25.04.2010 · Die Schach-Weltmeisterschaft beginnt mit spektakulären Partien. Erst gewinnt Herausforderer Topalow, am Sonntag zieht Titelverteidiger Anand nach. Es wird spannend weitergehen.
Von Alexander ArmbrusterDas Auftaktspiel der Schach-Weltmeisterschaft in Sofia hat zweierlei bestätigt: Der Zweikampf wird spannend werden, nach zwei Spielen steht es 1:1, jedem der Konkurrenten gelang ein Sieg. Und Wesselin Topalow ist ein gefährlicher Herausforderer. Der Bulgare schlug Weltmeister Viswanathan Anand am Samstag nach nur 30 Zügen in einer spektakulären Partie, in der er erst einen Bauern und hernach einen Springer opferte, den Anand-König anschließend über das halbe Brett trieb und den Inder schließlich mit einer schönen Pointe zur Aufgabe zwang. Topalow sicherte sich damit nicht nur einen vollen Punkt in dem auf insgesamt zwölf Spiele angelegten Duell, sondern signalisierte zugleich, dass er offenbar hervorragend vorbereitet ist. Er selbst verbrauchte für alle seine Spielzüge nur knapp 40 Minuten, während Anand doppelt so lange überlegte – und schließlich trotzdem klein beigeben musste.
Was Spielverlauf und Ergebnis über die Weltmeisterschaft insgesamt aussagen, ist indes nicht klar. Denn Topalow führte die weißen Steine, die im Spitzenschach als vergleichbar mit dem Aufschlagrecht im Tennis gelten, hat aus dieser Perspektive also „nur“ seinen Aufschlag durchgebracht. Anand auf der anderen Seite führte die schwarzen Steine und eröffnete mit einer Zugfolge der sogenannten Gründfeld-Indischen Verteidigung. Aus dieser Spielweise entstehen üblicherweise verwickelte, taktisch hochkomplizierte Stellungen. Dass Anand diese Variante wählte – zumal in der ersten Partie – und dann auch noch mit Schwarz, enthält eine versteckte Schachbotschaft, die übersetzt etwa so lauten könnte: Ich bin Weltmeister und werde von Beginn an in der offenen Feldschlacht meinen Titel verteidigen.
Sein Herausforderer Topalow ist hingegen niemand, der diesen Kampf scheut. Der Bulgare ist ähnlich wie Anand ein schachlicher Allrounder, also jemand, der einerseits lange strategisch dominierte Abspiele beherrscht und der andererseits auch die schärfsten und gefährlichsten Zugfolgen nicht verweigert. Und er ist ein Spieler, der auch mit Schwarz auf Sieg spielt. Insofern unterscheidet er sich etwa vom Russen Wladimir Kramnik, gegen den Anand vor zwei Jahren in Bonn gewann, was unter anderem daran gelegen hatte, dass Kramnik mit Schwarz für den Inder vollkommen ungefährlich gewesen war.
Anand gut erholt
Ursprünglich hatte das Duell schon am Freitag beginnen sollen; allerdings konnte Anand nicht wie geplant von Spanien nach Sofia fliegen, sondern strandete am Frankfurter Flughafen aufgrund der Aschewolke. Dort sammelte er seinen Mitarbeiterstab und fuhr schließlich mit einem Bus rund vierzig Stunden lang in die bulgarische Hauptstadt. Um sich von der Reise zu erholen, bat er die Veranstalter, den WM-Beginn um drei Tage zu verschieben. Die Bulgaren um Topalow lehnten das ab, als Kompromiss wurde die erste Auseinandersetzung auf Samstagnachmittag verlegt.
In der zweiten Runde zeigte sich Anand von der Niederlage gut erholt und schlug, nun selbst die weißen Steine führend, zurück. In einem rund vier Stunden dauernden, eher ruhigen Positionsgefecht konnte er zunächst den Bewegungsspielraum seines Gegners stark einschränken, woraufhin dieser einen Bauern hergeben musste. Diesen kleinen Vorteil münzte Anand sicher in einen Sieg um und glich damit zum 1:1 aus. Das Bemerkenswerte an diesem Spielstand ist, dass – anders als in früheren WM-Zweikämpfen – diesmal beide Duellanten von Beginn an aggressiv aufspielen.