02.10.2006 · Bei der Schach-WM in Elista hat Wladimir Kramnik seine Ein-Punkte-Führung gegen Weselin Topalow behauptet. Die beiden Großmeister trennten sich am Montag in der ersten Begegnung nach der Toiletten-Affäre mit einem Remis.
Von Stefan LöfflerBei der Schach-Weltmeisterschaft in Elista hat Wladimir Kramnik (Rußland) seine Ein-Punkte-Führung gegen Weselin Topalow (Bulgarien) behauptet. Die beiden Großmeister trennten sich am Montag in der ersten Begegnung nach der Toiletten- Affäre mit einem Remis.
Die Punkteteilung wurde nach 31 Zügen vereinbart. Nach sechs Begegnungen führt Kramnik mit 3,3:2,5. Der Weltmeister im klassischen Schach spielte unter Protest, weil der Weltverband Fide die fünfte Partie aus formal juristischen Gründen für Topalow gewertet hatte.
Psychokrieg der Manager
Die an Skurrilitäten nicht arme Schachgeschichte ist seit Freitag um eine Episode reicher. Wesselin Topalow wartete am Brett vergeblich auf den ersten Zug, weil sein Gegner Wladimir Kramnik in einem Hinterzimmer blieb und dort wie ein trotziges Kind darauf beharrte, daß seine persönliche Toilette wieder aufgesperrt wird. Nachdem eine Stunde auf diese Weise verstrichen war, erklärte Schiedsrichter Geurt Gijssen Topalow zum Sieger. Endlich trat Kramnik aus seinem Kabuff und forderte die Neuansetzung der Partie.
Am Samstag wurde indes weder diese fünfte Partie wiederholt noch die eigentlich angesetzte sechste absolviert. Kirsan Iljumschinow, Präsident des Weltschachbundes (Fide) und Gastgeber der WM in der kalmückischen Hauptstadt Elista, unterbrach das Match, das vor einer Woche so vielversprechend mit zwei packenden Siegen Kramniks begonnen hatte. Der Russe und sein bulgarischer Widersacher galten bisher als untadelige Sportler, und an ihnen lag es von allen Beteiligten am wenigsten, daß eine Lappalie - das Recht auf einen persönlichen Waschraum - eskaliert ist. Den Psychokrieg haben ihre Manager eröffnet.
Abseits des Bretts kämpfen die Berater
Kramniks Interessen werden seit fünf Jahren von dem Dortmunder Carsten Hensel vertreten. Der frühere Sprecher der Dortmunder Schachtage hatte schon vor der Reise nach Kalmückien von möglichen Provokationen gesprochen und angekündigt, keinen Fingerbreit nachzugeben. Nicht nur mit der von Korruption und Chaos gezeichneten Fide hat Hensel schlechte Erfahrungen gemacht. Seit etwa einem Jahr ist er auch wiederholt mit Silvio Danailow, seinem Gegenpart auf Topalows Seite, aneinandergeraten.
Im November 2005 verhandelten sie über die Ausrichtung des WM-Kampfes in Bonn. Ob Hensel bluffte oder tatsächlich deutsche Sponsoren für die in Aussicht gestellten 1,3 Millionen Euro Preisgeld sicher hatte, wurde nie bekannt. Bereits seine Bedingung, das Match außerhalb der Verantwortung der Fide auszutragen, war von Danailow im Namen Topalows, der kurz zuvor das offizielle Titelturnier gewonnen hatte, abgelehnt worden. Während der vergangenen Monate schmiedete der Bulgare seinerseits eine Allianz der großen Einladungsturniere, die von 2008 an als „Grand Slam“ durch einen Prämientopf verbunden sein sollen - unter Ausschluß der Dortmunder Schachtage, denen Hensel noch als Berater verbunden ist.
War Kramnik fünfzig Mal im Waschraum?
Bis die von Hensel erwartete Provokation kam, lief das Match nach Maß für Kramnik. In der ersten beiden Partien hatte Topalow das Risiko zu hoch geschraubt, wobei er im zweiten Spiel mehrere Gewinnwege übersah. In den folgenden zwei Remispartien war Kramnik einem Sieg näher als Topalow. Zugleich wurde in der russischen Presse begierig aufgegriffen, daß der russische Cheftrainer Sergeij Dolmatow den Bulgaren des Betrugs bei seinem überlegenen WM-Sieg im vorigen Jahr bezichtigte.
Die Gelegenheit, den Psychokrieg abseits des Bretts zu erwidern, kam für Danailow, als er unter bislang ungeklärten Umständen die Videoaufzeichnungen aus Kramniks Rückzugsbereich in die Finger bekam. Laut Danailow sei dokumentiert, daß der Russe den von der Kamera nicht erfaßten Waschraum fünfzig Mal während einer Partie betrat. Ohne Kramnik explizit der Nutzung unerlaubter Hilfsmittel oder Kontaktaufnahme mit seinen Trainern zu verdächtigen, verfaßte Topalows Manager einen scharfen Protest. Wenige Stunden vor der fünften Partie verfügte das Schiedskomitee die Verriegelung der Waschräume in den persönlichen Ruhebereichen und verlangte, daß die Spieler fortan die gleiche Toilette zu benutzen hätten.
Punktsieg für Topalow im Toilettenstreit
„Es war eine geschickte Provokation von Danailow“, sagt der bulgarische Großmeister Ilja Balinow, der Topalow und dessen Entdecker seit Jugendtagen kennt. „Kramnik hätte darüber lachen sollen und anbieten, daß er seine Notdurft direkt am Brett verrichtet.“ Statt dessen forderte Hensel den Austausch des aus seiner Sicht parteiischen Komitees, dem der einst wegen Veruntreuung geschaßte und von Iljumschinow rehabilitierte Grieche Giorgios Makropoulos sowie der in manipulierte Turniere verwickelte Georgier Surab Asmaiparaschwili angehören. So stand das Match auf der Kippe.
Am Montag wurde die WM dann doch weitergeführt. Die fünfte Partie mußte nach Angaben der Fide aus formal juristischen Gründen für Topalow gewertet werden. Im Toilettenstreit wurden weitgehend die Forderungen des Kramnik-Lagers erfüllt. Beide Großmeister dürfen eigene Toiletten benutzen. Zudem wurde Kramnik für den Rest des WM-Duells der größere Ruheraum zugeteilt.