Home
http://www.faz.net/-gub-16ibl
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schachweltmeister Anand „Rammstein als Ausgleich gebraucht“

27.05.2010 ·  Die Schach-WM als Kraft- und Nervenprobe: Noch immer ist der Weltmeister gezeichnet vom Kampf gegen Wesselin Topalow. Viswanathan Anand im Gespräch mit Alexander Armbruster über Weltklasse-Berater, Krisensitzungen und Dr. House.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Die kommenden zwei Monate werden Sie in Indien verbringen, in Ihrer Heimat. Was machen Sie in dieser Zeit?

Zunächst natürlich feiern und endlich Urlaub. Danach möchte ich aber auch dabei helfen, dass Schach in Indien populärer wird, dass es an Schulen unterrichtet wird und auch dort in kleineren Städten und im Norden häufiger gespielt wird. Momentan spielen rund 200.000 Schüler in Wettbewerben, und wir möchten, dass das eine Million werden.

. . . denn wenn schon der erste indische Großmeister gleich Weltmeister wird, muss dort viel Potential sein.

Das haben Sie gesagt.

Sind Sie sehr erleichtert, dass der lange Kampf von Sofia gegen Topalow hinter Ihnen liegt?

Ja. In der Tat war dieses Match das spannendste und härteste, das ich jemals um die Schachweltmeisterschaft gespielt habe. Kein anderes ging bis in die letzte Runde, in keinem anderen war bis zum Schluss alles offen.

Außerdem mussten Sie bei einem Punktestand von 5,5 zu 5,5, nach je zwei Siegen und sieben Remis, in der letzten Runde die schwarzen Figuren führen und wussten, wenn Ihr Herausforderer seinen Weißvorteil nutzt, dann gewinnt er nicht nur die zwölfte Partie, sondern das gesamte Duell.

Der Druck war sehr groß, vor allem, weil ich in den Runden zuvor einige Chancen nicht nutzen konnte und bis zu diesem Zeitpunkt weder Topalow noch ich in diesem Wettstreit mit Schwarz mehr erreicht hatten als ein Unentschieden.

Wenn man sich den Matchverlauf anschaut, ist er einer Achterbahnfahrt vergleichbar. Es gab Phasen, während der viele professionelle Beobachter kaum bezweifelten, dass Sie sich am Ende würden durchsetzen können. Aber in der Auftaktrunde brachte Topalow Ihnen eine krachende Niederlage bei.

Die erste Runde war wirklich schlimm, und zwar gar nicht so sehr, weil ich einen Punkt verlor. In der ersten Runde eines Zweikampfes geht es emotional immer darum, einen guten Eindruck zu machen, und das ist mir gründlich misslungen.

Der Ausgleich gelang Ihnen dann überraschend schon einen Tag später.

Das war natürlich ein Traum. Zwar sollte in einem auf zwölf Runden angelegten Match nicht durch eine Niederlage alles vorbei sein, aber dieser Sieg erleichterte viel. Er war für die eigene Moral sehr gut. Das hat sich auch auf die folgenden Runden drei bis fünf ausgewirkt, in denen ich tendenziell mehr Druck machen konnte.

Sie lagen dann mit einem Punkt in Führung. Wieso wendete sich das Blatt dann noch mal?

Nun, Topalow hatte offensichtlich vor allem sein Schwarzspiel verbessert in der Zeit zwischen den Spielen; er machte nun auch als Nachziehender Druck. Außerdem verpasste ich einige Torchancen. Und schließlich gelang ihm mit einem Sieg in der achten Runde sogar der Ausgleich. Während dieser Zeit und bis zur letzten Runde war eher er am Drücker. Auch wenn ich keinen Punkterückstand aufzuholen hatte, war es einfach kein gutes Gefühl alles in allem.

