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Schach-WM Die Technologie des Weltmeisters

04.03.2010 ·  Viswanathan Anand bereitet sich auf die Weltmeisterschaftspartien gegen Wesselin Topalow vor - und liest mit Hilfe von Datenbanken die Schach-DNA des Gegners. Die größte Materialschlacht der Schachgeschichte ist in vollem Gange.

Von Alexander Armbruster
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In Bad Soden am Taunus sollen sie beim Bäcker Brötchen geholt haben. Der eine eher hager und schwarzhaarig und aus Usbekistan stammend. Der andere groß, meistens unrasiert und gebürtiger Däne. Dass die beiden dort waren, ist streng geheim. War streng geheim. Wäre wohl streng geheim geblieben, wenn nicht ein Bekannter sie dort zufällig gesehen hätte - als auch er gerade seine Brötchen holte. Geheim ist überhaupt das wichtigste Wort in ihrem Geschäft: Sie beraten Viswanathan Anand, schwarzhaarig, immer gut rasiert, Inder und aktueller Schachweltmeister. Und überdies einer, der Schachweltmeister bleiben will.

Vom 21. April dieses Jahres an muss Anand seinen Titel verteidigen gegen den Bulgaren Wesselin Topalow. Darauf bereitet er sich gerade vor, zusammen mit seinen Beratern, ein ganzer Apparat arbeitet akribisch daran, den Gegner zu besiegen. Denn: Wer Schachweltmeister werden oder bleiben will, muss sich im Kopf eine eigene Welt vorstellen können. Eine, die mit der real existierenden viel zu tun hat, weil es um Sieg und Niederlage, Macht und Ohnmacht geht. Und eine, die mit der real existierenden Welt überhaupt nicht übereinstimmt, weil sich alles Schachleben auf 64 Feldern abspielt, die Figuren entweder schwarz oder weiß sind und ihre Fähigkeiten in den Spielregeln strikt festgeschrieben stehen.

„Wie ein Projekt in der Industrie“

Ein gutes Vorstellungs- und Rechenvermögen allein reicht heutzutage aber nicht, wenn man ganz nach oben will. Auch im Schach geht es längst um mehr als um den Kampf Mensch gegen Mensch. Da prallen im wahrsten Sinne des Wortes Unternehmungen aufeinander, konkurrierende Denkmodelle, und die Spieler selbst sind in dieser Gemengelage die nach außen bekannten Köpfe, diejenigen, die eine in oft monatelanger Teamarbeit entstandene Idee präsentieren.

Wenn Anand eine Figur im richtigen Moment auf das richtige Feld stellt und die Schachwelt in Staunen versetzt, dann ist das ungefähr so, wie wenn Apple-Mitbegründer Steve Jobs sein neuestes I-Irgendwas vorführt und die Internetgemeinde ihm applaudiert. „Sogar eine Schachweltmeisterschaft funktioniert im Grunde wie ein Projekt in der Industrie“, sagt Hans-Walter Schmitt, der im Team Anand das Backoffice der internen Abläufe leitet.

Die Zugfolgen müssen auswendig beherrscht werden

Schach tatsächlich als eine Art Technologie begreifen zu können, ist Folge davon, dass leistungsfähige Computer und gewaltige Datenbanken mittlerweile unabkömmlich sind. Vielleicht mehr als alle übrigen Sportarten ist es beeinflusst worden vom digitalen Fortschritt. Noch in den fünfziger und sechziger Jahren versammelte jeder Spitzenspieler seinen Stab um ein physisch greifbares Spielbrett und besprach und analysierte gemeinsam bestimmte Zugfolgen auf ihre Schlagkräftigkeit. Mittlerweile flimmert das Brett digital auf einem Computerbildschirm. Schachprogramme mit Namen wie Rybka oder Fritz kommen wie herkömmliche Betriebssysteme regelmäßig in verbesserten Versionen auf den Markt.

Sie sind es, die, unterstützt von prozessorenstarken Rechnern, einzelne Züge oder ganze Variantensysteme daraufhin durchrechnen, dass sie auch wirklich wirken. Weil sie immer weiter rechnen können, müssen in der Folge die Spieler vor allem jene Zugfolgen immer weiter auswendig lernen, mit denen sie ihre Schachpartien beginnen. Und weil die Computer emotionslos ermitteln, müssen die Spieler mittlerweile auch Spielweisen einbeziehen und können, die sie vorher verweigerten mit einer Begründung wie: „Das kann eigentlich nicht gut sein.“ Denn das Wörtchen „kann“ ist im Schachcomputerzeitalter wesentlich weniger bestimmend.

Auch die besten Computer haben Schwächen

Alle Arbeit abnehmen können die Maschinen den Menschen aber nicht, denn auch die besten Schachcomputer haben Schwächen. Zuweilen bewerten sie eine bestimmte Figurenaufstellung schlicht und einfach falsch. Das bekam auch der russische Schachgroßmeister Wladimir Kramnik zu spüren, der im Jahr 2000 den langjährigen Schachweltmeister Garry Kasparow entthronte und im Herbst 2008 in Bonn gegen Anand um die Schachkrone spielte. Anand gewann den Zweikampf damals überlegen, was ganz wesentlich an einer neuen Zugfolge lag, durch die er als Schwarzspieler schon früh zwei Siege eingestrichen hatte und damit uneinholbar in Führung gegangen war.

