11.05.2010 · Der Schach-Titel bleibt in Indien: Viswanatan Anand gewann die entscheidende Partie des WM-Duells in Sofia gegen Wesselin Topalow. Anand bewies dabei seine Nervenstärke und zeigte, dass er der flexiblere, komplettere Spieler ist.
Von Alexander Armbruster, SofiaViswanatan Anand bleibt Schachweltmeister. In der zwölften und letzten Runde des Zweikampfes zwischen ihm und dem aus Bulgarien stammenden Herausforderer Wesselin Topaow konnte er sich am Dienstagabend nach etwas mehr als viereinhalb Stunden und 56 Zügen durchsetzen. Noch vor dem Spiel lagen die beiden Kontrahenten mit jeweils fünfeinhalb Punkten Kopf an Kopf und der Vorteil eher auf Seiten des Herausforderers. Denn der durfte in der Schlussrunde die weißen Figuren führen und damit die Partie beginnen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sowohl er als auch Anand ihre beiden Siege alleine mit dieser Spielfarbe erzielt. Topalow wählte denselben Anfangszug wie in seinen vorangegangenen Weißpartien. Anand allerdings variierte sein Schwarzspiel zum dritten Mal während der laufenden Weltmeisterschaft. Er entschied für eine sehr alte Zugfolge, die für ihre Sicherheit bekannt ist, bekam aber nach einigen defensiven Manövern Topalows die Initiative - und behielt sie bis zum Schluss.
Mit seinen beiden Türmen kontrollierte er die einzige komplett offene Spiellinie und schlug damit eine Schneise in die Aufstellung seines Gegners. Der hatte zuvor seine eigenen Figuren relativ weit entfernt vom eigenen König postiert und konnte darum nicht verhindern, dass Anand dessen Schutzwall mittels Bauernopfer Stück für Stück niederriss. Alle schwarzen Figuren - die Türme, die Dame und der verbliebene Läufer - formierten sich schließlich zu einer einzigen Einheit und attackierten den weißen Monarchen. Der flüchtete bis an den Spielfeldrand und wurde dort unentrinnbar festgesetzt.
Diesmal zeigt Anand keine Schwäche
Topalow verwickelte die Stellung und fand einen Weg, dem drohenden Schachmatt zu entgehen. Dafür musste er schlussendlich jedoch seine Dame hergeben und in ein verlorenes Endspiel abwickeln. Die Partie war zu diesem Zeitpunkt aus seiner Sicht gelaufen, die Weltmeisterschaft verloren, die Chance, im eigenen Land die Krone des Schachs aufgesetzt zu bekommen, vertan. Dass er weiterspielte, war die letzte Hoffnung, der Weltmeister würde noch einmal danebengreifen und abermals den Sack nicht zumachen, in den er seinen Gegner bereits mehrfach verfrachtet hatte, aber jedes Mal herauskommen lies.
Doch diesmal zeigte Anand keine Schwäche. Als er schließlich drohte, mit einem seiner übrig gebliebenen Bauern auf die gegnerische Grundlinie zu marschieren und ihn dort in eine zweite Dame zu verwandeln, gab Topalow auf und fügte sich auch ganz formal in die Niederlage. Anand hat mit diesem Sieg seinen Weltmeistertitel zum zweiten Mal infolge verteidigt.
Mittlerweile beherrscht Anand die taktische Schlacht
Vor zwei Jahren, in Bonn, schlug er den aus Russland stammenden Großmeister Wladimir Kramnik deutlich. Diesmal musste er bis in die Schlussrunde, vor welcher der Ausgang des Matches überdies vollkommen offen war. Zwar gilt Anand als erfahrener und geduldiger als der fünf Jahre jüngere Bulgare. Auch konnte er in den meisten Spielen den Charakter der entstandenen Stellungen bestimmen. Seine Chancenverwertung war jedoch etwas schlechter, wodurch Topalow erst einen Rückstand aufholen und dann sogar mit dem Weißvorteil in die Schlussrunde gehen konnte. Dass er sie nicht zu nutzen vermochte, ändert nichts daran, dass auch er ein spielerisch würdiger Weltmeister gewesen wäre.
So bleibt der Titel in Indien und demonstrierte Anand abermals seine Nervenstärke und zeigte außerdem, dass er der flexiblere, komplettere Spieler ist, der (mittlerweile) die taktische Schlacht ebenso vorzüglich beherrscht wie das langatmige, strategische Stellungsspiel. Und der, auch wenn er am Brett sitzt, jederzeit eine einzigartig friedliche Ruhe ausstrahlt - ein Weltmeister mit Würde.