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Schach-WM Der Brass auf den Neinsager

23.04.2010 ·  Topalow gegen Anand: Vor dem WM-Kampf im Schach in Sofia macht der bulgarische Herausforderer Stimmung gegen den indischen Titelinhaber. Das Nervenspiel hat begonnen, persönliche Angriffe sind an der Tagesordnung, Streit um die Regeln sowieso.

Von Stefan Löffler, Salamanca
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Wesselin Topalow hat ein Imageproblem, und er versteht es nicht. Legt er seine Partien nicht mutiger an als andere Weltklassegroßmeister? Gibt er nicht alles am Brett? Wer, fragt der Bulgare, hat mehr fürs Profischach getan als er und sein Manager Silvio Danailow? Seine Antwort liefert Topalow gleich mit: „Jede positive Entwicklung der letzten Jahre kam von uns.“ Dennoch: Unmittelbar vor dem WM-Zweikampf, der am Samstag mit dem ersten Zug des mit Weiß beginnenden Topwlow beginnt, neigt sich die Waagschale der Sympathien weiter zugunsten des indischen Titelverteidigers Viswanathan Anand.

Wegen der Flugsperre saß Anand nach einer Zwischenlandung in Frankfurt drei Tage fest, bevor er im Auto die Weiterreise nach Sofia antrat, wo er am Dienstag eingetroffen ist. Anand hatte um eine dreitägige Verschiebung des ursprünglichen Beginns am Freitag gebeten. Die bulgarischen Veranstalter wiesen das Ansinnen unnötig brüsk zurück und gestatteten lediglich einen Tag mehr Vorbereitung. Und das fällt auf Topalow zurück.

Dabei ist es nicht das erste Gesuch um Verlegung der WM, das er von Anand hört. Der Inder habe seit Beginn der Verhandlungen über den Titelkampf auf Zeit gespielt, hört man von Topalow. „Er weiß genau, dass wir jedes Jahr im Mai in Sofia das MTel-Masters haben.“ Aber Mai hatte sich Anand als Termin für die WM gewünscht. Als der Weltschachbund Fide den Beginn auf 5. April angesetzt hatte, protestierte der Inder, das sei zu nahe am Turnier in Nizza.

Kaum war die WM verschoben, sagte er für Nizza ab. Nun ist das MTel-Masters abgesagt, und Topalow macht Anand dafür verantwortlich. „Jeder Vorschlag wurde sofort abgelehnt, egal, ob gut oder schlecht. Automatisch nein zu allem, das ist Anands Strategie“, sagt der Bulgare. Weil Anand nicht bereit war, in einer vorhandenen Glaskonstruktion zu spielen, wird der Spielsaal im Militärklub seit Wochen renoviert. Die Arbeiten sollen erst kurz vor dem ersten Zug abgeschlossen sein.

Streit um die Regeln

Ein anderer bulgarischer Vorschlag war die Anwendung der sogenannten Sofia-Regeln. Sie untersagen Remis-Gebote und erlauben nur technisch eindeutige Punkteteilungen durch die Schiedsrichter. Anand lehnte die Regel ab. Nun will Topalow sie einseitig durchsetzen, indem er alle zwölf Partien auskämpft. „Jetzt haben wir etwas, zu dem er nicht nein sagen kann“, verkündet er triumphierend.

Hilft ihm sein Ärger, sich gegen Anand zu motivieren? „Nein. Wir nennen nur emotionslos die Fakten“, erwidert Topalow. Seine schrille Stimme klingt dabei alles andere als emotionslos. Schon stichelt er weiter: „Was denken die Menschen in Indien darüber, dass Anand dort nicht spielen will? Seit 2002 hat er keine Partie dort gespielt. Will er keine Sponsoren in Indien finden? Oder kann er es nicht, weil er keinen professionellen Manager hat wie ich? In beiden Fällen ist es schlecht für Schach.“

Erinnerungen an das Skandal-Match 2006

Topalow war 1995 seinem mit einer Spanierin verheirateten Landsmann Silvio Danailow nach Spanien gefolgt, seit 1998 wohnen sie in Salamanca. Nach Collado Mediano, wo Anand ebenfalls schon seit den neunziger Jahren lebt, sind es nur zwei Autostunden. Besucht haben sich die beiden nie.

Inzwischen wirkt die Stimmung zwischen ihnen ähnlich aufgeheizt wie zwischen Topalow und Wladimir Kramnik vor deren von einem Skandal überschatteten WM-Match 2006. Weil Wladimir Kramnik während der Partien viel Zeit in seinem Ruheraum verbrachte und dort insbesondere in der nicht von einer Kamera einsehbaren Toilette, verdächtigte ihn Topalow des Betrugs.

„Mein Gedächtnis hat Grenzen“

Der Kampf stand vor dem Abbruch. Kramnik gewann das Match, Topalow verlor sein Image. Noch heute fordert er die Herausgabe der Aufzeichnungen, mit denen er Kramniks verdächtiges Verhalten beweisen könne. Dass die Videobänder zerstört wurden, wie der Veranstalter sagt, will der Bulgare nicht glauben. Auf die Frage, was passieren müsste, damit er Kramnik wieder die Hand gebe, kommt ihm sein Manager Danailow mit der Antwort zuvor: „Nie!“

Die Affäre hat nicht nur innerlich Spuren hinterlassen. Mit 35 wirkt Topalow älter als der tatsächlich um fünf Jahre ältere Anand. Immerhin holte sich Topalow etwas Bräune, als er kürzlich sein Training für eine Woche auf der Insel Fuerteventura unterbrach. Früher stemmte er vor wichtigen Wettbewerben täglich Gewichte. Heute geht er gelegentlich schwimmen. „Ausdauer ist wichtiger als Kraft.“ In der letzten Phase vor dem Match setzte er mehr auf Ruhe als auf Schach-Arbeit. Positionen, die eine tiefere Analyse lohnen, kenne er natürlich, „aber mein Gedächtnis hat Grenzen“. Außerdem stehe er seit Februar 2009 als Herausforderer fest. „Ich habe genug Zeit gehabt, mich vorzubereiten.“

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