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Veröffentlicht: 14.10.2015, 13:19 Uhr

Verstärkung durch Flüchtlinge Schach mit Matt und Mousa

„Wenn die Alten wegsterben, ist es vorbei.“ Roland Matt klingt nicht gerade optimistisch, wenn er über die Zukunft seines Schachvereins spricht. Dabei hat er gerade erst zwei neue Mitspieler gewonnen - aus Syrien.

von , Seeheim-Jugenheim
© Michael Kretzer Konzentriert bei der Sache: Almjbel Mousa aus Syrien (vorne), im Hintergrund sein Mitstreiter Abdulhamid Abas und ein einheimischer Schachspieler.

Almjbel Mousa aus Syrien ist an einem unverkennbar deutschen Ort angekommen. Tische und Stühle aus Buchenholz, eine etwas kahle Anmutung trotz Blumenzierde, die obligatorische Theke mit Zapfanlage: Der Saal des „Haus Hufnagel“ in Seeheim ist durchaus repräsentativ für viele Vereinsstätten in Deutschland. Hier, beim stillen Spiel der Schachfreunde der Klubs aus Pfungstadt und Seeheim, hat Mousa aus Damaskus gemeinsam mit einem weiterer Syrer eine Art Fixpunkt im Alltag gefunden, während er darauf hofft, in Deutschland bleiben zu können.

Jörn Wenge Folgen:

Doch der Reihe nach: Hinein in das deutsche Vereinsleben geführt hat die beiden Bürgerkriegsflüchtlinge Bayhas Maleh. Der 78-Jährige trägt zwar einen arabischen Namen, spricht aber Deutsch mit südhessischem Einschlag. Maleh zog es mit 24 Jahren zum Studium aus Syrien nach Deutschland; er lebt schon seit Jahrzehnten in Pfungstadt mit seiner Frau, einer Deutschen, die er an der Hochschule kennenlernte. Als er 1961 zunächst für ein Praktikum nach Wuppertal kam, war aller Anfang schwer: „Ich war einsam“, erzählt Maleh, „ging vom Betrieb in mein Zimmer und wieder zurück.“

„Sprecht nicht nur mit Arabern, sondern geht raus“

Erst beim Studium in Darmstadt fand er Anschluss. „Ich habe einfach mit den Leuten geschwätzt“, sagt Maleh, der damals vor allem in einer studentischen Schach-Gruppe Kontakte knüpfte. Als Rentner kümmert er sich heute in Pfungstadt um seine geflüchteten Landsleute - damit es ihnen ähnlich gut ergeht. „Heute sage ich zu den Asylanten: ,Sperrt euch nicht ein, sprecht nicht nur mit Arabern, sondern geht raus.‘“ Und so hat Maleh nicht nur Syrer zum ortansässigen Sportverein vermittelt, sondern auch zwei zum Schachklub in Pfungstadt. Einer davon ist der 38 Jahre alte Almjbel Mousa, dessen freundliches Wesen und gepflegtes Erscheinungsbild seinen Bericht glaubhaft erscheinen lässt, er habe in Syrien in einer Bank gearbeitet.

Vergangenen Donnerstag folgt Mousa geduldig den Ausführungen Roland Matts, des Vorsitzenden des SK Pfungstadt, zu seiner Geschichte, ehe er selbst in gebrochenem Deutsch und mit einem herzhaften Lachen bekundet, noch kein Spiel verloren zu haben. Matt befindet: „Er hat sich als eine Verstärkung erwiesen.“ Wie Maleh spricht der 71-jährige trotz aller sozialwissenschaftlicher Begriffs-Etikette noch immer von „Asylanten“, wie in der Debatte Anfang der neunziger Jahre. Er freut sich über die beiden neuen Mitspieler: „Sie passen bei uns gut rein.“ Insbesondere Mousa ist ein wichtiger Spieler im Liga-Wettbewerb der „Starkenburg-Liga“. Beim Klubausflug nach Schloss Freudenberg in Wiesbaden fuhr er auch gleich mit.

„Wenn die Alten wegsterben, ist es vorbei“

Matt, der erzählt, dass er früher als Finanzberater gearbeitet hat, ist ein resoluter Typ, der gut in seine Rolle als Flüchtlingshelfer gefunden hat. Der Rentner kann sich ausufernd über das strenge deutsche Mietrecht ereifern, das nach seiner Meinung die Vermietung von Wohnungen an Asylbewerber unnötig erschwere. Zuletzt hat er einen Brief an Mousas Anwalt geschrieben und darin betont, wie gut der Syrer in den Schachklub integriert sei: Mousa kam nämlich über Italien nach Deutschland. Gemäß dem vielzitierten Dubliner Abkommen müsste er eigentlich dorthin zurück - Matt und Mousa sind aber zuversichtlich, dass er bleiben darf, die finale Entscheidung stehe jedoch noch aus. Mousa selbst hofft darauf, dass er bald einen Deutschkurs besuchen kann und vor allem, dass er seine Familie aus einem jordanischen Flüchtlingslager nach Deutschland holen darf.

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