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Dame, König, Kickback : Korruption im deutschen Schachbund?

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Dirk Jordan, dem Dresdner Organisator von Schachturnieren, wird Korruption vorgeworfen. Bild: dpa

Der deutsche Schachbund wirft Dirk Jordan vor, durch jahrelange Kickback-Zahlungen Geld in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Korruption spielt gegenwärtig aber nicht nur im deutschen Schach eine besondere Rolle.

          Eigentlich war Dirk Jordan auserkoren, die deutsche Schachmeisterschaft von 2019 an auf ein neues Niveau zu hieven. Nun soll die am Sonntag in Dresden zu Ende gegangene Meisterschaft seine letzte Veranstaltung für den Deutschen Schachbund gewesen sein. Mit der erbärmlichen Besetzung und dem Preisgeld, das niedriger lag als bei einem gleichzeitig ausgetragenen Frauenturnier, hat die jähe Trennung nichts zu tun. Die neue Verbandsführung wirft Jordan vor, bei der von ihm seit 2001 ehrenamtlich für den Schachbund organisierten Serie „Deutsche Schach-Amateurmeisterschaft“ Kickbacks von den Hotels kassiert zu haben.

          Auch für die deutsche Seniorenmeisterschaft im Juli in Hamburg dealte der Schachunternehmer nach Darstellung der Verbandsführung mit dem Hotel. Bei der Siegerehrung überraschte Schachbundpräsident Ullrich Krause die Teilnehmer mit der Nachricht, dass ihnen 12 Prozent ihrer Zimmerrechnung zustehen.

          Krauses Vorgänger hatten den dynamischen Dresdner Jordan, der den Verband mit Sponsoren und Ideen versorgte, schalten und walten lassen. Bei mehr als hundert Turnieren mit meist mehreren hundert Teilnehmern soll über die Jahre ein sechsstelliger Betrag undeklarierter Provisionen geflossen sein. Sie gingen demnach nicht direkt an Jordan, sondern als „Spenden“ an Vereine, die er kontrollierte, aber dem Schachbund unbekannt waren und auch sonst nicht in Erscheinung traten. Diese Vereine sollen bei Firmen, die Jordans Familie gehören, eingekauft und ihnen Aufwandsentschädigungen ausgezahlt haben. Mit den Vorwürfen konfrontiert, will Jordan keine Stellung nehmen mit Rücksicht auf einen möglichen Vergleich mit dem Schachbund. Das beschriebene Geschäftsmodell soll der Unternehmer schon bei der Schacholympiade 2008 praktiziert haben. Am Ende brachten Privatunternehmen einen geringen Bruchteil auf, und die Steuerzahler sprangen mit vier Millionen Euro für die Veranstaltung ein, von der dann Unternehmen der Familie Jordan profitierten.

          Der feine Unterschied normaler und anormaler Verquickungen

          Verquickungen zwischen Ehrenämtern und finanziellen Interessen sind im organisierten Schach häufig. Oft beschränkt es sich darauf, dass Funktionsträger bezahlte Aufgaben als Schiedsrichter, Organisatoren oder Trainer unter ihren Freunden aufteilen. Aber Jordans Geflecht aus Funktionen, Firmen und Vereinen nahm ein derartiges Ausmaß an, dass nicht länger weggeschaut, sondern endlich offen diskutiert wird.

          Vor den Anfang Oktober anstehenden Wahlen im Weltschachbund (Fide) ist Korruption auch international derzeit das Thema Nummer eins. Georgios Makropoulos, der den abgesetzten Kirsan Iljumschinow als Fide-Präsident abgelöst hat, und sein Herausforderer Arkadi Dworkowitsch beschuldigen sich gegenseitig des Stimmenkaufs. Der Russe, der bis vor kurzem stellvertretender Ministerpräsident und danach Organisationschef der Fußball-WM war, lud afrikanische Fide-Delegierte in die Stadien ein. Präsident Putin soll den israelischen Premier Netanjahu bedrängt haben, dass der israelische Schachverband für Dworkowitsch stimmt. Im serbischen Verband soll aufgrund russischer Sponsorenverträge der Fide-Delegierte ausgetauscht worden sein.

          Dagegen umwirbt Makropoulos die nationalen Verbände mit Posten in einem aufgeblähten Apparat von Gremien und Kommissionen. Empfänglich dafür zeigt sich auch der Deutsche Schachbund: Seinem früheren Präsidenten Herbert Bastian ist eine neue Kommission für Schachgeschichte versprochen worden. Dem früheren Geschäftsführer Horst Metzing will Makropoulos zur Wahl in den künftigen Fide-Vorstand verhelfen. Amtsinhaber haben noch weitere Waffen im Kampf um den Machterhalt: offizielle Wettbewerbe, Auszeichnungen, Titel, die Nominierung von Schiedsrichtern und nicht zuletzt die Verteilung des 1,3 Millionen Euro schweren Reisekostenbudgets für die in der georgischen Schwarzmeerstadt Batumi anstehende Schacholympiade, während der gewählt wird.

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