Ihrem Stab haben im Wesentlichen dieselben Schachgroßmeister angehört wie vor zwei Jahren, als Sie in Bonn Ihren Titel gegen Wladimir Kramnik verteidigten. Auch das norwegische Supertalent Magnus Carlsen hatte Sie damals während der Vorbereitungszeit ab und an unterstützt. Diesmal auch?

Ja, Carlsen war einer meiner Sparringspartner im Vorfeld des Topalow-Matches. Gegen ihn habe ich viele Trainingspartien gespielt und unsere neuen Ideen praktisch erprobt - und dabei auch testen können, ob ich alle Zugfolgen richtig behalten habe.

Hatten Sie weitere Unterstützung?

Vor dem Wettkampf meldete sich Garry Kasparow und fragte, ob er ein bisschen helfen kann.

Wie bitte, er ist von sich aus auf Sie zugekommen?

Ja, wir haben über Skype miteinander gesprochen. Ich habe ihm dann einige Varianten erzählt, die ich spielen möchte, und er hat seine Meinung dazu gesagt. Außerdem haben wir etwas über Wettkampf-Strategie gesprochen. Während des Matches in Sofia rief mich dann außerdem Wladimir Kramnik an; auch er wollte mich unterstützen.

War das gut?

Seine Ideen waren unglaublich hilfreich. Ich weiß nicht einmal, ob es so eine Unterstützung in der Schachgeschichte schon gegeben hat. Carlsen ist aktuell Weltranglistenerster, Kramnik ein ehemaliger Weltmeister und Kasparow der bisher beste Schachspieler überhaupt.

Wann hatten Ihre Mitarbeiter in Sofia am meisten zu tun?

Oh, sie hatten das ganze Match über sehr viel Arbeit, glaube ich. Oft waren sie bis spät in der Nacht wach, auch während ich geschlafen habe, haben Varianten analysiert und dabei entweder nach neuen Ideen gesucht oder bestehende Probleme gelöst. Einmal saßen einige von ihnen sogar bis morgens um sieben an den Rechnern - eben immer so lange, bis wir alle Sorgen unter Kontrolle hatten.

Wie war denn der normale Tagesablauf für Ihr Team während des Matches?

Meistens haben wir uns zum Frühstück das erste Mal getroffen. Dabei haben wir vor allem über das direkt anstehende Spiel gesprochen. Dann habe ich gespielt, und meine Mitarbeiter haben geschlafen. Nach den Runden haben wir dann meist bis gegen null Uhr zusammen gearbeitet - und dann mein Team so lange weiter wie nötig. Wir haben viel Musik gehört, auch während der Arbeit, weil meine Mitarbeiter das mögen.

Was hören Sie gerne?

Ich mag Coldplay, U 2 und die Pet Shop Boys. Wir haben diesmal aber auch viel Rammstein gehört. Manche der von mir ausgewählten Zugfolgen waren so unaufgeregt, dass wir zum Ausgleich einfach laute Musik gebraucht haben. Zum Entspannen haben wir abends außerdem manchmal Fernsehen geschaut, Episoden von Dr. House zum Beispiel.

Ist es für einen Schachspieler eigentlich gut, sich manchmal wie Dr. House zu benehmen - ohne Emotionen und stark auf sich selbst bezogen?

Während des Matches ist keine Zeit für überbordende Nettigkeiten. Zunächst müssen Sie das Spiel gewinnen, danach können Sie Leuten Antworten geben und erklären, was Sie wann und warum getan haben, und sich bedanken. Um in dem Bild zu bleiben: Wenn ein Arzt einen Patienten operiert, dann geht es schlicht und alleine darum, dass das gut verläuft und um nichts anderes.

Das Gespräch führte Alexander Armbruster.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Zeit für Bekenntnisse

Von Rainer Seele

Kein Schlussstrich unter der Akte Ullrich: Der ehemalige Radprofi ist in seiner eigenen, eigenartigen Welt gefangen. Jetzt steht er offiziell als Dopingsünder da. Mehr 1