Der Vorteil der Variante spiegelte sich in der Computerbewertung indes erst weit nach dem 14. Spielzug, der das ganze Abspiel einleitete. Zum 14. Zug selbst werteten die Rechner die Siegchancen für Weiß deutlich höher, weshalb Kramnik samt Beraterstab dieses System als schwach qualifizierte und zu den Akten legte. Einer von Anands Beratern ließ seinen Rechner allerdings etwas länger laufen und präsentierte seinem Chef hernach eine fundamental andere Stellungsbewertung: Schwarz steht gut, nicht schlecht. Anand glaubte ihm - mit Erfolg.

Die Datenbank mit der Schach-DNA

Kern von Anands technischer Ausrüstung ist allerdings eine umfangreiche Partiedatenbank namens Chessbase. Wer an Schachturnieren oder Liga-Wettkämpfen auf der ganzen Welt teilnimmt, die nach den Richtlinien des Weltschachverbandes Fide ausgetragen werden, muss seine Spielzüge auf speziellen Formularen mitschreiben. Diese Notierungen werden danach allesamt eingegeben in ein eigens dafür konzipiertes elektronisches Datenformat. Etwas über vier Millionen Partien haben sich so über die Jahre angesammelt, alle sind in Chessbase gespeichert und können jederzeit abgerufen, nachgespielt und von Schachcomputern analysiert werden.

Möglich ist sogar noch mehr: Die Datenbank verfügt über Funktionen, die alle Partien eines Spielers zusammenfügen, nach Zugfolgen sortieren und gleichzeitig per Statistik anzeigen, mit welcher Farbe oder Variante der Spieler bisher besonders erfolgreich - oder für seine Gegner viel entscheidender: besonders erfolglos - war. Weil jeder einzelnen Zugfolge oder ganzen Zugfolgegruppen wiederum bestimmte Spielertypen zugeordnet werden können, erlaubt die Datenbank sogar Rückschlüsse auf den Charakter der Spieler: Sie enthält nicht mehr und nicht weniger als seine Schach-DNA.

Gute Ideen müssen geheim bleiben

Anand weiß also ganz genau, was Topalow bisher gegen wen spielte, und Topalow weiß genauso gut, in welchen Abspielen Anand eine gute Figur machte. Die Berater müssen alles analysieren und aufarbeiten und aus der Datenfülle unter Zuhilfenahme der Technik Ideen entwickeln, mit denen ihre Chefs punkten. Anands Leute arbeiten bereits seit Dezember des vergangenen Jahres fieberhaft daran, kurze Zeit, nachdem Anand und Topalow mitsamt den Ausrichtern über Ort und Modus des kommenden Zweikampfes einig wurden.

Für gute Ideen gilt dabei vor allem eines: Sie müssen geheim bleiben. Vertrauen ist essentiell, keinesfalls darf jemand irgendetwas ausplaudern. Damit die Risiken nicht zu groß sind, weiß sogar nicht jeder Berater alles. Nur Anand selbst hat den Überblick. Sogar diejenigen, die er engagierte, sollen unbekannt bleiben. Denn natürlich sind sie selbst Spitzenspieler, also steckt auch ihre Schachvergangenheit in der Datenbank, also sind sogar ihre Stärken und Schwächen bekannt, also ist auch das eine Quelle, aus der das gegnerische Team Vorteile ziehen könnte - ein Denken, das an das Geheimagententum während des Kalten Krieges erinnert.

„Die größte Materialschlacht der Schachgeschichte“

Während der Schachweltmeisterschaft in Bonn war Anands damaliger Stab nur ein einziges Mal überhaupt direkt am Austragungsort zugegen, zur Siegerehrung, als alles Spielerische längst vorbei war. Da zeigten sich Rustam Kasimdschanow, Peter Heine Nielsen, Radoslav Wojtaszek und Surya Shekhar Ganguly der Öffentlichkeit. Und selbst dann verriet keiner von ihnen ein Sterbenswörtchen aus der Zeit der Vorbereitung auf diese Schachschlacht.

In der bulgarischen Hauptstadt Sofia, wo Anand und Topalow im April aufeinandertreffen werden, wird es sicher nicht anders sein. Zwölf Partien sind angesetzt, wer mehr als sechs Punkte erreicht, bleibt oder wird Weltmeister. Dafür, dass sie gegeneinander antreten, bekommen beide Spieler eine Million Euro, unabhängig vom Ergebnis. Es geht dann also um eines: die Krone im Schach. „Was den Gebrauch der Technik angeht, wird das die größte Materialschlacht der Schachgeschichte“, kündigt Hans-Walter Schmitt schon mal an.

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Wirtschaft.

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