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Schachgenie Garri Kasparow : Zug um Zug

  • -Aktualisiert am

Mal scharf nachgedacht: Garri Kasparow in der Partie gegen Sergei Karjakin Bild: AFP

„Bitte urteilt nicht so scharf“: Das Schachgenie Garri Kasparow gibt mit 54 Jahren ein kurzes Comeback. Er fordert die Weltklasse – und hat doch andere Ziele.

          Garri Kasparow kann es noch. Die ersten Schnellschachtage der Grand Chess Tour in St. Louis hat der mit einer Wildcard ausgestattete frühere Weltmeister mit nur einer Niederlage überstanden. „Überlebt“, wie er es selbst nannte. Ziemlich zufrieden sei er mit seinem Spiel und auch mit seinem Resultat: Fünf Remis in sechs Partien gegen Weltklassespieler von heute, nur gegen den Russen Jan Nepomnjaschtschi hat er verloren. Viel mehr hatte er sich angesichts seiner Anspannung gar nicht erst vorgenommen.

          „Ich musste mich erst mal an die Atmosphäre gewöhnen. Ich war sehr nervös“, sagte Kasparow, der zwischen den Runden abgeschirmt wird und im „Schachklub und Schulschachzentrum St. Louis“ über einen eigenen Rückzugsraum verfügt. Druck machen und Spiele gewinnen will er in den nächsten Tagen. Auf zunächst neun Partien mit je 25 Minuten Bedenkzeit folgen gegen dieselben Gegner je zwei Fünf-Minuten-Spiele. Kasparow ist 54 Jahre alt, seine neun Konkurrenten sind im Durchschnitt ein Vierteljahrhundert jünger. „Bitte urteilt nicht so scharf über mein Spiel!“, wird er auf Chess.com zitiert.

          Es hätte auch gleich schiefgehen können. Sein erster Gegner hieß Sergei Karjakin, ein erklärter Anhänger des russischen Präsidenten Putin, den Kasparow bei jeder Gelegenheit öffentlich kritisiert. Nach 17 Zügen schien der in New York lebende ehemalige Weltmeister ratlos. Fast die Hälfte seiner Bedenkzeit ließ er verrinnen, bevor er sich mit einer Folge zurückhaltender Züge auf eine für ihn etwas schlechtere Stellung einließ. Diese aber hielt er zusammen.

          Spektakel an anderen Brettern

          Gegen Hikaru Nakamura lief es zunächst besser. Kasparow konnte seine beiden Springer gegen die Läufer des Amerikaners abtauschen. Die Möglichkeiten des somit eroberten Läuferpaars überschätzte er allerdings und opferte unnötig einen Bauern. Danach verteidigte Kasparow geduldig ein weiteres Remis. Sein dritter Gegner, der Kubaner Lenier Dominguez, setzte ihm einen vorbereiteten neuen Zug vor, der fast zwangsläufig Vereinfachungen in eine banale Remisstellung nach sich zog. Es waren keine perfekten, aber durchaus gute Partien. Spektakulärer ging es an den Brettern von Lewon Aronjan und Le Quang Liem zu, die nach je zwei Siegen und einer Niederlage das Feld zusammen mit Jan Nepomnjaschtschi und Fabiano Caruana anführen.

          Kasparow auf der Internetkonferenz re:publice in Berlin: Auch mit hochdotierten Vorträgen verdient der ehemalige Schachweltmeister sein Geld.
          Kasparow auf der Internetkonferenz re:publice in Berlin: Auch mit hochdotierten Vorträgen verdient der ehemalige Schachweltmeister sein Geld. : Bild: dpa

          Doch die ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich an diesem Tag auf Kasparow. Schließlich bestritt er seine ersten offiziell gewerteten Partien, seit er vor zwölf Jahren und fünf Monaten am Ende eines Turniers im spanischen Linares seinen Rückzug vom Profischach erklärt hatte. Ganz losgelassen hat er allerdings nie. Er coachte den heutigen Weltmeister Magnus Carlsen, als der Norweger mit 19 Jahren erstmals die Weltranglistenspitze eroberte. Zwischenzeitlich war Kasparow Trainer von Nakamura, aktuell trainiert er den amerikanischen Jugendkader.

          Er trat in Schaukämpfen gegen Weggefährten wie Anatoli Karpow und Nigel Short an – und einmal auch in einem Schnellturnier zu Ehren von Viktor Kortschnoi. Seine Resultate ließen nie zu wünschen übrig. Selbst in einem Blitzvierkampf im vergangenen Jahr in St. Louis gegen die drei amerikanischen Weltklassespieler Nakamura, Fabiano Caruana und Wesley So behauptete er sich, und die Kommentatoren raunten damals, dass Kasparow dabei eigentlich das beste Schach gezeigt hatte.

          Dem Schach nie abhanden gekommen

          Außerdem verfasste er eine hervorragende Buchserie über seine Weltmeister-Vorgänger und das moderne Schach. Daneben gibt er Simultanvorstellungen, oft in Verbindung mit den hochdotierten Vorträgen, von denen er lebt. Und er genießt es, wenn er bei Spitzenturnieren als Gastkommentator eingeladen ist. So wie in der vergangenen Woche, als in St. Louis zunächst ein Turnier mit klassischer Bedenkzeit ausgetragen und von Maxime Vachier-Lagrave vor Carlsen gewonnen wurde. Der Franzose, der sich dabei auf den zweiten Weltranglistenplatz schob, und der Norweger führen die Gesamtwertung der Grand Chess Tour an, pausieren aber nun beim Schnell- und Blitzturnier in St. Louis.

          Die Turnierserie ist Kasparows Idee. Geboren wurde sie 2014, als er mit Unterstützung des Schachmäzens Rex Sinquefield aus St. Louis für die Präsidentschaft des Weltschachbunds kandidierte. Die Aufmerksamkeit rund um sein „Comeback“ kann die Grand Chess Tour nun gut gebrauchen. Wenn man den Begriff „Comeback“ überhaupt bemühen mag, so ist es ein sehr begrenztes Comeback. Kasparow stellte klar, dass er sein Preisgeld spenden werde und von Samstag an wieder Profi im Ruhestand sei.

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          Allerdings kündigt sich ein anderes Comeback an. Seit seiner krachenden Wahlniederlage gegen den Weltschachpräsidenten Kirsan Iljumschinow schweigt Kasparow zur Schachpolitik. Viele vermuten, dass er seine Finger im Spiel hatte, als Iljumschinow Ende 2015 auf eine Sanktionsliste des Schatzamts der Vereinigten Staaten geriet, weil eine ihm gehörende Bank Ölgeschäfte zwischen dem syrischen Regime und dem terroristischen „Islamischen Staat“ abgewickelt haben soll.

          Über Jahrzehnte stand der Chef der amerikanischen Schachverbände, Jorge Vega, wie ein Fels hinter Iljumschinow. Inzwischen fordert keiner im Weltschachbund so deutlich dessen Ablösung wie der kubanische Funktionär. Ende Juli kam Vega nach St. Louis und verkündete zusammen mit Kasparow „den Beginn neuer Beziehungen mit dem Weltschachbund“. Auch auf dem schachpolitischen Spielfeld ist mit Kasparow wieder zu rechnen.

          Quelle: F.A.Z.

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