06.05.2010 · Die Schach-WM ist wieder ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Nach acht Partien steht es vier zu vier. Herausforderer Topalow gelang dabei nicht nur der Ausgleich. Der Bulgare will Weltmeister Anand nun abermals ärgern. Wie einst in San Luis.
Von Alexander ArmbrusterIm Jahr 2005 ereignete sich für die Schachwelt Erstaunliches: Garri Kasparow, der wie kein Zweiter vor ihm den Denksport dominierte, gab das Ende seiner Profi-Laufbahn bekannt. Der Weltschachverband (Fide) kündigte für den Herbst eine Schachweltmeisterschaft an, die zwischen den damals acht besten Schachspielern der Welt ausgespielt werden sollte. Nur der Russe Wladimir Kramnik sagte ab, weil er Kasparow im Jahr 2000 entthront hatte und beanspruchte, in einem Zweikampf seinen Titel verteidigen zu dürfen. Ein Nachrücker für das Superturnier war schnell gefunden.
Aus der Liga der außergewöhnlichen Schachgentlemen, die im Herbst in der argentinischen Stadt San Luis an die Bretter ging, stach schon nach wenigen Runden ein damals dreißig Jahre junger bulgarischer Großmeister heraus, der sich ob seiner aggressiven und kompromisslosen Spielweise längst einen Namen in der Schachwelt gemacht hatte. Er gehörte zur Weltspitze, Chancen, die WM zu gewinnen, wurden ihm ebenfalls zugestanden. Was Wesselin Topalow dann auf den 64 Feldern tatsächlich leistete, überstieg jedoch alle Erwartungen.
Der Turniermodus sah vor, dass jeder zweimal gegen jeden spielen sollte, also 14 Partien zu absolvieren hatte. Nach der Hinrunde führte Topalow das Feld mit 6,5 Punkten von maximal sieben möglichen an. Sechsmal gewann er, egal ob mit den weißen oder mit den etwas nachteiligen schwarzen Figuren. Häufig überspielte er sein Gegenüber in einem rasanten Start-Ziel-Sieg, sodass man am Ende bisweilen glaubte, schlicht Zeuge des natürlichen Partieausgangs geworden zu sein.
Runde neun ist an diesem Donnerstag, Anand hat Weiß
Ein Unentschieden erreichte gegen ihn in der Hinrunde nur einer - der Inder Viswanathan Anand. Zwar ging auch das zweite Aufeinandertreffen der beiden in San Luis unentschieden aus, und Anand belegte schließlich mit 8,5 Punkten aus 14 Partien den geteilten zweiten Platz. Klarer Sieger mit zehn Zählern auf dem Punktekonto wurde allerdings Topalow - spätestens seitdem ist er in seinem Heimatland ein Volksheld. Topalow verlor den Titel ein Jahr später in einem Zweikampf gegen Kramnik.
Nun hat er abermals die Chance, die Krone des Schachs aufgesetzt zu bekommen. Durch einen Sieg am Dienstagabend hat er das Duell gegen den seit drei Jahren amtierenden Weltmeister Anand wieder zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen gemacht. Nach acht Runden des auf zwölf Partien angelegten Zweikampfes steht es vier zu vier.
Topalow ist dabei nicht nur der Ausgleich gelungen. Er konnte zudem vorher zweimal dem Weiß-Aufschlag Anands standhalten, was ihm in den Runden zwei und vier nicht gelungen war und ihm den Rückstand eingebracht hatte, dem er bis zur achten Runde nachgelaufen war. Obwohl er am Dienstag deswegen unter Druck stand, behielt er mit den weißen Figuren seine bisherige Strategie bei und wählte dieselbe Eröffnungsvariante, mit der er zuvor nicht über ein Remis hinausgekommen war.
Auch Anand spielte bis zum 13. Zug so wie bisher, wich dann aber ab und erreichte zunächst eine Stellung, die viele Kommentatoren als ziemlich ausgeglichen einschätzten. Allerdings verbrauchte er wesentlich mehr Bedenkzeit als Topalow und geriet in einen kleinen, aber dauerhaften Nachteil. Ausgleichen konnte er ihn nicht mehr, sondern musste nach fünf Stunden und 56 Zügen aufgeben. Runde neun ist an diesem Donnerstag, Anand hat Weiß.