musste. Ich habe den Schlag genau in meinem Kopf gesehen.“ Er ließ den Ball mit einem Wedge aus 150 Metern fast vierzig Meter flach nach links aufs Grün und drei Meter ans Loch kurven - ein Hook für einen Linkshänder, ein Kunstschlag, den unter diesem extremen Druck wohl nur Watson so perfekt spielen konnte.
Das Masters gewann also wieder einmal ein Linkshänder, der fünfte bei den zehn letzten Austragungen des ersten Majors des Jahres - aber es war nicht der Linkshänder, den fast alle am Ende des ersten Major im grünen Sieger-Jackett erwartet hatten. Der dreimalige Masters-Champion Phil Mickelson, der mit einem Schlag Rückstand auf den Schweden Peter Hanson auf die Schlussrunde gegangen war und bei den Buchmachern in Las Vegas vor der Schlussrunde als 5:4-Favorit geführt worden war, musste sich mit zwei Schlägen Rückstand mit dem dritten Platz begnügen.
Er teilte sich diesen Rang mit seinem amerikanischen Landsmann Matt Kuchar, dem Engländer Lee Westwood und Hanson. Mickelson verspielte alle Chancen am vierten Loch, als er zwei Versuche benötigte, um seinen Ball mit herumgedrehten Schläger aus dem Gebüsch zu hacken. Von diesem Triple-Bogey, also sechs Schlägen an diesem Par-3-Loch, erholte sich der 41 Jahre alte Publikumsliebling nicht mehr.
Die Führung hatte zu diesem Zeitpunkt schon Oosthuizen übernommen, dem am zweiten Loch der seltenste Vogel im Golf, ein Albatross, gelungen war. An diesem 526 Meter langen Par-5-Loch bugsierte der British-Open-Sieger von 2010 den Ball aus 231 Meter mit einem Eisen 4 direkt ins Loch zu einem Double-Eagle, wie es die Amerikaner nennen, ins Loch; es war erst das vierte Albatross in der Geschichte des Masters.
Watson erlebte diesen Schlag aus nächster Nähe mit und hätte seinen Mitspieler am liebsten abgeklatscht. Erst am 16. Loch zog Watson gleich; und als Oosthuizen am zweiten Extra-Loch mit dem zweiten Schlag das Grün verfehlte und das Par nicht mehr retten konnte, hatte Watson den mit 1,1 Millionen Euro dotierten vierten Sieg seiner Profikarriere sicher. Er weinte vor Freude minutenlang in den Armen seiner Mutter. Seine Ehefrau Angie erlebte den Sieg ihres Mannes nur daheim am Fernsehschirm in Florida mit.
Als er bei der Sieger-Pressekonferenz die Gründe für die Abwesenheit seiner Frau erklärte, zeigte sich die andere Seite des Bubba Watson, die des tiefgläubigen Christen: „Als ich meine Frau kennen lernte, sagte sie mir sofort, dass sie keine Kinder bekommen kann. Ich habe ihr sofort gesagt, wenn es Gottes Wille ist, dass wir keine Kinder bekommen können, dann adoptieren wir eben.“
Nach vier Jahren haben die beiden vor zwei Wochen endlich ein Baby in ihre Familie aufnehmen können. Sie gaben ihrem Sohn den biblischen Namen Caleb. „Ich freue mich schon darauf, Windeln zu wechseln“, sagte Watson.
Wer diese Worte hörte, konnte kaum glauben, dass die Golffans Watson bisher vor allem als Komiker kannten. Der Hobby-Rapper hatte im Juni vorigen Jahres mit seinen Kollegen Ricky Fowler, Ben Crane und Hunter Mahan als „Golf Boys“ das Musik-Video „Oh, oh, oh“ produziert, das auf YouTube schon mehr als drei Millionen Mal angeklickt worden ist. Watson zeigt bei diesem Auftritt seine stark behaarte Brust und springt nur mit einer Latzhose bekleidet herum.
Am Abend des Ostersonntags trug er ein grünes Jackett, ein Kleidungsstück, das nur den großen Meistern des Spiels vorbehalten ist - und eines, das Watson nun jedes Jahr beim Masters tragen darf.